Kapitel  20:  Zentauren  Herz

Die Nacht über ließ dieses seltsam mahnende Gefühl nicht von ihr los. Selbst im Schlaf träumte Saoirse von schrecklichen Dingen, die sie ein paar mal aufschrecken ließen und sich gleich darauf in nicht mehr fassbaren Bildern aus ihren Gedanken aufgelöst hatten. Ihr Freund neben ihr schien davon unberührt und schlief, jedes Mal wenn sie wach wurde, tief und fest.
 

Schließlich graute der Morgen irgendwann und die junge Frau machte sich auf den Weg aus der Scheune, um kurz frische Luft zu schnappen. Sie konnte nicht sagen weshalb, doch dieser Ort flößte ihr Unbehagen ein. Dabei fiel ihr wieder auf, wie leicht sie doch schon wieder fror, obwohl die Kühle des Morgens im Grunde angenehm war, da doch immer noch die warme Jahreszeit herrschte. War es ein inneres Frösteln?

In Gedanken versunken machte sie einige Schritte über das Grundstück, vorbei an den Stallungen. Noch war kein Personal zu sehen, das höchst wahrscheinlich jeden Moment sein Tagewerk beginnen würde.
 

Etwas zog sie wie magisch an, ohne dass sie darüber nach dachte, schritt sie den Weg vorbei an dem großen Anwesen, dass seine besten Tage schon hinter sich hatte und dennoch imposant aussah. Das zweistöckige Gebäude mit einem spitz zulaufenden Dach wirkte wie ein gruseliges Geisterhaus auf die junge Frau. Vorbei an den Stallungen, wo das leise Wiehern einiger Pferde ihr ein wenig Behaglichkeit spendete, ging sie weiter, geradewegs auf eine heruntergekommene Baute zu, die an einen alten Schuppen erinnerte.
 

Verstohlen warf Saoirse einen Blick zurück, irgendwie fühlte sie sich beobachtet. Vielleicht sollte sie lieber zurück gehen und mit Arktur zusammen verschwinden.

Noch bevor sie sich umdrehte, ließ sie ein Geräusch inne halten. Eine innere Stimme gebot ihr genauer hinzusehen und dem auf den Grund zu gehen. Dieser kleine Schuppen, oder was auch immer es einmal war, besaß zwar eine halb verfallene Tür, die jedoch nicht verschlossen war. Mit pochendem Herzen schritt sie näher und umfasste das modrige Holz des kleinen Tores. Nur mit wenig Kraftaufwand konnte Saoirse die Tür öffnen – und erstarrte für einige Herzschläge lang.
 

Ein zusammengekauerter Schatten hockte vor ihr auf dem schmutzig matschigen, zum Teil mit einer Pfütze, bedeckten Boden. Es entging der jungen Frau nicht, dass das Geschöpf bei ihrem Anblick leicht zusammen zuckte. Zuerst sah sie nur einen Teil es Wesens und hielt es für ein abgemagertes Pferd, doch dann erkannte sie den Rest des Körpers – den eines Pferdemenschen.

"... was haben sie mit dir gemacht ...?", flüsterte Saoirse mit bebender Stimme und so leise, dass nur sie es hören konnte, und vermutlich der Zentaur mit seinem guten Gehör. Er schien zu spüren, dass sie ihm nichts Böses wollte, vorsichtig hob er seinen Kopf, denn etwas war an dieser Menschenfrau anders. Irgendwas an ihr erinnerte ihn an etwas – etwas vertrautes ... oder an jemanden?
 

Ein klirrendes Geräusch ließ die junge Frau an ihm herunter sehen, vier Eisenketten fesselten ihn, zwei fixierten die Vorderbeine, zwei weitere seine Arme. Behutsam, um ihn nicht zu verschrecken, kletterte sie durch den Eingang und kniete sich zu ihm.

"Hab keine Angst. Wir werden dir helfen. Was genau ist hier los? Warum tun sie dir das an?", brachte Saoirse hervor und legte ihm eine Hand auf seinen Pferderücken. Seine Fell zuckte einmal kurz unter ihrer Berührung, danach wirkte er so, als versuche er sich zu entspannen. Zunächst schwieg der Zentaur und schaute sie nur im Halbdunkeln des Verschlages an. Ein widerlicher Geruch lag in der Luft und wenn Saoirse ihn schon als ekelhaft empfand, dann musste es für eine empfindliche Zentaurennase um so furchtbarer riechen. Durch den Dreck in seinem Fell und auf seiner Haut erkannte sie nicht viel von seinem Aussehen, seine Haare waren verdreckt und verklebt, seine blauen Augen wirkten zunächst ohne Hoffnung.

"Ich ... weiß es nicht ... mehr ...", gab er nach einer gefühlten Ewigkeit von sich. Doch er schien innerlich nachzudenken, irgendwas beschäftigte ihn, so als suchte er angestrengt nach etwas in seinen Erinnerungen. Und plötzlich funkelte ein kleiner Hoffnungsschimmer in seinen Augen auf.

Er wusste es wieder.

Dieser Geruch, denn die Frau an sich trug – er kannte ihn.

Er erinnerte sich an etwas – an jemanden.
 

"... Arktur ...", stotterte der gefesselte Pferdemensch und ihm war seine Aufgewühltheit anzumerken.

Er kannte Arktur.

Nickend versicherte Saoirse: "Ja, Arktur ist mein Freund. Er ist hier, wir werden dich befreien."

Doch der Zentaur schüttelte auf einmal abwehrend den Kopf.

"Nein! ... Ihr müsst weg! Sofort! Geh ... geh ... bitte. Ihr müsst fliehen ... Arktur muss hier verschwinden ...", er unterstrich die Dringlichkeit seiner Worte, in dem er sie mit seinem rechten Arm leicht von sich wegdrückte.

Verwirrt und erschrocken stand Saoirse auf.

Was passierte hier?

Sie ging, aber natürlich würde sie den armen Kerl nicht einfach zurück lassen und Arktur würde dies sicher auch niemals tun.
 

. . .
 

Es verging kaum Zeit, da stand Saoirse erneut und mit ihrem zentaurischen Freund vor dem Verschlag. Die junge Frau glaubte in Arkturs Mimik zu lesen, dass er seinen Artgenossen schon aus der Ferne erkannte. Und sie sollte Recht behalten. Mit schnellen Schritten trabte er auf das kleine Gefängnis zu und verschwand zu Hälfte darin. Behutsam stellte sie sich neben Arktur und sah wie er das Gesicht des anderen Zentauren in seine Hände nahm und die Stirn auf die seines Gegenüber drückte.

"Fjolken ... du bist es wirklich! Jetzt weiß ich auch, warum wir all die Jahre nichts von dir gehört haben. Sie haben dich gefangen, aber das wird jetzt hier enden. Wir holen dich hier raus, mein Bruder", erklärte der Palomino mit fester Stimme und sah seinem Bruder direkt in die Augen.

Fjolken.

Arkturs älterer Bruder.

Saoirse hatte von ihm gehört, ihn aber bisher nicht kennen gelernt, er war verschwunden, bevor sie mit Opalos die Cheiraden erreichen konnte.
 

"Das werdet ihr ganz sicher nicht!", fauchte eine Frauenstimme hinter den Dreien und alle wandten sich ruckartig um. Madame Eruch, ihre Nichte Inja sowie zwei Männer im mittleren Alter, standen nur wenige Schritte hinter der kleinen Gruppe.

"Flieh, mein Bruder. Ich bin verloren, aber du musst dich retten. Bitte ... bevor es zu spät ist ...", drängte Fjolken Arktur plötzlich und fasste ihn flehend am linken Arm. Sofort schüttelte Arktur den Kopf: "Das tue ich nicht – niemals!"

"Halt deinen Mund, Brak!", verbot die Gutsherrin dem gefangenen Zentaur das Wort, was Arktur nur noch wütender machte. Er drehte sich zu ihr um, baute sich mit stolz geschwellter Brust vor ihr auf und fixierte sie missbilligend, eine Art und Weise die Saoirse so bei ihrem Freund noch nicht beobachten konnte. Sie hingegen kniete sich zu Fjolken und legte ihm einen Arm um den abgemagerten Pferderücken.
 

"Ich weiß nicht, was dich veranlasst hat, ein solches Verbrechen an meinem Volk zu begehen, Menschenfrau, aber du wirst es hier und jetzt beenden! Du besitzt nicht das Recht einen von uns so zu behandeln und festzuhalten! Lass uns gehen und ich vergebe dir dein Handeln!", sprach Arktur und jeder Ton seiner Stimme und die Haltung seines Körpers machte ganz deutlich, dass das keine Bitte sein würde.

"Er weiß nicht, was er tut ...", wimmerte Fjolken so leise, dass Saoirse es kaum verstehen konnte. Dass ihr Gegenüber auch noch anfing zu zittern machte die junge Frau unruhig.

Das höhnische Lachen der Madame Eruch zerriss die morgendliche Stille.

"Und du – bist gar nicht in der Position irgendwelche Forderungen an mich zu stellen, ganz im Gegenteil. ICH stelle welche an DICH!", die Stimme von Eruch wirkte bedrohlich und ihre dunklen Augen funkelten böse. Etwas hielt sie in ihrer linken Hand, von dem Saoirse nicht wusste, was es sein könnte. Noch bevor sich ihr Herz vor Angst zusammenziehen konnte, geschahen viele Dinge auf einmal.
 

Die Gutsherrin rief ein paar Worte, in einer Sprache die der Zentauren-Freundin fremd waren und die im dichten Rauch, der sich plötzlich um sie und die beiden Pferdemenschen legte, nahezu verschluckt wurden. Das Atmen fiel ihr schwer, sie konnte nicht mehr viel erkennen und es roch schrecklich nach Schwefel.

Fjolken war auf seine vier Pferdehufe gesprungen und hatte erneut versucht Arktur zum Fliehen zu animieren, doch durch seine Ketten kam er nicht weit. Jemand packte Saoirse grob am Arm und sie schlug mit ihrer anderen freien Hand wütend nach dem Angreifer. Als dieser sie am zweiten Arm erwischte und die junge Frau am Oberkörper mit seinen kräftigen Armen unsanft festhielt, versuchte Saoirse ihn zu treten, was ihr nicht wirklich gelang.

Die Sinne der Zentauren gerieten außer Kontrolle. Schnell sank Fjolken zurück auf den Bauch, während Arktur noch lange versuchte sich gegen dem widerlichen Gestank, der ihn mehr und mehr benebelt, zu wehren. Es entging ihm nicht, dass einer der Männer seine Freundin angepackt hatte, er wollte ihr helfen, doch weder sein Gehör, seine Augen, noch sein Geruchssinn funktionierten noch richtig. Er bekam nur ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit zusehen. Umrisse und Farben verbanden sich zu seinem unwirklichen Gebilde, dass er kaum noch zu identifizieren vermochte. Irgendwo, wie aus weiter Ferne hörte er die Stimmen von seinem Bruder und Saoirse. Ein harter Ruck ging durch seinen Körper. Er war zusammen gebrochen.
 

Was auch immer mit ihm geschehen würde, er musste stark bleiben.

Er musste kämpfen!

Zentauren war die Stärke angeboren.

Die Stärke in ihrem Herzen.

Er durfte die Verbindung zu seinem Herzen nicht verlieren, es gab ihm Kraft und verband ihn mit allen, die er liebte.
 

Und doch begann diese wichtige Verbindung ganz schleichend dünner zu werden.


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