Kapitel  7:  Nächtliche  Träume

Der Wind ließ das bunte Herbstlaub in den Baumkronen rascheln und trug einen wundervollen Geruch an ihre Nase. Genussvoll atmete sie tief ein und schritt durch den Wald, an diesem zauberhaften Tag voll mit goldenem Licht. Diese Jahreszeit liebte sie besonders und verzückt reckte sie den Blick gen Himmel und zu dem Dach der Blätter über ihr. Der Rhythmus ihres Pferdes unter ihr trug sie weich über den Waldboden.

Einfach sein – einfach glücklich – ein Gefühl von Freude, von Frei- und gleichzeitig Daheim-Sein.
 

. . .
 

Lilaine fuhr aus ihrem Traum auf, obwohl es eine wunderschöne Traumpfad-Erfahrung gewesen war, schlug ihr Herz aufgeregt in ihrer Brust. Immer noch halte in ihr dieses Gefühl von Freude wieder und dennoch schien es ihr, als wollte irgendwas ihre Aufmerksamkeit erregen. Auf irgendwas sollte sie achten, doch auf was genau?

Bereits in früheren Zeiten zeigte sich ihr dieser Traum oft in manchen Nächten. Manchmal häufiger und dann doch wieder seltener. Das letzte Mal lag aber nun schon länger zurück.

Sie spähte in die Dunkelheit und erkannte nur wage den Raum, in dem Airon und sie sich zur Ruhe gelegt hatten. Weiter hinten lag er schlafend auf seiner Bettstatt und Lilaine konnte seine leisen Atemgeräusche hören.

Mit klopfendem Herzen legte sie sich zurück und kuschelte sich ein, auch wenn sie ein wenig aufgewühlt war, so fühlte es sich eher wie eine freudige Aufregung an. Vermutlich, aus Freude über ihre momentane Rettung aus der Burg sowie den Fängen des Prinzen und weil sie mit jenen Wesen zusammen sein durfte, die sie bereits in Kindertagen sehr geliebt hatte. Auch wenn sicher nicht alle Pferdmenschen froh über ihre Anwesenheit sein würden.
 

. . .
 

Zögernd setzte der schwarz-weiße Zentaur, der ungefähr dasselbe Alter wie sein Freund Airon zählte, die Hufe vor einander. Er hatte gehört, was geschehen war und fühlte unendliche Dankbarkeit für Airons Rettung. Doch weshalb musste er ausgerechnet einen Menschen hierherbringen? Er als Prinz sollte doch wissen wie gefährlich sie waren. Der Schwarz-Weiße hielt inne, die Erinnerungen an damals holten ihn ein. Mit einem Kopfschütteln verjagte er die Bilder vor seinem inneren Auge. Verschwommen zeichneten sie sich ab, da sie bereits sehr lange her schienen, doch trotzdem verloren sie für ihn seinen Schrecken nicht. Als junges Fohle hockte er versteckt voller Furcht im Dickicht und beobachtete, wie eine Gruppe menschlicher Krieger seine Mutter und seine kleine Schwester …
 

Er schnaubte und verzog sein Gesicht zu einer schmerzverzerrten Grimasse. Für einen Augenblick musste er innehalten und tief durchatmen. Schließlich fasste er sich wieder und setzte seinen Weg fort. Seinen Weg zu Airon, um ihn zu begrüßen, aber auch um sich diesen Menschen anzusehen. Ein Schauer lief ihm bei diesem Gedanken eiskalt über seinen breiten Rücken.

Menschen, einfach widerlich, wie konnte Airon nur?
 

Nicht mehr lange und er erreichte die Behausung des Prinzen. Wachen vor dem Eingang rührten sich nicht als der Schwarz-Weiße hindurch wollte.

Im Inneren fand er Airon nicht vor. Alles lag still vor ihm, aber nur für einen Wimpernschlag lang. Denn da hörte er plötzlich etwas, ein Schatten löste sich aus der Umgebung, kam um eine kleine Ecke hinter einer Holzaufbaute, die als Ablage diente.

„Airon?“, eine sachte Stimme klang an die Ohren des Pferdemenschen, der seine weißen, mit schwarzen Spitzen Pferdeohren aufmerksam aufstellte. Im selben Augenblick zeigte sich ihm eine Gestalt und die Menschenfrau trat ins Licht, der nur zum Teil aufgedeckten Fensteröffnungen. Aus Verwunderung formte sich schnell Missfallen im Gesicht des Pferdemenschen und seine dunkel blauen Augen funkelten sie böse an, die Pferdeohren bedrohlich nach hinten angelegt. Doch er sprach kein Wort, spannte nur seine Muskeln an und ballte die Hände zu Fäusten.

Sie war ein weiblicher Mensch, dass hatte er nicht erwartet. Außerdem wirkte sie viel kleiner als in seiner Erinnerung aus Fohlentagen. Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass von Menschen Gefahr ausging. Auch wenn sie nicht so bedrohlich wirken mochte.
 

Lilaine erschrak innerlich, nachdem sie ihre Verwechslung bemerkte, nicht Airon war zurückgekehrt, sondern ein völlig anderer Zentaur. Seine Fesseln zeigten schwarze Farbe und der Rest seines Fells war dagegen weiß, seine Haare hell blond. Und sie brauchte ihn nicht zu fragen, um zu erkennen wie sehr ihre Anwesenheit ihm missfiel. Vielmehr sah es für sie aus, als sann er darauf sie jeden Moment anzugreifen.

Behutsam zog sie sich einige Schritte zurück, um ein wenig Abstand zwischen ihm und ihr zu bringen.
 

Das schien er allerdings eher herausfordernd zu deuten, er kam ein paar Schritte auf sie zu und achtete darauf möglichst laut auf dem Boden mit seinem Hufen aufzustampfen, mit einem gemeinen Grinsen und dem Glanz in seinen dunklen Augen, der ganz klar keine freundliche Absicht verriet, zischte er: „Hast du Angst, Mensch? Dazu hast du auch allen Grund!“

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Ihre Angst stieg aber nicht an, seltsamerweise verflog beim Klang seiner Stimme ihre Furcht, auch wenn er alles andere als vertrauenserweckend auf sie wirkte. Der Zentaur beugte sich ein Stück zu ihr herunter und packte sie an ihrer Kleidung, zog sie grob zu sich heran und fixierte sie wütend. Im Grunde hatte er nicht vor ihr weh zu tun, doch er wollte sich diese Gelegenheit auch nicht entgehen lassen, einem Menschen Angst spüren zu lassen. Irritierenderweise nahm er plötzlich keine nennenswerte Furcht mehr an ihr wahr, was Zentauren durchaus einfach wittern können.
 

Wie auch immer.

Er zog sie noch ein Stück dichter zu sich und ihre Hand griff an seine, die sie grob festhielt. Dabei stieg ein seltsames Gefühl in ihr auf und für einen Moment verschwamm sein Gesicht vor ihrem Blick. Sie befand sich erneut in ihrem wunderschönen Traum. Die bunten Blätter über ihr, der Rhythmus des Pferdes unter ihr, … die Freude. Sie hörte sich selbst lachen und sich glücklich umblicken, um jemanden zu rufen, sie doch einzuholen – wenn er könnte:

„Torkin! Torkin!“
 

Das Bild verschwamm und Lilaine glitt zurück in die Gegenwart.

Verwundert schaute sie vor sich und erkannte den schwarz-weißen Zentaur, den sie im Grunde unheimlich hübsch fand, nun mit einem respektvollen Abstand vor sich, er hatte von ihr abgelassen und blickte sie mit großen Augen fragend an. Er machte fast den Eindruck, als hätte er gerade etwas sehr Beängstigendes erlebt.

Was war denn los?
 

Es dauerte bis er seine Stimme wieder fand, schließlich knurrte er so gefasst wie möglich:

„Woher … kennst du meinen Namen? Hat Airon ihn dir verraten und dir mein Aussehen beschrieben?“

Sie zwinkerte verwundert. Was meinte er, welchen Namen soll sie gesagt haben?

Moment, … diese Vision. Hatte sie laut gesprochen?

Wie lautete der Name noch? … Torkin …

Aber wie konnte ein Traum und eine Vision ihr einen für sie unbekannten Namen verraten?

Unsicher stotterte sie: „Bist du … Torkin?“

Er zog scharf den Atem ein und nickte dann.

„Woher kennst du meinen Namen?“, pochte er wiederholt auf seine Frage.

„Ich … weiß es nicht … ich träume manchmal … und eben … ich kann es nicht sagen.“
 

„Torkin“, unterbrach Airons Stimme die eigenartige Situation und der Schwarz-Weiße drehte sich zu seinem Freund um. Mit einem seltsamen Blick umarmte Torkin seinen Freund und ließ anschließend von ihm ab. Airon spürte sofort, dass etwas nicht stimmte.

„Was ist mit dir?“

„Ich bin froh, dass du lebst, mein Freund. Doch warum … warum hast du sie mitgebracht?“, die letzten Worte sprach Torkin unter Tränen und verließ dann stürmisch die Behausung.

„Warte, Torkin“, rief Airon ihm nach, er warf Lilaine einen prüfenden Blick zu und rannte dann seinem Freund nach.
 

Oh oh, was hatte sie denn jetzt angerichtet? Dabei wusste sie nicht einmal, was genau geschehen war.