Kapitel  5:  Ankunft

Das Knacken von Ästen ließ Lilane aufschrecken, offenbar war sie eingenickt. Verdutzt schaute sie zu ihm herauf und erkannte, dass ein zufriedenes, ja im Grunde, glückliches Lächeln auf seinen Lippen lag und er nach vorne blickte.

Stimme tragen an ihr Ohr, aufgeregte und offenbar freudige Stimmen.

Sie traten aus dem Dickicht und Airon setzte sie sanft ab, dabei schenkte er ihr kurz ein so freundliches Lächeln, wie sie es noch nie bei ihm gesehen hatte. Es gefiel ihr und vermittelte ihr ein kleines Stückchen Wärme, die wohlig ihren Rücken hinaufzog, wie eine angenehme Gänsehaut.
 

Anschließend trabte er von ihr weg und ließ sie stehen, um sich den anderen Zentauren zu widmen, welche auf ihn zu stürmten.

„Airon! Du lebst! Wir hatten die schreckliche Kunde von deinem Tod erhalten!“

„Oh, Airon, den Ahnen sei Dank für deine Heimkehr!“

„Airon – Prinz Airon, ihr seid zurück, euer Vater und eure Familie werden überglücklich sein!“
 

Prinz? Airon war ein Prinz?

Neugierig beobachtete Lilane die Szene, wie die Pferdemenschen um Airon herumstanden und ihn umarmten, auf die Schulter klopften oder seinen Pferderücken mit der Hand streiften. Sie konnte die große Erleichterung und Freude spüren, die die Zentauren verströmten.

Ihr Prinz lebte!

Er war heimgekehrt!

Wenn doch die anderen Menschen das auch sehen und wie Lilane diese wundervolle Szene genießen könnten. Sie würden verstehen, dass Zentauren genauso tiefe und leidenschaftliche Gefühle besaßen wie sie selbst und würden sie nicht mehr für primitive Bestien halten.

Lächelnd beobachtete sie, wie weitere Pferdemenschen zur Gruppe aufschlossen.

Donnernde Hufen bahnten sich ihren Weg zu dem Heimkehrer, einer von ihnen überragte die anderen Pferdemenschen, nicht alleine durch seine Größe, sondern viel mehr durch seine autoritäre Ausstrahlung. Sein Fell leuchtete wie frisch gefallender Schnee in der Sonne, seine Haare funkelten wie Silber. Die anderen machten ehrfürchtig ein Stück Platz, damit der Helle zu Airon durchschreiten konnte. Und als er vor dem Prinzen stand, zeichnete sich auf seinem Gesicht ein ehrliches Lächeln ab. Seine riesige Hand fuhr Airon an den Hinterkopf und der Helle drückte dann sacht seine Stirn auf Airons: „… mein Sohn …“

„Vater …“
 

„Wen haben wir denn hier?“, eine eher missbilligende Stimme riss Lilaine aus ihrer Beobachtungsphase und sie sah zwei Zentauren auf sich zukommen, die ein wenig jünger als Airon wirkten, dennoch einen imposanten Anblick boten. Zwei Lichtfüchse, die sich bis aufs Haar glichen und leider nicht besonders freundlich zu der Menschenfrau herüberblickten. Ihre Augen schienen sie förmlich durchbohren zu wollen, die aufsteigende Wut der Beiden zeichnete sich durch einen leicht erröteten Kopf ab, was im Grunde fast ein wenig putzig aussah, da die zwei Lichtfüchse im Grunde sehr weiche Gesichtszüge besaßen. Dennoch erkannte sie die feindlich gesinnte Absicht der Zwei und Lilaine trat besorgt einen Schritt zurück, was nun?

Konnte sie Airon um Hilfe bitten?

In dem Gewirr um sie herum würde er sie sicher nicht wahrnehmen.

Da standen sie bereits direkt neben ihr, einer zu ihrer Rechten und einer zu ihrer Linken, und bedrängten sie forsch. Weniger körperlich, mehr mit Worten. Unweigerlich schlug ihr das Herz bis zum Hals und sie brachte keinen Ton heraus.

„Nopal! Quendel! Lasst sie in Frieden, sie gehört zu mir“, rief Airons Stimme die Beiden zurück. Sichtlich verblüfft und auch ein wenig eingeschnappt warfen sei ihm einen eher vorwurfsvollen Blick zu.

„Aber, … sie ist …“, begann der Lichtfuchs-Zentaur rechts neben ihr als Airon auf die Drei zutrabte.

„… diejenige, der ich mein Leben verdanke, ja! Jetzt benehmt euch, oder heißt ihr so jemanden willkommen, die eurem Bruder das Leben gerettet hat?“
 

Quendel schnaubte oder war es Nopal? Jedenfalls nickte sie ihm zögerlich zu und nach einem kurzen Innehalten umarmten sie Airon zur Begrüßung. Es war ihnen deutlich anzusehen, dass sie sehr an einander hangen, Lilaine verstand die Reaktion der zwei rotfelligen Zwillinge irgendwie.

Nachdem die offensichtlich jüngeren Brüder den Älteren freigaben, legte Airon ihren je eine Hand auf ihre Schultern: „Ich möchte, dass ihr sie zu Großmutter bringt und seid nett zu ihr, verstanden?“

„Ist gut“, erklärte der eine und der andere nickte, ihre Gesichtszüge wirkten nicht mehr so voller Wut, aber wirklich glücklich schienen sie mit ihrer Aufgabe nicht zu sein.
 

Airon entfernte sich von ihnen und schloss zu seinem Vater auf, sie sprachen etwas zu einander, Lilaine wagte es nicht, zu den anderen Zentauren direkt herüber zu blicken, doch aus den Augenwinkeln erkannte sie einige fragende oder auch neugierig auf sie gerichtete Augenpaare. Keiner zeigte eine offene Missbilligung über ihr Dasein, sowie Nopal und Quendel gerade eben. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Airon sie soeben als seine Lebensretterin vorgestellt hatte. Oder daran, dass Lilaine nicht alle Gesichter sehen konnte. Wie auch immer, sie musste sich ohnehin jetzt auf die beiden Lichtfüchse konzentrieren, sie ein wenig uneins darüber waren, wer sie tragen sollte.

„Ich … könnte auch laufen …“, brachte sie schüchtern hervor und die Zentauren-Zwillinge blickten sie an als sei es ein Wunder, dass sie sprechen könnte. Die beiden Brüder tauschten fast entsetzte Blickte aus, da sagte der eine: „Du nimmst sie.“ Noch bevor der andere etwas vermochte zu entgegnen, war sein Zwilling auch bereits vorausgelaufen.

„Na schön, dann komm“, brummte der Zurückgelassene mit ausgestreckter Hand, offenbar gedachte er ihr, auf seinen Rücken zu helfen. Sollte sie wirklich auf seinem Rücken getragen werden? Oder verstand sie das falsch?

„Was ist? Glaub ja nicht, dass ich mich auf den Boden knie, damit du aufsteigen kannst. So groß bin ich nun auch wieder nicht, jetzt mach schon“, drängte er nun ein wenig ungeduldig.

„Nein, nein. Ich dachte nur …“, begann Lilaine den Satz, nicht ganz sicher, wie sie ihn beenden sollte. Da hatte sie sich schon mit seiner Hilfe auf seinen Rücken gehievt und zurechtgerückt. Das Reiten auf einem Pferd kannte die Menschenfrau zu genüge, doch auf einem Zentauren zu sitzen kam ihr irgendwie ganz anders vor. Ohne dass sie es merkte, begann sie ein wenig zu lächeln, es war ein schönes Gefühl. Auch wenn sie sich nicht recht traute die Beine fest an seinen Leib zu drücken, um sich sicher zu halten. Außerdem war sie versucht sich mit ihren Händen irgendwo festzuhalten. Aber wo? An seinem Oberkörper sicher nicht, möglicherweise an seinem Fellansatz …?
 

„Ich heiße Lilaine“, sagte sie leise, nicht sicher, ob es ihn überhaupt interessieren würde. Fast ein wenig gelangweilt setzte sich der Zentaur in Bewegung, zunächst sagte er nichts, nachdem sie allerdings bereits ein Stück zurückgelegt hatten, kam eine Stadt in Sicht: die Heimat der Zentauren von Tivolia. Doch sicher nannten sie sich nicht so und bestimmt gab es einen eigenen Namen für das Land, dass sie ihr Zuhause nannten. Ihr Begleiter gab sich stumm und so wagte sie es auch nicht, weiter mit ihm zu sprechen. Überhaupt versuchte sie vor Ehrfurcht so wenig wie möglich aufzufallen, sich kaum zu bewegen, was auf dem Rücken eines Zentauren schwierig war, denn sie musste sich ja auf ihm halten und seine Bewegungen auszugleichen … ja, am besten versuchte sie so gut wie gar nicht zu atmen.

Die Behausungen muteten fremdartig und gleichsam wunderschön an. Sie sahen eher rundlich bis oval aus, alle recht groß und aus den unterschiedlichsten Materialien erbaut. Viele der Gebäude bestanden aus Stein und Holz, so geschickt arrangiert, als könnte man glauben, sie wären wie ein Baum aus der Erde gewachsen. Dennoch erschienen sie stabil, gemütlich und jedes Haus besaß eigene Verzierungen im Bereich des Einganges. Die meisten davon wirkten wie aus der Hand eines Kunstschmiedes geformt.

Natürlich blieb Lilaines Anwesenheit nicht lange unbemerkt und der Bruder des Zwillings kam zurück, mit einem schadenfrohen Grinsen auf den Lippen stieg er auf seine Hinterbeine, um aus seinem Galopp vor ihnen zum Stehen zu kommen.
 

„Ich habe Großmutter bereits vorgewarnt“, grinste er und warf der Menschenfrau einen belustigten Blick zu. Dann wandte er sich erneut an seinen Bruder: „Du machst das toll …“

Lilaines Begleiter schlug genervt mit seinem Schweif: „Warte nur …“

Jetzt konnte sich die Menschenfrau doch eine Frage nicht verkneifen: „Wer von euch ist eigentlich wer? Bist du Nopal oder Quendel?“

Hoffentlich bekam sie dieses Mal eine Antwort, möglicherweise würde er sie einfach weiter ignorieren, bis er sie bei besagter Großmutter abgeliefert hatte. Aber er beantwortete tatsächlich ihre Frage, die er so laut aussprach, dass sie sein Bruder definitiv hören musste, der bereits erneut weiter vorgelaufen war: „Der Drückeberger dort ist Quendel!“ Der indirekt angesprochene Zwilling drehte sich empört um und wollte sicher etwas entgegnen, jedoch verkniff er es sich, denn sein Vater galoppierte zusammen mit Airon und einigen anderen Pferdemenschen unweit an ihnen vorbei. Sicherlich würde ihr Gefeixe nicht gerne vom Oberhaupt gesehen werden.
 

. . .
 

Vater und Sohn betraten eines der größten Gebäude der Stadt. Im Inneren erwartete sie Airons Mutter und Gemahlin des Zentauren-Königs.

„Mein Junge, ich bin so unsagbar froh“, sie gab ihn erst mach einer ganzen Weile aus ihrer Umarmung frei und küsste ihn danach mehrfach auf sie Stirn und die Wangen. Erst nachdem sich die Zentaurin ein wenig beruhigt hatte, man konnte ihr ansehen, dass sie zuvor sehr viel geweint haben musste, ließ sie Vater und Sohn alleine, damit sie sprechen konnten.
 

„Nun mein Sohn, was ist geschehen? Deine Garde kam ohne dich zurück, sie sagten, du seiest umgekommen. Wie ist dir die Flucht gelungen?“

Airon sah seinen Vater lange an, es fiel ihm selbst schwer, die vergangenen Ereignisse wieder neu zu durchdenken.

„Es ... war auch so, wie es die Garde dir berichtet hatte. Die Menschen unter dem Befehl ihres Prinzen gaben nichts auf meine Worte, sie sannen nach meinem Blut. Sie erhängten mich, ich fand den Tod …“, der Zentaur musste kurz innehalten, um seine Stimme wieder zu finden. Der Helle zog entsetzt den Atem ein. Sein Sohn – tot, durch die Hand des Menschen-Prinzen. Was für ein Verrat, eine Kriegserklärung, aber was viel schlimmer wiegte: Es war unsagbar grausam. Eine solche Tat traf nicht nur die Herrscherfamilie in ihrer Hierarchie, sondern vor allem das gesamte Volk mitten ins Herz.
 

„Und, was ist dann geschehen?“, fragte der Vater, um Airon aus seinen Gedanken zu holen. Dieser schluckte und blinzelte schließlich nachdenklich: „Ich bin mir nicht sicher wie, doch die Menschenfrau hat mich zurück ins Leben geholt. Ich habe die Menschen belauscht, sie ist eine Rückholerin, Vater. Du weißt, was das heißt.“

Für einen Augenblick dachte der Helle nach.

„Ja, mein Sohn, mir ist es gewahr, was es bedeutet. Doch warum hast du sie hierhergebracht?“

„Nun, … ich dachte, sie wäre in Gefahr, weil sie mich gerettet hat.“

Immer noch nachdenklich schüttelte der Zentauren-Herrscher unmerklich den Kopf: „Nein, das ist nicht der Grund, Airon. Sie würde sicher Probleme mit ihrem Prinzen ob ihrer Tat willen bekommen, doch als Rückholerin würde ihre Strafe milde ausfallen, er würde ihr kein direktes Leid zufügen, soviel ist sicher. Dafür ist sie zu wertvoll und das müsste auch dir klar sein, mein Sohn. Also, ich frage dich noch einmal: Warum ist sie hier?“

Airon atmete tief ein und sah seinen Vater in die Augen: „Ich … weiß es nicht, Vater …“