Kapitel 16:  Großfürst  der  Zentauren

Die kleine Gruppe kam gut voran, das Wetter blieb trocken und nicht zu heiß, sodass sie es leicht und ohne große Anstrengung schafften, die Tagesmärsche rasch hinter sich zu bringen. Alle waren guter Dinge und besonders Arktur und Opalos freuten sich auf ihre Familie und Freunde, die sie nun bald wieder sehen würden.
 

Am Abend des zweiten Tages erreichten sie schließlich die Heimat der Cheiraden. Um sein Volk nicht gleich zu sehr zu schocken, wechselte Saoirse vorm Erreichen ihres Zuhauses zunächst auf Cholems Rücken. Arktur war zwar der Meinung, dass es ihm durch die neue Gabe seiner Menschenfreundin erlaubt werden würde, sei zu tragen, doch es würde nicht klug sein, Fürst Tristorion gleich vor vollendete Tatsachen zu stellen.
 

Noch bevor sie die Unterkunft der Eltern von Arktur erreichten, trabte seine Mutter überglücklich zu den Heimkehrern und freute sich unheimlich alle gesund wiederzusehen: "Meine kleinen Fohlen! Ihr seit wieder da! Oh, lass dich ansehen, mein Junge!" Arkturs Mutter Palima drückte ihren geliebten Sohn stürmisch am sich und küsste ihn ein paar Mal auf die Stirn und die Wange, dann ließ sie von ihm ab und schnappte sich Opalos, den sie ebenso inbrünstig drückte und mit Küssen überhäufte. "Oh, meine Süßen, sind endlich wieder da Heim ..."

Palima entließ auch Opalos aus ihrer Umarmung und sah sich in der Gruppe um. Ein wenig erschrocken versuchte Brindl einen halben Schritt zurück zu weichen, als die Fürstin sich ihn vornahm. "Brindl, wie schön dich zu sehen! Ich kenne dich noch als du kaum laufen konntest! Was bist du doch groß geworden, du kleiner Schlingel!", gurrte sie nachdem auch er seine Knuddeleinheit bekommen hatte und sie ihn aufmerksam musterte. Alle diese Äußerungen der Fürstin waren nicht unbedingt die, die ein junger Krieger hören wollte, schon gar nicht wenn sich immer mehr Mitglieder des Clans um sie herum versammelten.

Die Palomino-Zentaurin ging zwei Schritte weiter zu Cholem und Saoirse, die noch auf dessen Rücken saß. Freudig umarmte die Fürstin Beide stürmisch: "Oh, was bist du für ein kuscheliger Kerl! Willkommen bei uns lieber Freund! Oh, und Saoirse, du bist auch wieder gesund bei uns! Ich bin so glücklich euch alle zu sehen." Vergnügt entließ sie die Zwei aus ihrer Umarmung und schaute sich fragend um.

"Saoirse, wo ist denn dein entzückendes Pferd?", ihre wachen Augen spähten in die einfallende Dunkelheit hinein, doch die junge Frau seufzte. "Sie ist leider nicht mehr bei mir. Menschen haben sie getötet ..."

"Das tut mir so leid, sie war so ein bezauberndes Wesen. Mögen die Sterne sie selig sprechen, Liebes", flüsterte die Zentaurin aufrichtig mitfühlend und umarmte die junge Frau noch einmal tröstend.
 

Die mächtige Silhouette des Fürsten zeichnete sich im Halbdunkeln vor der Gruppe ab und die Zentauren verneigten respektvoll den Kopf vor Tristorion.

"Meine Söhne, ihr seit zurück gekehrt. War eure Reise von Erfolg bekrönt?", fragte der mächtige Zentaur mit tiefer Stimme und Arktur nickte seinen Vater stolz an. "Ja, Vater. Es gibt viel zu berichten."

Zustimmend nickte der Fürst und sah in die kleine Runde: "Allerdings."

Dann drehte sich Tristorion um und bedeutete seinem Sohn Arktur ihm zu folgen, nur er alleine.
 

Beide zogen sich im großen Waru des Fürsten zurück, wo sie ungestört sprechen konnten – endlich.

"Vater, ich muss dir ...", versuchte der Palomino anzufangen, doch der Fürst hob eine Hand gebieterisch hoch und gebot seinem Sohn so zu schweigen, plötzlich wirkte Tristorion ungehaltener. Arktur wusste, dass es jetzt schlau war, zu schweigen bis sein Vater das Gespräch weiter führen würde.

Der Fürst wandte seinem Sohn eine Zeit lang des Rücken zu, bis er sich halb zu ihm umdrehte und in einem Tonfall, der Strenge verriet, fragte: "Seit wann trittst du unsere Traditionen mit Hufen?"

Erschrocken riss Arktur die Augen auf: "Vater? Was meinst du damit?"

Mit strengen Blick drehte sich der Fürst weiter um und fixierte Arktur jetzt eindringlich.

"Halte mich nicht für dumm, mein Sohn, ich kann es wittern. Du hast Saoirse auf deinem Rücken getragen! Ich hatte mich dazu deutlich geäußert, wenn du dich daran erinnerst."

Verdutzt sah der Palomino seinen Vater an. Dabei hatte er sich Mühe gegeben ihren Geruch durch ein Bad weitgehend zu verlieren. Er hätte nicht gedacht, dass sein Vater es immer noch wahrnehmen konnte. Aber er besaß sehr erstaunliche Sinneswahrnehmungen die Arktur und die anderen jungen Zentauren noch ausbilden mussten.

"Vater, bitte hör mich an", versuchte er sich Gehör zu verschaffen, der junge Fürstensohn fürchtete, dass sein Vater ihm gar nicht mehr zuhören würde. Doch er irre sich zum Glück.

"Sprich!", forderte Tristorion ihn auf.

Sein Sohn berichtete ihm von den Ereignissen bei den Noraden, von dem Angriff der Menschen, von Saoirses Hilfe für die Zentauren und von der Gabe, die sie erhalten hatte.

"Ich habe gehofft, dass es ihr erlaubt wird, auf meinen Rücken zu sitzen, weil sie eine zentaurische Gabe besitzt. Das macht sie zu einer von uns. Bitte Vater, du kennst doch die Legende der Zentauren-Reiter. Ich möchte dich bitte uns als Verbündete anzuerkennen", trug Arktur sein Anliegen vor.
 

Lange schwieg der Fürst daraufhin. Es gab viele Dinge dabei zu bedenken. Nachdenklich strich er sich mit einer Hand durch den kurzen Bart und schnaubte anschließend: "Ich kann das nicht entscheiden, mein Sohn. Du wirst dein Anliegen meinem Bruder, dem Großfürsten, vortragen. Er soll entscheiden und er ist auch der Einzige, der euer Verbündnis segnen kann, wenn es statt gegeben wird."

Arktur nickte leicht, dass war mehr als er von seinem aufgebrachten Vater hätte erwarten dürfen. Tristorion hätte seinen Sohn auch einsperren lassen und Saoirse sogar verbannen können.

Unerwartet umarmte der Fürst auf einmal seinen Sohn: "Für alles andere bin ich stolz auf dich, auf deinen Cousin und auf deine kleine Freundin."

"Danke, Vater"

Der Fürst entließ Arktur mit den Worten: "Morgen früh brechen wir auf, ich denke eine schnelle Klärung ist auch in deinem Sinne, mein Sohn."
 

. . .
 

Es gab nicht viel Zeit sich mit Freunden zu treffen, denn die Gruppe, Opalos, Bindl und Cholem wollten Arktur und seinen Vater natürlich begleiten. Dabei hatte Arktur seinen besten Freund aus Fohlentagen schon lange nicht mehr gesehen, bevor er zu den Noraden aufgebrochen war, befand dieser sich in seiner Ausbildung außerhalb des Clans. Jetzt würde er Raic wieder nicht sehen können. Es musste warten.
 

Direkt am erwachenden Morgen brach die Gruppe, um den Fürsten herum, auf zum Clan der Kentoraden, eine Sippe die ungefähr dreimal so viele Mitglieder zählte, wie die üblichen Zentauren-Stätten. Ihr Herrscher, der Großfürst Agarmendom, bewahrte die Chroniken des Zentauren-Reiches, Schützte sein Volk und alle Fürsten mussten auf sein Urteil hören. Normalerweise regierten die Fürsten ihren Clan für sich alleine, bei besonderen Anlässen zogen sie aber den Rat des Großfürsten zu Hilfe oder bei Gefahren unterstanden alle Fürsten seinem Befehl. Arktur wusste nicht so viel über seinen Onkel, dem älteren Bruder seines Vaters. Aber er erinnerte sich daran, dass Agarmendom ein gütiges Wesen besaß. Hoffentlich hatte sich das nicht geändert.
 

Der Weg nahm eine halbe Tagesreise in Anspruch, also musste die Gruppe nicht ganz so weite Weg wie zuvor zurücklegen. Da Tristorion ein sattes Tempo vorgab, erreichten sie am frühen Nachmittag die Kentoraden-Stätte. Alles sah ähnlich aus, wie bei den Cheiraden, nur eben viel größer und meist in einer größeren Anzahl: mehr Warus, drei Flüsse durchzogen die Stätte, sogar eine Mühle stand am Rande der Siedlung und natürlich jede Menge Zentauren.

Saoirses Herz machte einen Sprung, sie war immer wieder fasziniert wenn sie neue Gesichter dieser beeindruckenden Wesen sah und ihr wunderschönes Aussehen bewundern konnte.

Ohne unnötig viel Zeit zu verlieren, begaben sich die sechs zum Haupt-Waru und baten um Einlass. Drei Wachen am Eingang entgegneten dem Fürsten, den sie als diesen erkannten, dass der Großfürst gerade nicht anwesend sei.

"Und wo ist mein Bruder dann?", wollte Tristorion geduldig erfragen, da stampften breite Hufen direkt neben ihn.

"Bruder, wie schön dich wieder zu sehen", erklang eine tiefe und freundliche Stimme.

Mit einem Lächeln drehte sich Tristorion zur Seite: "Bruder"
 

Saoirse war mehr als beeindruckt von der Erscheinung des Großfürsten. Wenn sie schon gedacht hatte, dass Fürst Corion und Tristorion riesig seien, übertraf Agarmendom diese Beiden noch. Die Ähnlichkeit der zwei Brüder schlug sich vor allem im Körperbau nieder, nur dass der Großfürst noch gute zwei Köpfe größer, muskulöser und sein Pferdekörper dem entsprechend auch mächtiger erschien. Das Fell glänzte komplett schwarz, genau wie sein voller Schweif und die langen dicken Haare, die sich leicht wellten. Auf dem Kopf trug er eine filigrane Haarkette, die zum Teil in eine Haare eingeflochten waren. Von der Haarkette hing ein rot schimmernder Kristal auf die Stirn des Großfürsten herab und betonte so geichzeitig seine dunklen Augen auf interessante Weise. Einen Bart trug er nicht, seine Gesichtszüge erschienen weich, sein Alter konnte Saoirse kaum schätzen, sie wusste, dass Zentauren anders alterten wie Menschen. Agarmendom wirkte gereift und dennoch nicht wirklich alt.
 

Die Brüder tauschten einige Worte der Begrüßung aus und der Großfürst bat seine Gäste in seinen Waru. In einem unbemerkten Moment fragte die junge Frau ihren zentaurischen Freund: "Ist es normal, dass dein Onkel so riesig ist? Ich habe noch nie ein Pferd gesehen, dass so groß ist ... also nicht, dass ihr wie Pferde seit, aber ..."

Etwas schmunzeln flüsterte Arktur zur Antwort: "Es ist für seine Position normal, ja."

"Was heißt das? Werden nur die größten Zentauren zum Großfürsten ernannt?"

Wieder lächelte er amüsiert: "Nein, wir verändern uns manchmal, wenn wir eine Position von hohen Würden einnehmen."

Bitte was?

Wie gerne hätte sie weiter nachgefragt, doch der Fürst und sein Bruder machten deutlich, dass es jetzt nicht an der Zeit für Geflüster war.


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