Kapitel  17:  Die  Legende  von  Arktur

So, was kann ich für euch tun?", richtete Agarmendom seine Frage in die Runde und blickte alle offen und freundlich an, was Arktur ein wenig Hoffnung schenkte, dass seine Bitte gut aufgefasst werden würde.

"Mein Sohn, Arktur ...", begann Tristorion und deutete auf ihn, doch der Großfürst wollte sich erst einmal die Zeit nehmen, seinen Neffen zu begrüßen. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter und sah ihn eindringlich an, dann nickte er und meinte: "Einen guten Sohn hast du großgezogen, du kannst stolz auf ihn sein, Tristorion. Aber ich sehe, dass er was auf dem Herzen habt ..."

Mit seinen mächtigen Hufen trat er weiter zu Opalos: "... und doch muss das Ganze noch einen Augenblick warten, ich will mir deine Sprösslinge ansehen. Das ist unverkennbar der Sohn von Iberion, unserem Bruder. Ein prächtiger Zentaur, deine Eltern wären sehr stolz auf dich und ich bin mir sicher, dein Ziehvater und Onkel ist es auch."

Zustimmend und wohlwollend nickte der Cheiraden Fürst und Agarmendom begrüßte dann noch Brindl, Cholem und Saoirse mit ein paar lieben Worten, bis er sich erneut an Arktur wandte.
 

"Und mein Junge, was ist der Grund für die Sorgenfalten auf deiner Stirn?", schmunzelte Agarmendom in einer unglaublichen Ruhe. Langsam begann der Palomino zu erzählen und versuchte seinem Onkel so diplomatisch wie möglich die Frage vorzutragen, ob er seine menschliche Freundin auf dem Rücken tragen darf und so einen Zentauren-Mensch-Verbund, wie aus alten Legenden berichtet, eingehen darf.

Ohne seinen Neffen zu unterbrechen oder irgendeine Art von Wertung während Arkturs Ausführungen zu zeigen, hörte der Großfürst zu, bis der Palomino geendet hatte. Danach blickte er seinen Neffen prüfend an, schließlich wanderte sein Blick rüber zu Saoirse, die noch auf Cholems Rücken saß. Für einen Moment schaute der Großfürst jetzt die junge Frau durchdringend an, anschließend wandte er sich zurück und fuhr sich ein paar Mal über das glatte Kinn, als würde er nachdenken.

"Komm, mein Junge. Ich möchte dir etwas zeigen", bot der Großfürst Arktur, mit einer einladenden Armbewegung in Richtung Ausgang des Waru an. Schweigend folgte Arktur seinem Onkel, die anderen blieben zurück.
 

Der stämmige Cheiraden Fürst trat neben Cholem und Saoirse, sein blaues und grünes Auge ruhten auf der Menschenfrau: "Ich möchte, dass du weißt, dass ich nichts gegen euren Wunsch habe. Aber dennoch muss ich eine so weitreichende Entscheidung vom Großfürsten treffen lassen."

Sie nickte verständnisvoll und erleichtert darüber, dass Tristorion sie nicht dafür hasste.
 

. . .
 

Derweil betraten Arktur und sein Onkel nebeneinander eine riesige Halle, den Waru der Chroniken. An den runden Deckenwölbungen waren wunderschöne Bildnisse dargestellt die eine Sternenkarte sowie wichtige Auszüge aus der Zentauren-Geschichte abbildeten, wie das glorreiche Heer von Kriegern der Kentauraden oder ein Reigen von anmutigen Zentaurinnen von Oribin. An den weitläufigen Wänden hingen Wandteppiche mit Darstellungen von heldenhaften Zentauren-Fürsten. Abgelöst wurden sie von Regalen mit Schriftstücken oder anderen geschichtsträchtigen Gegenständen der Zentauren, bestehed aus wertvollen Bögen, Kelchen, Werkzeugen oder Waffen aller Art, die schon ihre Ahnen besessen und benutzt haben.

Weiter hinten im Waru befand sich ein großer Tisch mit viel Platz für Schriftrollen oder Karten, um sie in voller Größe auszubreiten. Darauf stand eine kleine gläserne Kugel in einer goldenen Halterung sowie zwei eingerollte Schriftrollen. Doch nichts von alledem würde für Arktur jetzt von Bedeutung sein. Sein Onkel hielt an, noch bevor sie den Tisch erreichten und deutete auf eines der Gemälde an der Decke über ihnen.

"Ich bin mir ziemlich sicher, du weißt wer das ist?"

Aufmerksam folgte der Palomino dem Fingerzeig von Agarmendom und legte den Kopf in den Nacken. Über ihnen thronte die gewaltige Abbildung des berühmten Arktur, nach dem der Cheiraden-Prinz benannt worden war. Dieser Zentaur sah nicht ganz so aus, wie alle anderen, zwar schien sein Pferdekörper noch weitgehend normal, aber seine menschliche Seite wirkte ein wenig animalischer und erinnerte an einen Menschen mit Drachenzügen, seine Augen wirkten fast katzenhaft, seine Haare wurden von Drachenschuppen begleitet, die sich über seinen Kopf hinunter zu seinem Pferderücken bis zum Schweifansatz reihten. Aus seinen menschlichen Rücken traten zwei mächtige Drachenflügel hervor und auf der Stirn erstrahlte ein helles Mal. Sie nannten diesen Pferdemenschen auch den Drachen-Zentaur. Sowohl sein Fell als auch seine Haut erschienen in einem dunkeln Blau, ähnlich dem Nachthimmel.
 

"Ja, Onkel. Das ist Arktur – der Arktur. Und mein Namensgeber."

"Erinnerst du dich an die Geschichte hinter diesem außergewöhnlichen Zentaur?"

Wie sollte er es denn je vergessen, schließlich kennt jedes Fohlen diese und all die anderen Geschichten aus den Zentauren-Chroniken.

Arktur nickte, doch nur um ganz sicher zu gehen, erzählte sie der Großfürst noch einmal.
 

"Vor vielen Generationen, als es hier noch keine Zentauren gab, schickten die Götter und Sterne einen Boten auf diesen Planeten, als die Menschheit noch unerfahren und erst seit kurzem auf der Erde wandelte. Jener Bote unterschied sich in seinem Aussehen von uns, aber dennoch gilt er als unser Ur-Vater. Arktur – ein Wesen aus Zentaur und Drache. Er hatte von den Göttern den Auftrag erhalten, eine neue Rasse auf diesen Planeten anzusiedeln. Ein kluges und mutiges Volk, damit sie den Menschen zur Seite stehen sollten, die noch recht schutzlos und unbeholfen vor sich hin lebten.

Arktur sandte die Samen aus, die die Götter ihm anvertraut hatten und nutzte seine Macht, um es für viele Tage lang Nacht werden zu lassen, in dem er mit seinen mächtigen Flügeln schlug. In der Dunkelheit wuchsen die ersten Zentauren heran und als sie bereit für das leben waren, ließ der Drachen-Zentaur die Finsternis verschwinden und die ersten Pferdemenschen bevölkerten dieses Land. Seine Aufgabe schien erfüllt und Arktur verließ diese Welt."
 

Die beiden Pferdemenschen wandten den Blick nach forne, weil ihre Nacken anfingen zu schmerzen, erst dann fuhr der Großfürst fort.

"Einige Zeit vergingen, doch es stellte sich heraus, dass die Menschen die Zentauren nicht als Helfer und Lehrer ansahen, sondern sich von ihnen bedroht fühlten. Bis auf wenige Ausnahmen bekämpften die Menschen ihre Sternengeschwister, bis Arktur erneut von den Göttern ausgesandt wurde, um den Menschen und Zentauren etwas zu schenken. Etwas, was ihre Verbindung zueinander stärken und das Misstrauen auslösen sollte. Er verlieh jenen, die dafür bereit fühlten, ein starkes Band – ein Bonding – eine starke Verbindung zwischen Zentaur und Mensch, die Beide so eng miteinander verband, dass sie sogar spürten, was der andere fühlte. Durch dieses Band sollten die Menschen ihre Furcht und Missachtung verlieren und wenigstens für eine Zeit schien das auch zu funktionieren.

Aber dann änderte sich alles. Die Menschen sahen sich selbst als höhere Rasse an, weil sie keine tierischen Merkmale besaßen und die Zentauren schon, hielten sie sie für niedere Wesen, die sie versklaven konnten. Und längst nicht alle Zentauren ließen sich das gefallen ... Blut und Tränen flossen in Strömen und die letzten Zentauren-Reiter wurden von Arktur in Sicherheit gebracht, so heißt es. Er nahm sie und die Gabe des Bonding mit sich. Er würde die Fähigkeit des Bondings bewahren, bis Mensch und Zentauren wieder bereit seinen, sich einander wieder anzunähern."
 

Sein Onkel lächelte Arktur an. Und als würde er von der Prophezeiung wissen, betonte er noch einmal: "Dunkelheit muss nicht zwangsläufig etwas schlecht bringendes sein, mein Junge. Aus der Dunkelheit erwacht auch neues Leben. Wie ein Samen der in der Erde reift, bis er sich seinen Weg zum Licht sucht."

Für einen Moment dachte Arktur darüber nach, aber es erschloss sich ihm der Sinn nicht gleich. Da sprach sein Onkel weiter: "Ich möchte dir damit sagen, dass ich mich keiner Wandlung entgegenstellen werde, die ganz offensichtlich gut bringend für unser Volk ist. Ich brauche keine hell fühlenden Fähigkeiten, um die enge Verbindung zwischen dir und Saoirse zu erkennen. Ich kann euch nichts verbieten, was schon längst dar ist und es würde auch keinen Sinn machen. Arktur selbst hat es euch verliehen."

"Das bedeutet, du stimmst zu?"

Der schwarze Zentaur nickte seinem Neffen zu.
 

. . .
 

Es gab eine kleine Zeremonie. Haarsträhnen, eine von Saoirse und eine weitere von Arktur, wurden abgeschnitten, zusammen mit einem schönen Lederband und kleinen Edelsteinen verwoben sowie mit einen kleinen Tropfen Blut des jeweils anderen geweiht. Arktur bekam das Band mit Saoirses Haaren um seinen linken Oberarm gebunden und Saoirse das Band mit dem silberweißen Zentauren-Haar um ihr linkes Handgelenk. Anschließend sprach Agarmendom zu den Beiden: "Der große Arktur hat euch dieses Bonding geschenkt, jetzt ist es an euch, dieses Geschenk zu bewahren."

Die Zwei neigten den Kopf vor dem Großfürsten und verließen gemeinsam den Waru des Großfürsten, in dem viele Zentauren als Zuschauer versammelt worden waren.

Draußen strahlten die Sterne und Arktur nahm seine Reiterin auf seinen Rücken. Er fühlte sich nicht als ihr Reittier und sie sich nicht als seine Herrin. Sie waren wie eine Einheit. Nach dieser Zeremonie fühlten sich die Beiden noch mehr verbunden, bis sie alle Fähigkeiten des Bondings erfassen und ausreifen können, würde es aber noch dauern.
 

Im leichten Trab bewegten sie sich Richtung Berge, die nicht weit weg von der Spieglung ihre Gipfel in den Himmel streckten.

"Übrigens, du weißt schon, dass du jetzt für eine Zeit lang nicht mehr alters?", fügte der Palomino nach einer Weile wie beiläufig hinzu.

"Bitte was?"

"Nun, du weißt doch, dass Zentauren um die 250 manchmal sogar 300 Jahre alt werden können. Und das wir, wenn überhaupt äußerlich alt aussehen sollten, das erst ab 250 Jahren beginnt. Durch das Bonding bekommst du eine ähnliche Lebenserwartung wie wir Zentauren und eine gleiche Art zu altern."

Verdutzt blinzelte die junge Frau. Für viele Menschen wäre das wohl ein Grund zur Freunde gewesen, wenn man aber bedachte, dass man dann alle seine Lieben überleben könnte, fühlte sich das schon nicht mehr so schön an. Allerdings hatte Saoirse ihre gesamte Familie, mit Gatten und Kind sowie alle Angehörigen an eine schlimme Krankheit, verloren. Die Menschen aus ihrer Siedlung, bei der sie oft zu Heilarbeit gerufen wurde, sahen sie seither als Hexe an, die ihre eigene Familie auf dem Gewissen habe, nur weil sie noch am Leben war. Einzig ein anderes größeres Dorf, dort wo sich auch die Burg des machthabende König befand, erkannte Saoirse noch als ehrbare Heilerin und mittlerweile auch als Mittlerin zwischen dem Menschen- und Zentaurenvolk an. All diese Erfahrungen machten der jungen Frau klar, dass sie ohnehin keine neue Familie mehr gründen wollte, jedenfalls nicht jetzt. In sofern stand diesem Umstand des jünger bleibens kein schlechter Beigeschmack entgegen.
 

"Na dann", grinste sie und lachte.

"Wirst du mich wohl eine ganze Weile durch die Gegend tragen müssen."


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