Kapitel  7:  Hoffnung  schlägt  Gier

Für eine Weile versank Saoirse in ihren eigenen Gedanken, bevor sie von Geräuschen aus diesen wachgerüttelt wurde. Die Einhorn-Zentauren mussten sie gefunden haben, dachte sie erleichtert. Jedoch erfuhr sie eine schreckliche Enttäuschung, als die sich nähernden Schatten als Menschen erwiesen.
 

Sie konnte nichts tun, dennoch stellte sie sich vor den am Boden liegenden Zentauren und versperrte den anderen den Weg zu ihm. Saoirses Herz setzte für einen Augenblick aus, nachdem sie eine der Personen erkannte: die herzlose Madame Eruch, eine widerliche Hexe die Fjolken versklavt und sogar versucht hatte Arktur für ihre Nichte gefügig zu machen. Nach dem Schrecken stieg Wut in der jungen Frau hoch.

„Verschwindet hier, die anderen werden jeden Moment hier sein! Ich lasse es nicht zu, dass ihr ihn noch mehr verletzt!“
 

Die grauhaarige Eruch lachte nur abschätzig und gab einen der Männer den Befehl sie aus dem Weg zu schaffen. So schnell konnte Saoirse gar nicht gucken, wie sie einer der großen Kerle packte und zur Seite warf. An den kalten Erdwänden gelehnt, hielt er sie in seinem eisernen Griff gefangen.

Tatenlos musste sie mit ansehen wie die grausame Frau das Horn von Larvon mit einem Ruck komplett abbrach und der Zentaur nur schwach dabei zuckte. Entsetzt schrie Saoirse bis ihr der Mann hektisch seine große Hand vor den Mund presste. Verzweifelt versuchte sie sich zu wehren und trat aufgebracht um sich.
 

Anschließend traten die Menschen hastig den Rückzug an und Saoirse wurde freigelassen. Da sie sich vor Larvon vor die Füße warf, konnten die Verbrecher entkommen. Aber sie hätte alleine ohnehin nichts auszurichten vermocht. Saoirse wollte bei Larvon sein und ihm beistehen, so gut sie es konnte.

Das teuflische Lachen der Menschengruppe verhallte in der Stille der Nacht. Einer trügerischen Stille legte sich über den Wald, die eine tiefe Traurigkeit in sich trug, denn ein Einhorn-Zentaur lag im Sterben – durch die Hand von Menschen.
 

Beschämt über Ihresgleichen versuchte sie Wut und Verzweiflung in den Griff zu bekommen. Wenn Larvon so etwas schon einmal erlebt hatte, konnte Saoirse nur zugut verstehen, warum er ihr gegenüber mit so viel Mistrauen begegnete.

Sie musste was unternehmen! Nur was?

Der Kaziol-Stein um ihr Handgelenk leuchtete auf, als sie in die Nähe des abgebrochenen Horns kam. Vorsichtig strich sie über seine Stirn, passte aber auf, dass sie dabei die Stelle des Hornstumpfes nicht berührte.

Der Zentaur rührte sich nicht, Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn. Sie wusste nicht viel über die magischen Steine dieses Waldes, doch sie hielt den Kaziol in einem kleinen Abstand vor Larvons Hornstumpf und der Stein erhellte seine Leuchtkraft, ob ihm das wirklich helfen konnte, wusste die Frau allerdings nicht.
 

Erneut verharrte sie wartend neben dem Einhorn-Zentauren. Es schien ihr wie eine Ewigkeit bis sie endlich die erlösenden Geräusche von Zentaurenhufen hörte.

Der Großwächter Arion eilte an der Spitze der Gruppe als erstes zu ihr und seinem Sohn durch. Sorge, aber auch Wohlwollen der Menschenfrau gegenüber, die offenbar bei Larvon geblieben war, um ihm zu helfen, spiegelten sich in seinen Augen wieder.

„Ich danke dir … wir werden uns jetzt um ihn kümmern“, behutsam aber schnell halfen zwei andere Einhorn-Zentauren dabei den Verletzten auf den Rücken seines Vaters zu hieven.

Mit erstickter Stimme fragte Saoirse leise: „Wird er es schaffen?“

Noch bevor sich der Großwächter in Bewegung setzte, erklärte er ihr mit ruhiger Stimme: „Das liegt an ihm.“

Dann liefen die Zentauren des Waldes davon und hinter ihnen bahnten sich Arktur und seine Freunde den Weg durch die enge Erdschlucht zu Saoirse.

Erleichtert und glücklich umarmte sie den Palomino, als sie ihm erzählte was geschehen war konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Eruch und ihre Handlanger sind bereits von uns gestellt worden. Die Einhorn-Zentauren haben sie mit einem Zauber verwirrt, sodass sie den Wald verlassen und auch das Horn verloren haben. Sie werden durch eine magische Barriere gebannt, so können sie diesen Ort nie mehr wieder aufsuchen“, versuchte Arktur seine Freundin zu beruhigen. Und zu mindestens in dieser Hinsicht gelang ihm das und doch blieb die große Sorge um Larvon.
 

„Glaubst du, wir dürfen ihn besuchen? Vielleicht können wir ja was tun? Ich weiß … ich dürfte nicht hier sein, aber … ich …“, stotterte sie traurig und Arktur drückte sie.

„Ich verstehe dich, wir werden fragen ob das möglich ist. Doch jetzt ist sicher nicht die Zeit für unsere Hilfe. Wir werden in das Dorf zurückkehren und dort warten.“
 

. . .
 

Schon am nächsten Tag drängte sich ein jüngerer Einhorn-Zentaur durch das Dorf. Viele wirkten erstaunt ihn zu erblicken, Arktur und Saoirse hörte zufällig mit, dass es sich um Cleason handelte, dem jüngeren Bruder von Larvon. Er habe gespürt, dass irgendwas nicht in Ordnung sei und sich sofort auf den Weg zurück gemacht.

Zunächst wollten die anderen Zentauren in abhalten, aber schließlich erschien eine wunderschöne Zentaurin, seine Mutter die Großwächterin und umarmte ihren Sohn herzlich.

„Deinem Bruder ist ein Schrecken wiederfahren, doch es geht ihm schon ein wenig besser. Wenn du möchtest, dann komm mit mir. Ich führe dich zu ihm.“ Danach hob sie ihren edlen Kopf in die Richtung der beiden Außenstehenden.

„Wenn ihr wollte, dann könnt auch ihr mitkommen, Larvon würde sich freuen.“
 

Natürlich wollten sie mitkommen.

Unami führte ihren jüngeren Sohn an der Hand, während Arktur hinter her ging und Saoirse auf seinem Rücken trug. Aufgeregt pochte Saoirses Herz, als sie sich einer riesigen Steinhöhe näherten die so unglaublich schön von innen aussah.

Sie nahmen einen Gang der sie tiefer in das Innere führte und in einem Höhlenraum mit unglaublicher Deckenhöhe brachte. Die Wände schienen aus Rosenquarz zu bestehen und glitzerten rosa-weiß. Eine ruhige und wohltuende Atmosphäre lag über diesem Ort. Viele Einhorn-Zentauren standen in diesem Raum, einige bei Larvon, andere etwas außerhalb. Jeder schien etwas zu tun, auch wenn sich Saoirse nicht ganz sicher war, um was es sich genau handelte. Vielleicht meditierten sie? Schickten sie dem kranken Zentauren Energie? Jedenfalls kam es der jungen Frau unpassend vor neugierig zu fragen. Immerhin war es ein unglaubliches Zugeständnis, dass sie diesen Ort überhaupt betreten durfte.
 

In der Mitte des Raumes lag eine Art Bettstatt, die aussah als bestünde sie aus übergroßen Blütenblättern. Es wirkte gemütlich und weich.

Der kleine Cleason umarmte kurz seinen Vater, der neben Larvon auf der Bettstatt kniete und dann legte er sich neben seinen großen Bruder. Jeder konnte sehen wie nah sich die Beiden waren.

Der immer noch geschwächte Larvon öffnete müde die Augen, freute sich aber sichtlich seinen Bruder zu sehen, wenn er auch ein wenig überrascht schien.

„Was machst du hier, Kleiner?“, brachte er mit heiserer Stimme hervor.

„Ich will bei dir sein“, antwortete er nur mit ebenso leiser Stimme und kuschelte sich dicht an ihn heran. Seelig schloss Larvon seine Augen erneut.
 

Die Zentaurin strich ihren Söhnen liebevoll über das weiße Fell und winkte dann Saoirse und Arktur heran.

Beim Näherkommen erkannte die junge Frau, dass der Hornstumpf nicht mehr zu sehen war, viel eher fand sich jetzt dort eine kleine Beule an dieser Stelle.

„Sein Horn wächst wieder nach …“, freute sich Arion, der wohl ihre Gedanken in ihren Augen gelesen hatte. Erleichtert darüber musste Saoirse lächeln.

Als Larvon weitere Besucher spürte, öffnete er erneut die Augen. Es fiel ihm offenbar schwer wach zu bleiben und zu sprechen, also beschränkte er sich auf das Wesentliche: „Ich … möchte euch danken, … vor allem dir …“ Und er meinte damit Saoirse, was sie sehr berührte.

„Ihr werdet bald abreisen … mein Vater soll dir, Saoirse, noch etwas mitgeben …“

Sie nahm seine Hand und drückte sie, eigentlich verstand sie nicht, warum er meinte sie würden bald abreisen, doch sie nahm es einfach hin. Der Einhorn-Zentaur lächelte schloss die Augen und erwiderte kurz ihren Händedruck. Dann schlief er ein.

Saoirse zog sich vorsichtig von ihm zurück, ohne ihn dabei zu wecken.
 

Da trat ein weiterer Zentaur auf die Beiden zu und Saoirse hätte ihn fast nicht erkannt, es war Fjolken, gesund, kräftig und mit stolzer Haltung grinste er sie an.

„Du bist wieder gesund!“, freute sich Arktur und die zwei Brüder umarmten sich vor Freude. Das hatte Larvon also gemeint.
 

. . .
 

Die kleine Gruppe um Arktur und Fjolken machte sich kurz darauf bereit zur Abreise und wie es Larvon gesagt hatte, kam Arion zu Saoirse und reichte ihr etwas. Einen rundgeschliffenen Stein, dachte sie zuerst, aber bei genauerem Hinsehen erkannte sie, um was es sich tatsächlich handelte.

„Ist das etwa?“

Der Großwächter nickte: „Ja, das ist es. Nachdem Larvon den schwersten Teil überstanden hatte, verlor er seinen alten Hornstumpf, damit sein neues Horn wachsen kann. Doch anders als normalerweise, wenn ein Horn gewaltsam abgetrennt wird, starb der Stupf nicht ab.“

Fasziniert betrachtete sie den rundgeschliffenen Stumpf, der jetzt wie ein silberfunkelnder Kieselstein aussah. Eigentlich dürfte er keine Farbe mehr haben und matt weiß oder sogar Schwarz anlaufen, so sehen tote Hörner in Wirklichkeit aus.

„Aber wie kann das sein?“, konnte sie sich diese Frage nicht verkneifen und Arion blieb geheimnisvoll:

„Kannst du dir das nicht denken?“

Sie war sich nicht sicher ob es vielleicht an dem Wunsch und der Hoffnung gelegen haben könnte, dass Larvon überleben würde. Oder an ihrer Liebe für die Zentauren? An ihre wahre Absicht ihm zu helfen?

„Er möchte, dass du es bekommst, es ist eine große Ehre. Trage es mit Achtung und achte auf es. Es ist wertvoller und machtvoller als du vielleicht glauben magst“, gab Arion ihr noch mit auf den Weg und sie überreichte ihn noch den Kaziol-Stein.
 

Sie verabschiedeten sich und schließlich brachen die Zentauren auf, um zurück zu den Cheiraden zu reisen. Wohlwollend blickte Arion ihnen nach.