Kapitel  3:  Draußen  im  Wald

Die dunklen verzerrten Schatten der Bäume flogen an ihrem Gesichtsfeld vorbei. Vertrauensvoll schmiegte sie sich an ihn und wagte es aber nicht einen Ton zu sagen oder ihn anzustarren.

Das fahle Licht des Mondes leuchtete ihnen den Weg, doch so mühelos wie sich der Pferdemensch seinen Weg durch das Dickicht suchte, wirkte es als machte ihn die Dunkelheit, ob mit oder ohne Mondlicht, offenbar nicht viel aus.

Wie lange konnte er dieses Tempo wohl noch beibehalten? Blitzte der Gedanke in Lilanes Kopf auf und verschwand sogleich, dem auf einmal verlangsamte der Zentaur seine Geschwindigkeit.
 

Sein Atem ging schnell, Schweiß zeichnete sich auf seiner Stirn und dem Fell ab, was für die Menschenfrau allerdings kaum sichtbar war, bei dem nächtlichen Licht und all dem Schmutz.

Vorsichtig setzte er sie ab und machte einige Schritte von ihr weg, auf einen kleinen See zu, der versteckt im dichten Wald nun vor ihnen lag. Der Wasserspiegel lag ruhig und silbern im Mondlicht vor dem Pferdemenschen. Sie fragte sich, was wohl in ihm vorging.
 

Für einen Augenblick schaute er zum hellen Mond hinauf, als dachte er an etwas – an was, dass er schon längst vergessen glaubte. Und dann setzte er sich in Bewegung, ganz langsam trat er die schweren Hufen vor einander. Das Wasser machte ein leises plätscherndes Geräusch als er in den See stieg um sich zu waschen.
 

Endlich konnte er sich von all den schrecklichen Dingen reinwaschen, zu mindestens was die sichtbaren Spuren anging. Das kühle Wasser tat gut auf seiner Haut und für wenige Herzschläge tauchte er vollkommen unter, um kurz darauf mit einem schwungvollen Schütteln des Kopfes wieder aufzutauchen. Er atmete bewusst ein und aus. Vor einiger Zeit hatte sein Atem einfach aufgehört und sein Geist verließ seinen Körper und blieb dennoch in dessen Nähe bis ...

Stirnrunzelnd warf er einen Blick über seine Schulter zu der Frau die er mit sich genommen hatte.

Warum hatte er so gehandelt?

Ein innerer Drang gab ihm den Impuls sie mit sich zu nehmen.

Was sollte er jetzt mit ihr machen?

Sie gab ihm sein Leben zurück.

Also musste er sie schützen, warum er auch immer meinte, dass sie in Gefahr sein würden, wenn er sie bei Ihresgleichen gelassen hätte.
 

Dennoch begeisterte ihn der Gedanke nicht, mit einem Menschen zu seinem Volk zurück zu kehren. Mit einem Schnaufer trat er aus dem See und ging auf sie zu.

Beeindruckt musterte Lilane das mächtige Wesen vor ihr, dessen Anblick nun nicht mehr verkrusteten Blut und Schutz verdeckt wurde. So konnte die junge Frau auch die Fell- und Haarfarbe des Zentauren erkennen.

Sein Fell schimmerte im Nachtschein dunkelgrau bis silbern mit einer Vielzahl von weißen Flecken an der Hinterhand die wie kleine Sterne anmuteten. Seine kräftigen grauen Beine verliefen unter dem Knie in eine schneeweiße Färbung über. Sein Alter schätzte Lilane im etwas demselben wie sie selbst, jedenfalls was das Äußere anging, ob das überhaupt vergleichbar war, wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Tief blaue Augen funkelten auf sie herab, nicht feindselig, aber streng musternd. Beeindruckende Muskeln wölbten sich an seinem gesamten Körper hervor und unterstrichen seine machtvolle Ausstrahlung. Das weiße Haar hing ihm lang am Rücken herunter und das kühle Wasser des Sees perlte hin und wieder von diesen in kleinen Tropfen auf den Boden. Der ebenso weiße Schweif bewegte sich sachte, als er sie stumm beobachtete.

Doch ein Merkmal ließ sie stutzen: seine Ohren. Normalerweise trugen Zentauren menschliche Ohren mit einer leicht am Pferdeohren anmutender Form, doch dieser hier besaß ganz klar erkennbare Pferdeohren. Schöne mit grauem Fell und weißen Ohrenspitzen. Sie gaben dem ansonsten so kräftig wirkenden Zentauren eine putzige Anmutung.
 

Unweigerlich musste Lilane ein wenig schmunzeln, als er seine Ohren ein wenig bewegte. Nachdem er ihr Lächeln bemerkte, legte er etwas missbilligend, seine Stirn in Falten.

Verlegen biss sie sich auf die Lippen. Sie wollte ihn nicht unnötig verärgern.

Nach einer Weile legte er den Kopf schief und grunzte mit heiserer Stimme: „Wer bist du und warum hast du mir geholfen? Sprich, Menschenfrau.“

Die Anrede besaß nicht viel Freundlichkeit und machte klar, dass er ihr misstrauisch gegenüberstand.

Verwundert blinzelte sie: „Ich ... ich weiß es nicht ... Was habe ich denn getan?“

Sie war sich immer noch nicht sicher, ob es tatsächlich ihre Gabe gewesen sein konnte, die ihn gerettet hatte oder ob es eine andere Erklärung geben konnte.

Die Pferdeohren des Zentauren legten sich nach hinten an und seine Augen funkelten mahnend.

„Du weißt es nicht?“

„Nein ...“, antwortete Lilane wahrheitsgemäß.
 

Er wirkte, als überlege er, was nun zutun sein.

Plötzlich drehte er sich einfach um und ging von ihr weg.

Fragend schaute sie ihm nach, nachdem sie begriff, dass er sie zurücklassen würde, lief sie ihm vorsichtig hinterher.

Natürlich hörte er sie näherkommen und schenkte ihr einen beiläufigen Blick über die Schulter:

„Was willst du noch?“

„Was ich will? Ich bin alleine, weit im tiefen Wald, zusammen mit wilden Wölfen und Bären mitten in der Nacht und völlig schutzlos. Ich möchte hier nicht alleine zurückgelassen werden.“

„Geh doch einfach in die Richtung der Feste. Sicher werden die Streitkräfte des Prinzen nach dir suchen und dich bald finden.“

Das Wort Prinz sprach der Pferdemensch mit Bitterkeit aus und auch Lilane schauderte es bei dem Gedanken, als ihr bewusst wurde, dass sie bald wieder in ihrem kargen Zimmer nächtigen müsste.
 

„Danke, ich verzichte darauf. Kann ich nicht ... mit dir kommen?“, platzte es auch ihr heraus, bevor sie genau darüber nachdenken konnte.

Sofort blieb er stehen und sah sie entgeistert an.

„Dich mitnehmen? Zu meinem Volk? Dich? Einen Menschen?“, ein kaltes Lächeln huschte über seine Lippen. Entmutig ließ sie ihre Schultern sinken. Sie wollte einfach nicht in der Burg leben und schon gar nicht Gogurns Frau werden.

„Niemals!“, grunzte er und bäumte sich kurz auf die Hinterbeine auf, seine weißen Haare flogen durch die Bewegung leicht nach oben. Kurz darauf sprang der Pferdemensch ein kleines Stück von ihr weg und ging in einen hastigen Galopp über. Schnell brachte er eine weite Distanz zwischen sich und ihr zustande.

Traurig schaute Lilane ihm nach. Wenigstens war er nun wieder frei.

„Aber warum hast du mich dann erst mit dir genommen?“, fragte sie sich dennoch.
 

. . .
 

Was dachte sich diese Menschenfrau?

Wie von selbst hielt er auf einmal inne und wandte seinen Blick in die Richtung, aus der er gekommen war.

Aber weshalb hatte er sie überhaupt mit sich genommen? Er hätte sie auch von vornherein dort lassen können. Er konnte sich das selbst nicht beantworten.

Auf der anderen Seite wirkte sie nicht so wie die anderen Menschen, womit sie möglicherweise für ihm und sein Volk von Nutzen sein könnte. Etwas in ihm arbeitete und flüsterte ihm ermunternd zu. Nachdenklich strich er sich übers Kinn. Vielleicht war es doch nicht so dumm, auch wenn es ein Risiko blieb.

Unweigerlich fiel er wieder in den Galopp zurück, seine Nase hatte ihre Spur noch nicht verloren und würde sie bald wieder gefunden haben.