Kapitel  15:  EIn  neuer  Aufbruch

Die Zeremonie war vorbei und die Noraden zurück in ihre Stätte gekehrt, morgen schon würden Arktur und seine Freunde nach Hause aufbrechen wollen. Auch Cholem würde sie begleiten. Saoirse freute sich darauf zurück zu den Cheiraden zu gehen, aber sie würde die hier liebgewonnen Zentauren vermissen. Die Fürstin, das weiße Fohlen, Brindl ... ganz besonders Brindl, und viele andere auch.
 

Aber da war doch noch was! Das Fohlen, es braucht noch einen Namen.

Aufmerksam nach ihr Ausschau haltend, spazierte Saoirse durch das Dorf, sie fand Auralia bald vor ihrem Waru.

"Auralia, ich glaube, ich habe entlich einen Namen für den Kleinen", erklärte die junge Frau und die Zentaurin, mit dem weißen Fohlen, an der Hand sah sie erwartungsvoll an. Das Fohlen stagste mit seinen langen Beinen zielstrebig auf Saoirse zu und lachte, als er sie erreichte und sie ihn umarmte.

"Er mag dich sehr gerne", stellte die Fürstin fest, aber es wunderte sie nicht.

"Und?", fragte sie dann erwartungsvoll.

Ein bisschen aufgeregt biss sich Saoirse auf die Lippen, was wenn es kein guter Name war oder die Fürstin in unpassend findet?

"Ich dachte vielleicht wäre Saphien ein schöner Name für ihn."

Die Zentaurin sah zufrieden aus, sie lächelte sogar verzückt und nickte: "Das ist ein wundervoller Name, ich danke dir im Namen meines Sohnes Saphien dafür."

Saoirse war glücklich, sie hatte einem Zentauren-Fohlen seinen Namen geben dürfen, jetzt würde diese ihn für den Rest seines Lebens begleiten.
 

. . .
 

Der Tag des Abschiedes kam und die Sippe hatte sich versammelt, um die Cheiraden und ihre Freunde gebührend auf Wiedersehen zu sagen. Nur Brindl konnte niemand irgendwo erkennen. Das betrübte Saoirse sehr, sie wollte nicht gehen, ohne sich von ihm zu verabschieden.

Als er endlich auftauchte, ging sie zu ihm und umarmte ihn herzlich. Ein wenig kühl ließ Brindl das über sich ergehen, er strich ihr nur einmal über die Schulter.

"Ich werde dich sehr vermissen", flüsterte sie traurig.

"Wirst du nicht!", brummte er.

Erschrocken sah sie zu ihm herauf. Was war denn jetzt mit ihm los? Kamen da seine alten Verhaltensweisen durch? Aber die Frau erkannte schnell, dass er lächelte.

"Du wirst mich nicht vermissen, weil ich euch begleiten werde", verkündete der Braun-Schwarze und warf dann einen Blick auf Arktur, der ihm zustimmend zu nickte. Glücklich umarmte Saoirse Brindl noch einmal, sie freute sich, dass er mit ihnen kommen würde.

Verek brachte seinem Freund und Prinzen seine Sachen und half ihm sie auf seinen Rücken zu schnallen. Die Gruppe brach auf, nachdem sich alle von den Reisenden herzlich verabschiedet hatten.
 

Saoirse spürte Glück in ihrem Herzen, auf dem Rücken von Arktur ging es Richtung Heimat, sie hatten neue Freunde gefunden und Gefahren überstanden ... und als sie etwas weiter weg von der Stätte der Noraden waren, fiel ihr etwas wieder ein. Ein dunkler Schatten, den sie beinahe vergessen hatte: Arkturs Prophezeiung. Um so mehr freute sie sich, dass sie nun von Cholem und Brindl begleitet wurden, man konnte nie genug Freund um sich haben, wenn man sich einer finsteren Weissagung stellen musse.
 

. . .
 

Wer war er?

Bis vor kurzem hat er es noch ganz genau gewusst, doch jetzt wollte es ihm einfach nicht mehr einfallen.

Warum nur?

Warum?

Innerlich versuchte er zu schreien, zu laufen – einfach weg von diesem Ort. Aber sein Körper rührte sich einfach nicht. Wie versteinert stand er dar und starrte sehnsuchtsvoll in den Himmel, den vorbeiziehenden Wolken nach.

Er war wie gefangen in seinem eigenen Körper und selbst seine Gedanken gehorchten ihm nur bedingt. Umso länger dieser Zustand schon dauert, je mehr schienen selbst sein Gedanken abzustumpfen, immer mehr zu vergessen, wer er war.

Sein Körper gehorchte nur noch einer Person, einer älteren Frau, die alle Madame Eruch nennen und er selbst sie als Madame Mistress anreden musste.

Wie schon so oft stand er an der Grenze der Länderei, auf der er jetzt – wie lange war es her? – viele Jahre lebte, oder seiner Herrin diente. Niedere Arbeiten, schwere Arbeiten, schmutziges Handwerk – er wurde gerufen und er gehorchte, ob er innerlich versuchte dagegen zu begehren oder nicht, sein Körper machte, was die Madame verlangte.

Seine Gedanken fingen sich wieder und er dachte bei sich: Nur ein Schritt und ich bin frei. Ich kann nach Hause, ich muss nur ...

Doch er schaffte es nicht, die unsichtbare Grenze zu überschreiten.
 

"Brak, komm her!", ertönte die alles gebietende Stimme und es durchfuhr ihn wie ein Blitz, noch bevor er es genau verstand, setzte er sich schon in Bewegung. Mit schweren Schritten trugen ihn seine Beine hinauf auf den Hügel, wo der große Gebäudekomplex mit Wohnhaus, Unterkünften für die Knechte sowie die Stallungen für das Vieh standen. Vor dem Wohnhaus stand sie, seine Herrin, und sah ihn missbilligend an.

Wie durch ein unausgesprochenes Zeichen hin hielt er vor ihr an, seine Hände angespannt zu Fäusten geballt. Für einen Augenblick lang fiel sein Blick auf die große Pfütze neben ihm, die sein Spiegelbild zeigte. Fast hätte er sogar vergessen, dass er kein Mensch war, sondern ein anderes Wesen: ein Zentaur. Sein sandfarbenes Fell und die weiß-schwarzen Haare, die zum Teil an die Stehmähne eines Norweger Pferdes erinnerten, wirkten blass und verschmutzt. Er bot keinen besonders kraftvollen oder stolzen Anblick. Müdigkeit und innerer Kampf prägten jeden Tag seines Daseins, dies hatte auch sichtbare Spuren an seinem Äußeren hinterlassen.
 

"Du warst schon wieder so weit weg, Brak. Du hast dort hinten nichts verloren", fauchte sie ihn wütend an, er blieb regungslos und starrte sie mit trüben Augen an, so als könnte er durch die hinduch sehen. Schließlich streckte sie ihre Hand aus und obwohl er es ungemein hasste, beugte er sich zu ihr herunter und ließ sich von ihr auf den Kopf berühren, unterwürfig, gehorsam – eine Schande für einen stolzen Zentauren!

Doch war er das noch?

Ein Zentaur?

Oder waren das nur Erinnerungen an ein längst vergangenes Leben?

Würde er dieses Leben je wieder leben können – das eines freien Pferdemenschen?

"Du weißt, dass du nicht die Kraft hast, mich zu verlassen, Brak."

"Ja, Madame Mistress."

"Warum tust du dann nicht was ich dir sage und hälst dich von der Grenze zu unseren Ländereien fern?"

"Vergebt mir, Mistress."

"Geh mir für heute aus den Augen, elender Nichtsnutz", befahl sie barsch.

Er beugte sich noch etwas weiter runter, um seine Gehorsamkeit zu beweisen und machte sich dann auf zu seiner Unterkunft.
 

Weiter hinter den Stallungen hauste Brak in einem kleinen Verschlag, nicht größer als eine Pferdebox, in der es rein regnete und das Holz, aus dem dieser Pferch Größtenteils bestand, vor sich hin moderte. Erschöpft ließ er sich auf das alte und schmutzige Stroh nieder.

Brak.

Das war nicht sein richtiger Name.

Oder doch?

Wie hieß es wirklich?

Wer war er?

Würde er sich je wieder daran erinnern?


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