Kapitel  18:  Der  dunkle  Ort

Der Großfürst bestellte die Zentauren-Fürsten aller Stämme, sich bei ihm zu versammeln. Alle paar Jahre lud er seine Oberhäupter dazu ein und da das Treffen bereits in den nächsten Tagen stattfinden sollte, blieb Tristorion solange bei seinem Bruder, genau wie die kleine Gruppe um Arktur, die ebenfalls auf den Wunsch des Onkels hin bei den Kentoraden verweilen sollten. Vermutlich würde Agarmendom seinen Fürsten von dem Bonding zwischen Saoirse und Arktur berichten wollen.
 

In den kommenden Tagen gab es nicht viel für die Gruppe zu tun, also durch streiften sie die Umgebung, Saoirse interessierte sich für die Heilpflanzen und die Zentauren dafür, wessen Beine am schnellsten durch das Gras fliegen konnten.

Nachdem sie bereits den halben Tag unterwegs gewesen waren, rasteten sie in einem kleinen Wäldchen.

"Sag mal, Cholem. Sah deine Familie, nun ja, so aus wie du?", wollte Brindl mit einem leichten Grinsen wissen und spielte damit auf sein Ganzkörperfell an.

Mit einen ebenso schiefen Grinsen gab dieser zurück: "Du meinst, ob sie halb kahl waren, wie ihr? Nein, eher nicht. Meine Familie sah mehr oder weniger so aus wie ich. Nur die Fellstrukturen unterschieden sich."

"Wo genau kommst du eigentlich her? Was ist mit deiner Familie geschehen? Wenn du darüber sprechen magst", fragte Arktur vorsichtig nach. Der kupferfarbene Zentaur gab gefasst zur Antwort: "Ich komme einen weiten Weg, von den weißen Bergen weit im Norden, wo die Lichter Nachts bunte Streifen am Himmel tanzen lassen. Mein Clan fasste nur eine handvoll Familien. Eines Tages machte ich mich zusammen mit ein paar meiner Freunde und meinen Bruder sowie meiner Schwester auf den Weg zur Jagd. Doch durch einen mächtigen Schneewind wurden wir getrennt. Ich fand zwar den Weg nach Hause, doch als ich dort ankam, war alles verwüstet, niedergebrannte Behausungen, Spuren von Kämpfen und Blut – aber keine Toten. Niemand war zusehen. In den Tagen danach versuchte ich eine Spur von ihnen zu finden oder meine Gruppe zu suchen, die ich auf der Jagd verloren hatte ... doch ich fand keinen von ihnen.

Irgendwann, nach mehreren Mondläufen, tauchten Menschen auf, sie nahmen mich gefangen, doch ich schaffte es zu entkommen. Bis ich meinen nächsten Fängern in die Falle ging. Der Rest ist euch bekannt."

"Dann könnten deine Leute noch leben, Cholem?", schlussfolgerte Saoirse ein wenig hoffnungsvoll, dennoch schüttelte der Zentaur den Kopf: "Ich denke nicht, ich spüre es, dass sie auf die andere Seite gegangen sind ..."

Mitfühlend nickten alle stumm, als Zeichen des Respekts.
 

. . .
 

"Agarmendom, sagte wir können den Irrlichtwald erkunden, aber wir sollen uns von den Lichtern in Acht nehmen. Weiß einer was damit anzufangen?", fragte Saoirse, als die Gruppe weiter zog. Opalos trabte auf gleicher Höhe mit Arktur, auf dessen Rücken sie saß und meinte: "Es ist ein besonderer Ort an dem auch besondere Zentauren leben. Doch es gibt auch im Zentrum des Waldes eine geheimnisvolle Stätte, die man nicht unbedingt betreten sollte."

"Und warum nicht?", sie wollte nicht unhöflich sein, doch die Neugier der Frau trieb sie zu weiteren Fragen.

"Es herrscht dort eine finstere Energie, eine dunkle Atmosphäre taucht den Ort in ein unheilvolles Licht. Mehr weiß ich nicht und ich möchte es auch nicht herausfinden."

"Weil du Angst hast", mischte sich Brindl amüsiert ein und Opalos verzog genervt das Gesicht.

"Nicht jeder ist so mutig wie du – oder so kopflos ..."

"Schluss jetzt, wir werden einfach dem Wald erkunden und uns von diesem besagten Ort fernhalten. So oder so", ging Arktur dazwischen.

"Darf ich fragen, wie ihr abschätzen wollte, das wir den Ort nicht aus Versehen aufsuchen?", harkte die Frau auf seinem Rücken nach und der Palomino drehte leicht den Kopf nach hinten: "An der Form der Bäume. Sie werden schwarz und knochig, je näher die finstere Stätte liegt."
 

Nachdem sie den Irrlichtwald erreicht hatten, stieg Saoirse vom Rücken des Palomino. Sie fragte sich, ob der Wald seinen Namen zu Recht trug und man hier wirklich Irrlichter sichten konnte. Noch nie hatte sie eines zu Gesicht bekommen. Hier an der Stelle wo sie sich aufhielten wirkte der Wald hell, freundlich und voller Leben. Kleine Tiere huschten hier und da durch das Unterholz, ein kleiner Bach, an dem sich alle erfrischten, durchzog den Waldrand an dem sie gerade angekommen waren.

Es verging kaum Zeit, da kündigte der knackende Waldboden Schritte an. Alle sahen sich um und erkannten eine imposante Gestalt auf sich zukommen, majestätisch, ruhig und freundschaftlich.

Die junge Frau musste einmal blinzeln, denn von so einem Wesen hatte sie bisher nur gehört, aber nie eines selbst sehen dürfen: ein Hirsch-Zentaur. Sie lebten nur an ganz wenigen Orten und zeigten sich kaum anderen Wesen. Er schien nicht viel älter als die Zentauren dieser Gruppe zu sein. Sein tiefschwarzes Fell glänzte im Licht der Sonne, einige weiße Flecken auf seiner Hinterhand erinnerten an die Tarnflecken von Rehkitzen. Ein kleines Geweih zierte sein Haupt und unterstrich seine stolze Haltung, seine bernsteinfarbenden Augen blickten freundlich und aufgeschlossen zu den Fremden herüber. Doch etwas stimmte nicht. Jedenfalls war etwas anders an ihm, als die Erzählungen über Hirsch-Zentauren es weiter gaben. Denn dieser hier besaß einen Hirschkörper und dennoch einen Pferdeschweif, in einem dunklen Silberton, der gleiche Farbton wie seine langen Haare.

War das normal?

Stimmten die Erzählungen der Menschen einfach nicht oder gab es dafür einen anderen Grund?

Mischten sich die Arten vielleicht untereinander?

Am liebsten hätte Saoirse sofort los gefragt, doch das erschien ihr unhöflich.
 

"Seid willkommen, ich bin Bravnir, Sohn des Waldhüters. Und mit wem habe ich die Ehre?", fragte die klare und höfliche Stimme des Hirsch-Zentauren.

Mit einem Kopfnicken ging der Palomino einen Schritt auf Bravnir zu und entgegnete ebenso freundlich wer sie waren und dass sie einfach die Gegend erkunden wollen. Zufrieden nickte der Hirsch-Zentaur und lud sie ein mit ihm zu kommen. Dankbar für die Einladung folgte die Gruppe dem Ortskundigen weiter in den Wald hinein.

Obwohl noch Spätsommer über das Land herrschte, leuchteten viele Bäume in unterschiedlichen goldgelb bis rot Tönen. Die herrliche Farbpracht ließen Saoirses Augen leuchten. Was für ein wunderschöner Wald. Kaum zu glauben, dass es hier einen negativen Ort geben sollte.
 

. . .
 

In der Stätte der Hirsch-Zentauren wurden die Neuankömmlinge herzlich begrüßt, doch außer ein paar Zentaurinnen und jung Zentauren, fehlten viele Clanmitglieder.

"Mein Vater und seine Krieger sowie unsere Jung-Krieger sind gerade auf einer Erkundungstour. Ich darf euch in seinem Namen unsere Gastfreundschaft anbieten", erklärte Bravnir nicht ganz ohne Stolz in der Stimme.

Die Hirsch-Zentaurinnen sahen feiner und zarter aus als die Zentaurinnen, die Saoirse zuvor begegnet waren. Ihre Ausstrahlung sah unheimlich lieblich und zauberhaft aus. Passend zu dem wunderschönen Wald den sie ihr Zuhause nannten.
 

Am Abend versammelten sich alle um ein großes Feuer in der Mitte der Stätte. Essen und Trinken wurde gereicht, Geschichten und Erlebnisse ausgetauscht.

"Und, darf ich dich fragen was dich an die Seite eines Zentauren gebracht hat?", stellte Bravnir zu späterer Stunde die Frage an die Menschenfrau.

Saoirse saß neben Arktur, alle Zentauren hatten sich mittlerweile hingesetzt. Einige musizierten leise und hörten dem Barden zu, einem Zentauren der Legenden und Erzählungen weiter trug, der gerade anfing etwas zum Anfang des Irrlichtwaldes zu erklären. Eigentlich wollte sie gerne der Geschichte lauschen, doch sie konnte Bravnirs Frage auch nicht ignorieren und wollte es auch nicht.

"Schon als Kind mochte ich Zentauren, aber es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich wirklich welche zu Gesicht bekommen habe. Als erstes traf ich Opalos in einer Menschensiedlung – misshandelt und halb verhungert. So nahm ich ihn mit mir und päppelte ihn auf. Später fand ich die Stätte der Cheiraden, wo Opalos hingehörte. Dort traft ich auf Arktur und wir freundeten uns an."

"Gibt es keine Menschen die dich vermissen oder gehst du zeitweise zu ihnen zurück?"

"Ich hatte eine eigene Familie ... und heute sind die Zentauren meine Familie. Zu den Menschen habe ich nur noch wenig Kontakt ... Es ist gut so, jedenfalls jetzt."

"Verstehe ...", entgegnete Bravnir wohlwollend. "Sie tun gut daran, dir zu vertrauen", fügte er noch hinzu.
 

Unsicher ob sie es wagen sollte zu fragen, sah sie ihn an. Da er sie freundlich anschaute, traute sie sich doch:

"Darf ich dich was fragen? Warum hast du einen Schweif und alle anderen Hirsch-Zentauren nicht? Natürlich nur, wenn ich es wissen darf."

Er lachte kurz in sich hinein, dann begann er leicht amüsiert: "Das hast du gut beobachtet. Es stimmt, es gibt keinen Zentauren wie mich – zu mindestens nicht in diesem Wald. Meine Mutter war eine Pferde-Zentaurin, leider starb sie als ich einen Sommer-alt wurde. Unsere Arten kreuzen sich nur äußerst selten, ein Mischling wie ich ist daher besonders selten." Das Wort Mischling besaß in seiner Stimme nichts Abfälliges oder Haderndes. Es war lediglich eine Feststellung und keine der Zentauren schien das zu stören. Bei Menschen gab es oft Probleme, wenn jemand anders aussah, als das allgemeine Volk.
 

Jetzt horchte Saoirse auf, als der Barde, ein mittelalt aussehender Hirsch-Zentaur mit braunem Fell und kurzem Bart, zum dunkelten Kapitel dieses Waldes kam:

"... Und als das finstere Hexenwerk der Anderswesen unseren Volk gewahr wurde, zogen Krieger aus, unser Volk zu retten. Es handelte sich um besondere Kämpfer, die geschickt im Kampf – im körperlichen wie im geistigen – waren. Sie zogen aus, doch der Feind erwartete sie bereits. Die Schlacht sollte nicht sein, wie jede andere und sie endete auch nicht wie jede andere. Die finstere Macht wurde besiegt, jedoch sollten die Krieger einen hohen Preis bezahlen, denn sie mussten mit ihrer Lebensenergie die dunkle Macht in mitten des Waldes bannen. So versteinerten sie und hielten die gegnerische Kraft gefangen. Noch heute wachen sie über unser Leben und unsere Sicherheit. Das Böse ist nicht zerstört, aber es kann den Wald nicht mehr betreten, solange die Krieger über uns wachen."
 

War das eine bildliche Erzählung oder konnte sich das wirklich so zugetragen haben? Schon oft hatte Saoirse von fantastischen Sagen aus der Menschenwelt gehört. Ob sie alle auch so stimmten, da war sie sich nicht so sicher. Einiges schien ihr übertrieben oder unfassbar, und doch gehörte für viele Menschen selbst die Zentauren zu solchen unglaublichen Erzählungen, die einfachen Hirngespinsten entsprangen sein mussten. Und Zentauren gab es ja nun tatsächlich.
 

"Und auch wenn ihr Schicksal schlimm auf uns wirken mag, so erscheinen die leuchtenden Irrlichter des Nachts, um Verirrten den Weg zu weisen und sie vom Zentrum des Bösen fern zu halten, damit es nicht erneut von jemanden Besitz ergreifen kann. Die Irrlichter sind die guten Geister der Zentauren-Krieger von einst", fügte der Barde geheimnisvoll hinzu.

Irrlichter als Geister von Zentauren?
 

"Nicht alle glauben die Geschichte so wie sie erzählt wird", fügte Bravnir leise hinzu, so dass es der Barde nicht hörte. Fragend schaute Saoirse zu dem schwarzen Hirsch-Zentauren auf.

"Aber ist es denn nun wahr oder nicht?"

"Wer weiß ..."


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