Kapitel  9:  Zauber  des  Bondings

Völlig fassungslos stutzte er, ein Ruck ging durch seinen Körper und eines seiner Vorderhufe stampfte leicht auf den Schneeboden auf.

Sie konnte ihn sehen?

Wie kann das sein?

War seine Kraft geschwunden?

Nein, daran lag es nicht.

Meinte sie ihn überhaupt oder stand jemand hinter ihm?

Vorsichtig drehte er seinen Kopf zur Seite, aber dort war niemand.

Sie lachte immer noch leise, vermutlich über seine verblüffte Reaktion.

Dann war es wohl die Wirklichkeit, sie konnte ihn sehen. Jetzt konnte er fliehen oder einfach abwarten was geschieht.
 

Mit einem prüfenden Blick schaute er sie an: „Du kannst mich sehen?“

Sie nickte: „Ja, ist das ungewöhnlich?“

Er schwieg, legte nur seinen Kopf ein wenig schief.

„Ich bin Niju. Verrätst du mir deinen Namen?“, ihre Stimme klang freundlich und aufgeschlossen. Fast so als würde sie sich freuen, jemanden zu haben mit dem sie sprechen konnte.

Also gut, dachte er bei sich: „Ich heiße Larvon.“

„Das ist ein schöner Name für ein wundersames Geschöpf wie dich“, lachte sie und ihre Worte klangen nicht nur ehrlich, sondern auch herzlich.

Ein Geräusch hinter ihr ließ ihn aufschrecken, obwohl der Einhorn-Zentaur für Menschen normalerweise mit seiner Tran-Energie nicht sichtbar war, wollte er kein Risiko eingehen. Immerhin schaffte es die Frau ihn zu erkennen, wohlmöglich galt das auch für andere?
 

Im Gebüsch angekommen beobachtete Larvon das Geschehen aufmerksam. Ein großer Kerl, vermutlich ein Bauer oder ähnliches, denn seine Kleider standen vor Dreck und er trug etwas langes werkzeugähnliches in der einen Hand. Sein Gesichtsausdruck wirkte alles andere als freundlich. Und die Einschätzung des Zentauren sollte sich auch prompt bestätigen.

„Hör auf hier Selbstgespräche zu führen und herum zu trödeln. Du weißt, der Herr sieht das nicht gerne. Beeile dich! Unsere Herrin verlangt nach dir in der Küche!“ Untergeben nickte sie und füllte schnell ihr Gefäß mit Wasser. Doch noch bevor sie ging schickte sie ein Lächeln zu Larvon herüber, der sie nicht aus den Augen ließ.
 

Er blickte ihr nach und verweilte noch eine geraume Zeit in seiner Deckung. In seinem Kopf arbeitete es auf Hochtouren. Diese Frau schien anders zu sein, sie konnte ihn sehen. Sein Vater hatte ihm einmal erklärt, dass sich Bonding-Bestimmte oft auf ganz ungewöhnliche Art erkennen.

Könnte das der Grund für Nijus Fähigkeit sein?

Oder war alles nicht von Belangen?

Dachte er gerade tatsächlich daran einen Menschen als Bonding-Partner zu erwählen?

Ein wenig regte sich ein drängender Wiederstand in ihm, auf Grund seiner früheren Erfahrungen.

Menschen sind hinterhältig und skrupellos! Hetzte eine innere Stimme in ihm, doch da gab es auch eine andere Stimme, die genauso eindringlich erklärte: Aber nicht alle sind gleich, es gibt auch aufrichtige Menschen – die zu wahrer Freundschaft fähig sind!
 

Ein wenig angestrengt schüttelte er den Kopf, seine Hufen setzten sich in Bewegung und steuerten in Richtung Heimweg. Morgen würde er nicht hier her zurückkehren. Jedenfalls fürs erste nicht. Larvon musste nachdenken und in sich hineinfühlen, es gab noch zu viele gegenteilige Gefühle, die ihn hin und her rissen.
 

. . .
 

In seinem Wald verlief alles nach seinem gewohnten, harmonischen Gang. Herrliches Wetter, ein betörender Duft verwöhnte seine feine Nase und der weiche Boden verhieß ihm das vertraute Gefühl seiner Heimat. Eigentlich konnte doch alles schön sein. Doch Larvon fand einfach keine Ruhe.

Am Abend wuchs seine Unruhe nur noch weiter. Irgendwas trieb ihn an, doch ihm blieb verborgen um was es sich handelte.
 

Nachdem der Mond aufgegangen und hoch am Himmel thronte, trieb es den Zentauren aus dem Wald. In großen Galopp-Sprüngen hechtete er durch die Nacht, seinem inneren Drängen nachgebend.

Sein Weg führte ihn den bereits bekannten Pfad in die Menschen-Region, dort wo der Schnee den Wald in ein märchenhaftes Weiß tauchte.
 

Kurz bevor er den Fluss erreichte, verlangsamte der Einhorn-Zentaur sein Tempo. Der Schnee dämpfte die Geräusche um ihn herum und Larvon sah sich aufmerksam um. Das unwohle Gefühl in seinem Magen und sein rasendes Herz verhießen dem Zentauren keine guten Vorzeichen. Alles lag still vor ihm, nichts wirkte bedrohlich.

Was war hier los?
 

Steine und Wurzel der Bäume warfen dunkle Schatten auf den Boden, den er prüfend im fahlen Mondlicht absuchte.

Steine?

Das da vorne konnten keine Steine sein.

Mit einem Satz sprang Larvon über den schmalen Fluss und ging vorsichtig zu dem ungewöhnlichen Gebilde, dass regungslos in der Dunkelheit lag. Noch bevor er genau erkennen konnte, was er gefunden hatte, kam ihn ein Gedanke der Gewissheit: Niju!