Kapitel  4:  Die  Entscheidung

Ein Geräusch ließ sie sich umdrehen.

Ein Wolf? Ein anderes Tier?

Nein.

Sie erkannte in direkter Nähe das Licht von einigen Fackeln. Die Truppe des Königs von Tivolia. Suchten sie nach ihr oder dem Zentauren? Vermutlich nach Beiden.

Geschwind verbarg sie sich hinter einem großen Busch und verharrte in Bewegungslosigkeit. Um keinen Preis der Welt wollte sie erneut den Boden der Feste betreten.

Ihr Atem ging schneller, als sich die Truppe in naher Entfernung an ihr vorbei durch die Dunkelheit schoben. Laute Stimmen unterhielten sich und der jungen Frau stockte der Atem, als sie den Prinzen selbst erkannte.

Oh nein, er durfte sie auf gar keinen Fall finden.

Bitte, bitte nicht!

Flehend schloss sie sie Augen und verharrte in Regungslosigkeit.
 

„Wie konnte das überhaupt geschehen? Der Bastard war doch tot!“, brüllte Gogurn voller Wut seine Krieger an, die sich Schulter zuckend ansahen.

„Herr, das war er auch. Als wir ihn wegschafften, war sein Körper bereits kalt und starr …“

Im Dunkeln konnte keiner erkennen wie sich das Gesicht des Prinzen weiter verfinsterte. Dann sprach er mit gedämpfterer Stimme, die allerdings noch viel bedrohlicher klang als der Tonfall zuvor: „Ihr sagtet, er war nicht alleine?“

„Nein Herr, wir sind uns nicht sicher, aber jemand war bei ihm. Ein Mensch … glauben wir, doch er war nicht deutlich zu erkennen.“

„Glaubt ihr … etwa einer von uns würde einem Zentauren …“, brüllte Gogurn laut los und hielt dann schlagartig inne. Bevor er den Satz beendete, fiel ihm etwas ins Gedächtnis – etwas Wichtiges.

Seine Augenbauen zogen sich bedrohlich zusammen und er grollte: „Lilane …“

Und die anderen verstanden.

„Die Rückholerin, Herr? Meint ihr sie hat … Können Rückholer ihre Gaben öfter hintereinander einsetzen?“, wagte ein älterer Krieger zu fragen, der offenbar schon viele Schlachten geschlagen und daher ein höheres Ansehen beim Prinzen genoss als der Rest der anwesenden Krieger.

Lilane hörte aus ihrem Versteck wie der Prinz schnaubte: „Ich will es hoffen … für sie! FINDET SIE!!“
 

Unweigerlich zuckte sie zusammen, doch glücklicherweise befand sich der Trupp schon ein ganzes Stück von ihr entfernt, sie bemerkten das Rascheln der Blätter nicht. Sie wollte weglaufen, doch ihre Beine gehorchten ihr nicht.

Sie war in der Falle, früher oder später würden sie sie finden, sie konnte sich nicht ewig verstecken. Und was dann?

Sollte sie es besser gleich beenden und sich ergeben?
 

Eine große Hand griff von hinten nach ihr. Sie hielt ihr den Mund zu, damit sie nicht aufschreien konnte und ein zweiter Arm packte sie kräftig, aber nicht grob, und zog sie leicht nach hinten.

„Hab ich dich …“, hauchte eine Stimme leise und da erkannte sie den Zentauren, der wie aus dem Nichts hinter ihr stand und nun verstohlen die Menschen in einiger Entfernung beobachtete. Es fiel Lilane auf, dass er offenbar Gogurn auffällig beäugte, sein Atem ging schneller und der Pferdemensch schien sich zusammen reißen zu müssen, nicht die Beherrschung zu verlieren – vor Wut.

Der Zentaur nahm seine Hand von ihrem Mund und schenkte ihr ein gequältes Lächeln: „Wenn du nicht von ihnen geschnappt werden willst, solltest du mit mir kommen.“

Jetzt also doch?

Natürlich verstand sie seinen Sinneswandel nicht, doch es war Lilane auch herzlich egal. Sie wollte nur weg – weit weg von Gogurn und seiner kalten Burg.

Seine Hand ergreifend hob er sie erneut in seine Arme und trug sie geschickt und leise mit sich, ohne dass die Menschen sie bemerkten.
 

. . .
 

Die Sonne ging langsam auf und die zwei Reisenden machten eine Pause an einer kleinen Quelle, die der Zentaur wie selbstverständlich aufgesucht hatte. Die gesamte Zeit waren keine Worte zwischen den Beiden gefallen und auch jetzt beobachtete sie ihn schweigend, wie er mit einer Hand Wasser aus der Quelle schöpfte, um zu trinken.

Dann schaute er sie aufmerksam an, er wirkte nun etwas freundlicher, wenn man ihm auch ansah, dass diese Situation für ihn ungewohnt war:

„Du solltest was trinken.“

Mit einer einladenden Handbewegung forderte er sie auf, zu ihm zu kommen und sie kam dem nach, kniete sich vor die Quelle und schöpfte mit beiden Händen Wasser daraus, um zu trinken.

Es schmeckte wundervoll und Lilane bemerkte erst jetzt wie sehr sich ihr Körper nach Wasser gesehnt hatte.

„Wie heißt du?“, fragte er nach einer Weile und sie schaute ihn an. Seine blauen Augen leuchteten wunderschön im aufgehenden Sonnenlicht.

„Lilane“, antwortete sie knapp und war sich nicht sicher, ob er ihr seinen Namen verraten würde, wenn sie fragten würde.
 

Der Zentaur nickte anerkennend und stellte seine Ohren aufmerksam nach vorne.

„Mein Name ist Airon“, erklärte er ebenso knapp und schien mit sich zu ringen, welche nächsten Worte er mit ihr wechseln sollte.

Doch dann fasste sich die junge Frau ein Herz und kam ihm zuvor.

„Er hat dich getötet, habe ich Recht? Prinz Gogurn …“

Bei dem Namen des Prinzen verfinsterten sich Airons blaue Augen bedrohlich und er nickte nur starr.

Sie atmete laut ein.

„Aber wieso?“, ihre Stimme klang ehrlich bestürzt, was ihn ein wenig verwirrte. Kümmerte sie sein Wohlergehen? Wohl kaum!

Abfällig schnaubte der Zentaur und schüttelte angewidert den Kopf: „Seit wann braucht ihr Menschen einen Grund um uns unser Leben zu nehmen?“

Ihr entsetzter Gesichtsausdruck und ihre blasse Hautfarbe verrieten ihm, dass es ihr offenbar wirklich nicht egal war.

Aber weshalb?
 

„Was kümmert dich das überhaupt?“, bellte er ein wenig forscher und lauter, als er es eigentlich beabsichtigt hatte.

Mit gesenktem Blick stotterte sie: „Ich finde es … schrecklich.“

Verwundert schnellten seine Ohren nach hinten und dann sofort wieder nach vorne. Er war sich nicht sicher, was er mit so einer Aussage anfangen sollte.

Dann packte er sie schweigend und sie setzten ihren Weg fort, sie getragen in seinen Armen.

Erneut kehrte dieses Schweigen zwischen ihnen ein und Lilane versuchte auch nicht Airon dazu zubringen mit ihr zu reden. Sie wollte einfach nur in seiner Nähe sein und sich weiter von ihm tagen lassen – weg den vergangenen Ereignissen.