Kapitel  8:  Ein  neuer  Anfang

Larvons Zustand besserte sich zusehends in den voranschreitenden Mondwanderungen und dem heranwachsen seines neuen Hornes, dass eine hell goldene Farbe trug. Mittlerweile halt sein Zustand als stabil und sein kleiner Bruder hatte sich schweren Herzens erneut auf seine Reise gemacht, die letzte Phase seiner Heilung würde Larvon auch alleine überstehen.
 

Im Grunde ging es ihm schon wieder ganz gut. Obwohl es ihm nicht angeraten wurde, ließ er es sich nehmen hin und wieder einige Erkundungstouren durch den Wald, oder besser der näheren Umgebung des Heiligtums zu unternehmen. Er strengte ihn an und hin und wieder ertappte ihn einige andere Einhorn-Zentauren dabei. Sie konnten ihn natürlich nicht zurechtweisen, als Hüter des Heiligtums durfte er so ziemlich alles machen, auch seine eigene Gesundheit riskieren. Sie ließen ihn gewähren, er hätte ihnen ohnehin nicht zugehört – aber dann stand irgendwann Arion vor ihm.
 

Offenbar mussten die anderen ihn bei seinem Vater verraten haben, warum sonst wanderte der Wächter des Waldes zu dieser Zeit hier herum? Normalerweise hielt sich sein Vater zu dieser Tageszeit ganz woanders auf. Ein wenig streng musterte er seinen Sohn:

„Wie ich sehe, machst du große Fortschritte, mein Sohn. Aber – ich heiße es nicht gut, dass du dich jetzt schon übernimmst. Das du ein drittes Horn bekommen hast, ist ein großes Geschenk. Dennoch kostet es deinen Körper viel Kraft, diese Tortur zu überstehen. Du solltest vernünftig sein und dir mehr Ruhe gönnen.“
 

Mit einem Schnaufen nickte Larvon. Er fühlte sich wie ein ertapptes Fohlen. Schließlich legte Arion, der mächtige Einhorn-Zentaur, seinem Sohn eine Hand auf die Schulter: „Verstehe, dass Verantwortung nicht nur bei deinen Pflichten und Aufgaben beginnt, sondern vor allem dir selbst gegenüber.“

„Ja, Vater …“, gab Larvon beschämt zurück. Er musste erkennen, dass sein falscher Ehrgeiz nicht nur für ihn gesundheitliche Konsequenzen haben könnte, sondern auch für ihn als Hüter des Heiligtums keine gute Vorbildfunktion erfüllte.

„Ich werde besser auf mich Acht geben, Vater“, versprach Larvon und Arion lächelte seinem Sohn anerkennend zu.
 

. . .
 

Von da an hörte Larvon auf den Rat der Heiler, machte nur kleine Wege innerhalb des Heiligtums und kam dem Bedürfnis seines Körpers nach viel Schlaf nach. So zogen weitere zwei Mondwanderungen ins Land. Die Einhorn-Zentauren hörten von einer Bedrohung, die von den Menschen ausging und ihr Volk bedrohte und von der Aufforderung des Großfürsten der Zentauren, sich in der alten Städte Leirac-Sen zu versammeln. Da das Volk der Einhorn-Zentauren jedoch eng mit ihrem Lebensort verwoben waren und die Kunst des Tarnens besaßen, hatte Larvons Vater dem Großfürsten mitteilen lassen, dass er und sein Volk im Alanju-Wald bleiben und von hier aus mit heilvollen Ritualen für eine segensreiche Entwicklung der Vorkommnisse sorgen würden.

All das verschlief Larvon nahezu vollkommen. Erst nach weiteren zwei Mondwanderungen kamen seine Kräfte allmählich zur alten Form zurück und sein Horn erreichte eine für sein Alter normale Größe.
 

. . .
 

Die Zeit des Genesens und der Ruhe neigte sich seinem Ende und Larvon spürte, dass er sich mit den Worten seines Vaters auseinander setzten musste, die er ihm vor kurzem eröffnet hatte.
 

Dein Leben führt dich einem außergewöhnlichen Weg entlang, doch diesen wirst du nicht alleine gehen können.
 

Innerlich sträubte sich der Einhorn-Zentaur noch dagegen, dies zu akzeptieren. Und Larvon wusste auch wieso, denn jenes Wesen, dass ihn begleiten sollte, würde keine Zentaurin sein. Es bezog sich nicht auf seine Beziehung zu einer seines Volkes, sondern auf ein Bonding – einer tiefen Freundschaft und Verbundenheit mit einem Menschen.
 

Immer noch schüttelte es ihn bei diesem Gedanken und doch waren es die letzten dunklen Erlebnisse die ihm dennoch das Licht einer solchen Verbindung haben kennen lernen lassen. War es nicht ein Mensch gewesen, der ihm geholfen hatte und seine Lebensenergie bewahrte, als er es am dringendsten gebraucht hatte?

Dieser Mensch besaß einen Namen: Saoirse. Sie war es wert, sie bei ihrem Namen zu nennen als einfach nur als Mensch betitelt zu werden. Ihr und ihrem Zentauren-Verbündeten Arktur gehörte sein tiefer Respekt und seine noch tiefere Dankbarkeit. Beide hatten seinen Glauben an Vertrauen und Freundschaft zwischen den zwei Völkern ein wenig Leben eingehaucht.

Vielleicht gab es doch noch Hoffnung?

Hoffnung auf seinen inneren Frieden mit den Menschen.
 

Dennoch fühlte sich der Gedanke, an ein ebenso inniges Bonding zwischen ihm und einem Menschenwesen, jetzt noch viel zu hochtrabend an. Dieser Gedanke ließ ihn regelrecht innerlich erschaudern. Er benötigte Zeit, um sich mit diesem Vorhaben auseinander zu setzten und es in sich reifen zu lassen.

Möglicherweise würde er sich unbemerkt ein wenig unter den Menschen umsehen, sie beobachten, sie so besser kennen und vielleicht auch verstehen lernen.
 

Möglicherweise ...
 

. . .
 

Kurz nachdem der Einhorn-Zentaur das Heiligtum verlassen und sich wieder fit fühlte, begann er sich ein wenig außerhalb des Waldes aufzuhalten, allerdings nicht ohne eine ausgeklügelte Tarnung anzunehmen. Diese Zentauren wohnt ein ganz außergewöhnlicher Zauber inne, der es ihnen erlaubt, mit der Kraft ihres Hornes, für eine gewissen Zeitdauer unsichtbar zu werden. Ein Umstand der Larvon aus zwei Gründen viel Energie kostete: Zum einen konnte er noch nicht ganz ohne Weiteres mit seinem neuen Horn umgehen und zum anderen zerrte seine vergangene Schwäche noch hin und wieder an ihm. So konnte er keine weiten Wege laufen und begnügte sich mit der kleinen Siedlung von Menschen nicht ganz unweit seines Heimatwaldes.
 

Auch dort wuchs ein dichter Wald und die Siedlung der Menschen lag am anderen Ende des Waldrandes. Den Weg dorthin konnte der Einhorn-Zentaur noch ohne seine Tarnung hinter sich bringen, erst im Wald brauchte er sie, weil die Menschen des Öfteren dort auf Jagd gingen oder irgendwas anderes machten. So ganz schlau wurde er auch einigen Tätigkeiten der Menschenwesen noch nicht.
 

An einem Erkundungstag schien die Sonne herrlich vom Himmel und tauchte den Wald in eine Atmosphäre von Ruhe und Verträumtheit, der Herbst war längst vorbei und der Schnee hatte die Herrschaft über die Landschaft übernommen. Fast schien es Larvon ein wenig unnütz, sich unsichtbar zu machen, da er in der weißen Landschaft mit seinem schneeweißen Fell ohnehin nicht sonderlich herausstach. Aber sicher war ihm lieber.
 

Heute fand er keine Menschen im Wald, also schlenderte er zum kleinen Bach, an dem er oft welche beobachten konnte. Dieser lag am Rande des Waldes, sehr dicht an der Siedlung selbst. Gut getarnt schritt er heran und sah dort eine junge Frau alleine etwas Wasser in ein größeres Behältnis füllen. Er hatte sie schon öfter gesehen, ihr rotes Haar hing ihr in großen Wellen von den Schultern, ihre Haut wirkte eher blass und ihrem Gesicht strahlten blaue Augen in die Welt hinaus. Sie wirkte immer fröhlich, obwohl es auf den Einhorn-Zentauren den Anschein machte, sie habe es nicht sonderlich leicht. Ihre Kleider wirkten recht alt, an einigen Stellen zerrissen und manchmal sah sie müde und abgekämpft aus. Andere Menschen trugen durchweg gepflegte Kleidungsstücke und zeigten eine andere Ausstrahlung, stolzer oder herablassender. Manche behandelten sie nicht gut, sprachen grob mit ihr oder schubsten sie wie zufällig zur Seite. Larvon war sich nicht sicher, was er davon zu halten hatte. Er wollte es nicht bewerten, schließlich ging ihn das Miteinander der Menschen nichts an, er wollte sie nur studieren.
 

Ohne in Geräusch zu machen, stellte er sich ihr gegenüber auf das andere Ufer und beobachtete sie bei ihrem Tun. Schon bald lächelte sie freudig vor sich hin, so als würde ihr jemand etwas Amüsantes erzählen. Aber es gab außer ihn niemanden hier und er war schließlich für sie nicht sichtbar. Vermutlich eine Verhaltensweise die er nicht verstand. Seine Rute wedelte entspannt hin und her, während er wartete und sie betrachtete.

Dann hob sie den Kopf und schaute genau zu ihm herüber.

Vermutlich Zufall.

Er blieb ruhig stehen und eines seiner Pferdeohren drehte sich leicht zur Seite. Da lachte sie glücklich:

„Du bist wieder da.“