Kapitel  19:  Obacht  in  der  Nacht

Die Nacht legte Dunkelheit über den Wald und bald zogen sich alle in ihre Unterkunft zurück, auch Arkturs Gruppe erhielten einen gemütlichen Waru. Er bestand aus moosbewachsenen Steinen und Holz, im Inneren fanden sich kleine regalähnliche Abstellflächen, aus Birkenstämmen gezimmert. Die Bettstatt roch herrlich nach frischen Kräutern, Moosen und Heu. Kuschelige Decken boten zusätzlichen Komfort, für den besonders die junge Frau sehr dankbar war.

Nachdem sich alle zur Nachtruhe hingelegt hatten fragte sie: "Glaubt ihr an die Sagen? Ich meine, kann es sich wirklich so zugetragen haben?"

"Nicht alles was man kleinen Fohlen erzählt, ist auch so gewesen", brummte Brindl und Saoirse konnte sich vorstellen wie er dabei im Dunkeln die Augen über ihre Frage verdrehte.

"Aber es gibt viele Legenden die wahr sind", protestierte Opalos.

"Das denkst du vielleicht ...", gab Brindl zurück.

"Vielleicht ist das nicht so wichtig, ob es sich so zugetragen hat oder nicht. Es gibt Hoffnung auf Schutz für diesen Ort und dieses Volk. Einige Legenden vermitteln einfach Hoffnung, das ist ihr Sinn", meinte Cholem.

"Und was denkst du?", flüsterte Saoirse zu Arktur, der neben ihr lag. Doch der Palomino seufzte: "Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass wir unbedingt diesen besagten Ort meiden sollten. Und jetzt sollten wir schlafen und morgen Mittag zurück reisen. Sonst kommen wir wohl möglich noch zu spät zur Versammlung."
 

. . .
 

Der Ruf einer Eule weckte die Menschenfrau mitten in der Nacht. Sie liebte Eulenrufe sehr und so lauschte Saoirse still auf den nächsten Laut. Nachdem sie schon eine Weile so wach dalag, drehte sie sich in ihrer Bettstatt um und erkannte, dass einer der Zentauren fehlte. Brindl lag nicht auf seinem Platz. Und nur um kurz auszutreten, war er bereits zu lange weg, kurzerhand entschied sie sich, leise aus dem Waru zu schleichen und den Schwarz-Braunen zu suchen.
 

Draußen lag alles still vor ihr, nur ein paar wenige Fackeln brannten und tauchten die Wege in ein unwirkliches Licht. Sie schlang ihre Arme um sich selbst, es fröstelte die junge Frau und sie fragte sich, wie schon öfter, warum Zentauren eigentlich so selten froren, obwohl ihre Oberkörper doch nackt waren – nun ja, mal von Cholem abgesehen. Kleidungsstücke wie Umhang oder Ähnliches dienten meistens nur der Zierde, nicht zur Spende von Wärme.
 

Sie wusste nicht wie, doch sie fand Brindl sehr schnell, er stand gedankenverloren am Rande der Stätte und blickte in den dunkeln Wald.

"Ist alles ok? Was machst du hier draußen?"

Es dauerte lange, bis er eine Reaktion auf ihre Worte zeigte und sich leicht zu der jungen Frau um drehte. Dabei wirkte er wie erschrocken.

"Kannst du es nicht hören?", sagte er heiser. Mit kraus gezogener Stirn blickte Saoirse in den dunkeln Wald, doch außer den Ruf der Eule hörte sie nichts.

"Meinst du die Eule?"

"Nein"
 

Etwas leuchtete in der Dunkelheit kurz auf. Was war das? Der Zentaur neben ihr tänzelte unschlüssig von einem Bein auf das andere und setzte dann zum Lauf an.

"Was hast du vor? Warte Brindl", versuchte Saoirse ihn zurück zu halten, ihr Ruf blieb gedämpft, um die anderen nicht zu wecken. Sie versuchte ihm zu folgen, allerdings verlor sie den Pferdemenschen in der Dunkelheit schnell aus den Augen. Irgendwann hielt Saoirse an und fand sich völlig von Wald umgeben wieder.

Wie dumm von ihr!

Und jetzt?

Wo befand sie sich?

Aus welcher Richtung war sie gekommen?

Wo trieb sich Brindl rum?

Behutsam setzte sie einen Schritt auf den anderen. Es wäre besser, wenn sie auf den Morgen und das Tageslicht warten würde. Aber dann leuchtete erneut etwas auf. Und dieses Mal leuchtete es heller und größer als zuvor. Wie eine kleine blau-grüne Flamme schwebte es ungefähr auf Kopfhöhe der Menschenfrau in einiger Entfernung.

War das ein Irrlicht?

Ein Geist der Zentauren-Krieger, der ihr den Weg zurück weisen wollte?

Sollte sie weitergehen oder lieber warten?

Obwohl sie Angst verspürte, lockte dennoch die Neugier und die Hoffnung zurück zu Brindl und den anderen zu finden. So schnell wie möglich. Vorsichtig ging sie auf das Licht zu.

Immer wieder verschwand es, um kurz darauf an einer anderen Stelle aufzutauchen. Saoirse verfolgte das Irrlicht so aufmerksam, dass ihr nicht auffiel, wie sich ihre Umgebung veränderte, doch hätte sie in der Nacht überhaupt die schwarzen Bäume und ihre knorrigen Stämme erkannt?
 

Sie wanderte weiter, immer tiefer in den Wald hinein. Bald erkannte sie mehr Licht am Ende des Waldes, wie sie glaubte, gleich würde sie in der Stätte der Hirsch-Zentauren stehen.

Aber sie irrte sich.
 

Was ihr ein Stein vom Herzen fallen ließ, war die Tatsache, dass sie Brindl sah. Doch alles andere jagte ihr eine Gänsehaut über den gesamten Körper. Der Schwarz-Braune stand in Mitten einer Lichtung, viele blau-grüne Flammen tanzten um ihn herum oder lagen auf seinem Körper, er selbst schien wie in Trance. Steine – riesige Felsen – die die Formen von Hirsch-Zentauren und Pferdezentauren zeigten, standen verteilt an diesem Ort. Es wirkte bedrückend – sie sollten nicht hier sein!

Oder doch?

Je näher Saoirse an Brindl heran trat, desto weniger bedrohlich wirkte der Ort.
 

Schutz suchend berührte sie den Zentauren an der Flanke und wartete, bis er sich zu ihr umdrehte.

"Was machst du hier?", flüstere die junge Frau. Die Lichter tanzten um sie Beide herum und boten einen schönen Anblick, trotz der vermeidlichen Bedrohung durch den verbotenen Ort.

Brindl sah sich um, als wüsste er nicht, wie er hier her gekommen sei.

"Ich ... bin mir nicht sicher ..."

"Lass uns gehen, ok?"

Er nickte und half ihr auf seinen Rücken.

"Kennst du den Weg zurück?"

"Nein, aber ich kann die Fackeln der Stätte wittern. Ich bring uns so schnell es geht dort hin", sprach er und setzte schon zum Galopp an. Erleichtert ließen sie diesen Ort hinter sich. Noch einmal drehte sie sich um – und verlor das Gleichgewicht und stürzte von Brindls Rücken. Eigentlich keine große Sache, sie würde aufstehen und wieder aufsteigen.
 

Doch wo steckte Brindl?

Ihm konnte das doch nicht entgangen sein!

Wie aus weiter Ferne hörte sie ihn rufen.

Immer wieder.

Doch je mehr sie antwortete und versuchte ihm entgegen zu laufen, desto mehr schien er sich zu entfernen.

Weiter irrte sie herum und fing an zu verzweifeln.

Gedanklich tadelte sie sich selbst, sie benahm sich wie ein kleines Mädchen.

Also setzte sie sich hin und zog ihre Knie hoch bis zur Brust und schlang ihre Arme um die Beine. Sie würde auf den Morgen warten – oder auf Hilfe.
 

. . .
 

"Saoirse?", die außer Atem klingende Stimme von Arktur riss sie aus ihrem dösenden Zustand. Behutsam hatte er sie an die Schulter berührt und leicht gedrückt. Blinzelnd sah sie zu ihm auf und schlang gleich ihre Arme glücklich um ihren besten Freund. "Du hast mich gefunden!"

"Ja, Brindl hat gesagt, dass er dich verloren hat und nicht wieder finden konnte."

"Und wie hast du dass denn angestellt?"

"Nun, wir sind ein Bonding eingegangen, ich kann spüren wo du bist, auch wenn meine Sinne von Dunkelheit getäuscht werden."

Erleichtert kletterte sie mit seiner Hilfe auf seinem goldgelben Rücken.

"Ihr habt uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt", erklärte der Palomino mahnend.

Mit einem Seufzer entgegnete sie: "Nicht nur euch ..."
 

. . .
 

Das Bonding mochte Arktur den Weg zu Saoirse gezeigt haben, doch die Spur zurück zur Stätte ging ihm verloren. Schließlich gelangten die Zwei an ein Ende des Waldes, von dem aus ein altes Landgut zusehen war.

"Wir haben uns verlaufen", schnaubte der Zentaur, über sich selbst ärgernd.

"Lass uns doch dort um Unterkunft für die Nacht bitte, oder sollen wir im Wald übernachten? Morgen finden wir sicher zu den anderen", schlug die Frau auf seinem Rücken vor. Mit einem Schulterzucken machte er einige Schritte auf das Gut zu.

"Wir sehen, ob wir dort willkommen sind", gab Arktur dabei von sich.
 

Ruhe lag über dem Landgut, doch im Inneren brannte noch Licht.

Mit pochenden Herzen klopfte Saoirse, sie stand vor ihrem Freund und bat die junge Magd, die ihr die Tür öffnete, um Einlass. Von Hinten fragte eine tiefere Frauenstimme, wer dort sei und als die Magd zur Seite trat, gab sie den Blick auf die Fremden frei. Auch Saoirse und Arktur konnten nun in das Innere Schauen. Eine gestandene Frau saß zusammen mit einer Frau, etwa Anfang 20 , an der Feuerstelle über der ein kleiner Topf hing. Der große Raum bot Platz für die Kochstelle und einen großen Tisch, der als Essstelle diente.

"Lass sie herein kommen, Lill. Du kannst dich dann für heute Abend in deine Kammer zurück ziehen." Folgsam machte die Magd einen Kniks und verließ den Raum.
 

Saoirse stellte sie Beide vor und erklärte kurz ihr Begehren. Sie bot auch ihre Hilfe als Heilerin zur Gegenleistung an. Die älter Frau winkte freundlich ab: "Ist schon in Ordnung, Kindchen. Du kannst in einer der Kammern nächtigen, ich fürchte für deinen Freund kann ich nur die Scheune anbieten. Die Räume sind nicht für ... Zentauren gebaut worden."

"Kein Problem, aber ich bevorzuge zusammen mit Arktur in der Scheune zu schlafen", entgegnete Saoirse ebenso freundlich.
 

"Wie du willst, meine Nichte Inja wird euch den Weg zeigen", schloss die ältere Frau, die sich als Gutsherrin Eruch vorgestellt hatte, das Gespräch und die junge Inja stand gehorsam auf und bedeutete den Neuankömmlingen, ihr zu folgen. Die Nichte der Gutsherrin trug ein langes schlichtes Kleid, ihre schwarzen Haare fielen ihr bis unter der schmalen Schultern, ihre Augenfarbe schätzte Saoirse im schwachen Licht auf Braun. Ihr Gesicht wirkte gespielt freundlich und man vermochte nicht zu wissen, was sie wirklich dachte. Die Herrin selbst wirkte hart in ihren Gesichtszügen, ihre Haare waren grau, kurz und gelockt, ihr Gewandt sah nicht danach aus, als sei sie eine wohlhabende Frau, dennoch war es sauber und ohne Flicken.

Mit flinken Schritten geleitete die junge Frau Saoirse und Arktur zur Scheune, nachdem sie eingetreten waren, schloss Inja auch schon die Schiebetür und ließ sie alleine.

"Das ging besser als gedacht, aber irgendwie fühle ich mich hier nicht so wohl ...", flüsterte die junge Frau nachdenklich.

"Wir ruhen uns aus und brechen morgen früh zeitig auf", gab Arktur zur Antwort, während er sich hinlegte und ihr bedeutete, sich zu ihm zu legen. Sie kam seiner Aufforderung nach und bettete sich ins warme Stroh, dicht an Arkturs Pferdebauch gekuschelt und schlief bald darauf ein.
 

. . .
 

"Tante Eruch", rief Inja begeistert. Die Gutsherrin saß noch am gleichen Platz und blickte ins Feuer.

"Bitte, Tante! Ich muss IHN haben. Kannst du mir helfen? Du weißt doch wie das geht, mach es so wie mit Brak", plapperte die Nickte mit einem gierigem Funkeln in den Augen.

Mit einem fast gleichgültigen Ton erklärte die Gutsherrin: "Das ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst, Inja. Ein Zentauren-Herz ist stark und lässt sich niemals ganz unterwerfen. Es ist harte Arbeit – immer. Brak ist zwar schon lange bei uns, aber er könnte sich befreien, wenn ich eines Tages aufhöre, wachsam zu sein. Einen Zentauren zu unterwerfen ist gefährlich – und wir müssten diese Kleine verschwinden lassen."

Vergnügt klatschte Inja in die Hände: "Ich werde den Stallburschen darum bitten ..."

Die Gutsherrin zuckte mit den Schultern: "Wir können es versuchen. Aber leg Brak in Ketten, er sollte morgen Früh nicht aus seinem Verschlag kommen, sonst könnte er unsere Pläne zunichte machen."

"Wird gemacht", säuselte die Gutsherrin Nichte voller Vorfreude.


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