Kapitel  21:  Macht  und  Ohnmacht

Hart fiel sie zu Boden und anschließend konnte sich die junge Frau für eine lange Zeit nicht mehr bewegen. Es dauerte bis die Wirkung des Rauches nachließ und sie wieder zu sich kam. Ihr Kopf pochte vor Schmerzen und ein leichter Schwindel erfasste Saoirse, als sie sich kniend aufrichtete. Im Halbdunkeln erkannte sie nicht gleich, wo sie sich befand: im Pferch von Fjolken. Und Arkturs Bruder kauerte ebenfalls neben ihr.
 

"Fjolken, was ... was ist geschehen? Wo ist Arktur? Was haben sie mit ihm vor?", brachte sie mit erstickter Stimme hervor und der Pferdemensch regte sich sofort, als er ihre Stimme hörte.

"Du bist wach ... das ist gut. ... Sie werden ... sie werden das Gleiche mit ihm machen ... wie mit mir. Sie werden meinen Bruder solange verwirren, bis er den Zugang zu sich selbst verliert. Er ist dann ... ihr Eigentum, ihr Marionette. Er kann sich nicht befreien und dennoch wird er nie aufhören es zu versuchen, weil ... er genau weiß, was mit ihm geschieht ... und es doch nicht ändern kann ...", Fjolken vergrub sein Gesicht in den schmutzigen Händen und schluchzte. Erschrocken und noch völlig fertig von der Nebelattacke, legte sie ihre Wange auf Fjolkens Pferderücken. Was muss das für eine Tortur sein? Sie fühlte Angst in sich aufsteigen – Angst um ihren Freund und seinen Bruder. Doch schon bald vertrieb etwas diese lähmende Angst – Mut. Der Mut die zu schützen, die ihr am Herzen lagen.
 

"Wir werden ihn befreien und dich gleich mit!"

Der Zentaur sah auf und blickte die Frau ungläubig an.

"Aber wie ...?"

Nachdenklich inspizierte sie ihre Umgebung. Fjolkens Beine und Arme lagen nun nicht mehr in Ketten, dafür allerdings war nun die Tür versperrt. Vielleicht könnte sie einen Teil des modrigen Holzes eintreten und sie Beide so befreien? Wie versteinert starrte der Zentaur sie an. Offenbar blieb es ihm durch die Art und Weise mit der die Menschen ihn manipuliert hatten, verwehrt sich selbst zu befreien, obwohl es für ihn sicher ein Leichtes gewesen sein müsste, die Wände einzutreten, selbst in seinem geschwächten Zustand. Doch für Saoirse spielten diese Gedankengänge jetzt keine Rolle mehr, sie musste handeln.

. . .
 

Der Raum um ihn herum wirkte nur auf den ersten Blick leer und verlassen.

Abgesehen von dem einen Fenster, dass das Sonnenlicht genau auf ihn herabfallen ließ, lag alles andere im Dunkeln. Angestrengt spähte Arktur in das Unbekannte, in der Hoffnung seinen Bruder und Saoirse zu erkennen. Doch alles was er witterte, war der unangenehme Geruch der Menschen, die hier lebten.

Sein Atem ging schwer und sein gesamter Körper glitzerte im Licht der Sonne vor Schweiß. Die Beine lagen eingeknickt unter seinem kräftigen Pferdekörper, die Arme hingen gefesselt in der Luft, von jeweils einer Eisenkette gehalten.

Er konnte sie nicht sehen, aber der Palomino-Zentaur wusste, dass sie im Raum sein mussten.

"Was wollt ihr von mir? Wo sind meine Begleiterin und mein Bruder?", brummte er kämpferisch. Die erste Verwirrung hatte nachgelassen und sein Kampfeswille erneut geweckt.
 

Die Sinne des Pferdemenschen sollten ihn nicht täuschen. Die Gestalt der Herrin und ihrer Nichte traten auf ihn zu. Ihre Gesichter lagen für ihn im Dunkeln. Die ältere Frau lachte zufrieden und als Antwort schnaubte Arktur missbilligend.

"Kümmere dich nicht um deine Freunde, du wirst sie nicht wiedersehen. Und was dich angeht, gewöhne dich daran meine Nichte Inja als deine Herrin – dein Mistress – anzusehen", erklärte Eruch triumphierend und legte der widerlich grinsenden jungen Frau neben ihr, eine Hand auf die Schulter.

Wut kochte in ihm hoch und noch bevor er darüber nachdachte, bäumte sich der Palomino auf seinen Hinterbeinen auf und brüllte mit voller Stimme: "Niemals!" Die Ketten klirrten laut, als er die Muskeln seiner Arme anspannte und es machte für einen Augenblick den Anschein, als könnte er sich befreien, doch die Befestigungen der Ketten an der Scheunenmauern hielten stand. Der Ausbruch des Pferdemenschen verfehlte seine imposante Wirkung nicht, die beiden Frauen traten wenige Schritte zurück.
 

"Du bist wirklich um einiges stärker als der andere Zentaur", gab Eruch zu, doch es lag keine Bewunderung, sondern Verachtung in ihrer Stimme.

"Aber das wird dir nichts nützen!"

Der Rauch erfüllte erneut Arkturs Umgebung, der stechende Geruch und die halluzinierende Wirkung setzte abermals ein und brachen noch viel heftiger über den Pferdemenschen herein, wie bei der ersten Attacke.

Benommen taumelte er auf seine Vorderbeine zurück und brach kurz darauf zusammen.

In seinem Inneren drehte sich alles. Seine Kraft und sein Wille verschwanden in einem wabernden Nebel aus Verwirrung und Desorientierung.

Was würde aus Fjolken und Saoirse werden?

Er musste sie beschützen ... er musste ...

... ... ...

... wen beschützen ...?

Die Verbindung zu seiner Herzenergie verblasste erneut und er fiel in ein noch tiefere Benommenheit als zuvor.
 

Da, im Dunkel taucht eine Gestalt auf.

Wer?

Ist das ... Saoirse?

Ist sie da?

Sie hielt ihm die Hand entgegen und in Arktur flammte eine wage Regung von Hoffnung und Erleichterung auf. Er ergriff ihre Hand und legte ihren Handrücken auf seine Stirn, nachdem er seinen Kopf ein Stück zu ihr heruntergesenkt hatte.

"Saoirse, du bist da ..."

"Komm mit mir", hörte er die Frauenstimme sagen und er folgte ihr.
 

Inja führte den Palomino Zentaur aus der Scheune, zufrieden folgte Eruch ihrer Nichte.


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