Kapitel  14:  Zeit  des  Abschieds

Arkturs kräftige Hufen trugen ihn und Saoirse zurück zur noradeschen Siedlung, wo eine kleine Ansammlung von Zentauren gleich ihre Aufmerksamkeit erregte. Obwohl die Sonne mittlerweile fast vollkommen untergegangen war, erstrahlte die Zentauren-Stätte im hellen Licht der Fackeln, Feuerschalen und größeren Lagerfeuern.

"Was machen die da?", fragte die junge Frau neugierig, die Atmosphäre wirkte fröhlich und ausgelassen und sie nahm an, dass ihr Zentauren-Freund zum einen besser wusste, was das Verhalten zu bedeuten hatte und er ohnehin schon mehr aus der Ferne erkannte als sie. Beide betraten die Siedlung und erkannten eine Versammlung von Zentauren auf dem weiten Festplatz, in der ungefähren Mitte des Dorfes. Zum Glück saß Saoirse auf Arkturs Rücken und konnte so besser sehen. Im Zentrum der Versammlung stand Brindl, eher ein wenig verwundert ob der Fürsorge und Freude mit der ihn alle anderen begrüßten. Nach einander kamen die Mitglieder des Clans zu ihm, berührten ihn, umarmten ihn oder andere gaben ihn sogar einen Kuss auf Stirn oder Wange. Der Fürst und die Fürstin, sowie die drei Schwestern standen etwas weiter ab und beobachteten das Treiben wohlwollend. In der Menge erkannte Saoirse auch die jungen Krieger die offenbar zu Brindls Freunden gehörten.
 

"Was genau machen sie da mit Brindl?"

"Sie zeigen ihm ihre Liebe, aus Freunde darüber, dass er noch am Leben ist. Jeder hat gemerkt, dass es mit ihm zu Ende ging ... Es hat den gesamten Clan schwer getroffen und jetzt sind sie einfach froh, ihn wieder zu haben und zeigen ihm das auch." Mit einem schiefen Grinsen beobachtete der Palomino das Geschehen um Brindl herum. "Aber er scheint Probleme zu haben, das alles wirklich anzunehmen, guck mal sein Gesicht an."

Ja, da hatte Arktur wohl Recht, mit hoch rotem Kopf und einem Blick der eher Verlegenheit als, wie sonst, Selbstsicherheit verriet, versuchte er verkrampft die Umarmungen zu erwidern oder seinen Clanmitgliedern nickend für ihre Anerkennung zu danken.

"Es ist eigentlich ein bisschen niedlich ...", schmunzelte sie, nichts ahnend, dass sich die Szenerie gleich auch um sie drehen würde. Einer von Brindls Freunden stand plötzlich neben den Beiden, es war der Blonde, der am Morgen schon einmal mit Saoirse gesprochen hatte. Er sah sie freundlich an und die junge Frau nickte ihm zur Begrüßung zu, dann schaute der Zentaur zum Palomino und die Zwei tauschten vielsagende Blicke aus. Dann begann Arktur:

"Die Noraden wissen übrigens auch, welche Rolle du in der ganzen Sache gespielt hast ..."

Noch während er das sagte, half der blonde Zentaur Saoirse von Arkturs Rücken und bat sie mit ihm zu kommen, fragend schaute sie über die Schulter zu Arktur, als sie von dem Pferdemenschen in die Menge gezogen wurde, aber dieser lachte nur.
 

Da sie jetzt viel kleiner als die meisten Zentauren war, fühlte sie sich in dieser Ansammlung, durch die sie sich ihren Weg bahnten, fast ein bisschen geborgen und unerkannt, das änderte sich allerdings, als sie ihr Ziel erreichten. Verek, so hieß der blonde Zentaur nämlich, hob Saoirse hoch und noch bevor sie oder Brindl verstanden, was genau geschah, saß sie auch schon auf seinem Rücken. Dann umarmte Verek sie und Brindl, sagte aber nichts. Als er von ihnen abließ, wagte Saoirse einen vorsichtigen Blick auf Brindls Gesicht, dass ihr seitlich zugewandt war, da er seinem Freund nach guckte. "Ich ... bin dafür nicht verantwortlich ...", flüsterte sie sich verteidigend und fühlte dabei wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Der Zentaur sagte nichts, guckte aber als hätte ihn gerade einer einen eiskalten Eimer Wasser über den Kopf gegossen. Unweigerlich musste Saoirse lachen. Brindl atmete einmal tief durch und wirkte so als wüsste er nicht wie ihm gerade geschehe. Dieses Gefühl konnte Saoirse bald nachempfinden, als weitere Zentauren nach einander zu ihnen Beiden kamen, um sie zu berühren, umarmen oder zu küssen. Es war eine Erfahrung die die junge Frau so gar nicht kannte, irgendwas zwischen wunderschön und furchtbar peinlich.
 

Irgendwann setzte sich Brindl langsam in Bewegung und verließ in langsamen Schritten das Geschehen. Nach und nach wurde der Trubel weniger, keiner kam ihm hinterher, die Sippe ließ ihrem Fürstensohn den Raum den er brauchte. Bald erreichten sie den kleinen Fluss, der die Siedlung mit Wasser versorgte. Mittlerweile war es dunkle Nacht und hier am Fluss gab es keine Fackeln. Sie waren alleine. Brindl blieb für eine Weile regungslos stehen und sah zu den Sternen hinauf.

"Soll ich von deinem Rücken steigen?", fragte Saoirse irgendwann vorsichtig im Flüsterton. Als hätte er vergessen, dass sie auf ihm saß, blickte er über seine Schulter zu ihr nach hinten. Sagte aber nichts. Sollte sie vielleicht einfach absteigen? Als sie ihr Gewicht verlagerte, um von seinem Rücken zu rutschen reagierte er: "Warte ..."

Sie hielt inne und setzte sich wieder hin wie zuvor.

"Es war meine Fehleinschätzung die dich in Gefahr gebracht hat und deinem Pferd das Leben gekostet hat. Dafür muss ich dich um Vergebung bitten." Beim Sprechen dieser Worte sah er sie nicht mehr an, aber seine Haltung verriet, dass es ihm wirklich ernst sein musste. Bei dem Gedanken an Lillyloon wurde Saoirse betrübt, ohne darüber nachzudenken strich sie mit ihrer rechten Hand über das Fell auf seinem Rücken, das vor ihr lag.

"Ich halte es dir nicht vor, schließlich bist du nicht für die Entscheidungen und Reaktionen der Menschen verantwortlich."

Da er seinen Kopf nach vorne gewandt hatte, sah sie nicht, dass er nachdenklich blinzelte.

Sie hielt es ihm nicht vor?

Warum nicht?

Waren nicht alle Menschen rachsüchtig und über jede Gelegenheit froh die sich ihnen bot, um Vergeltung zu üben?

Offenbar hatte Arktur Recht, dass nicht alle Menschen so dachten oder sich so verhielten. Seine Freundin schien ein solcher Mensch zu sein.

Sie bewegte sich und umarmte ihn von hinten, ihre Wange spürte er auf seinem linken Schulterblatt.

Kurz hielt er den Atem an, was sollte das?

Sollte er es ihr erlauben oder verbieten?

"Ich vermisse meine Lillyloon und bin sehr traurig über ihren Tod, aber Hass und Groll bringt sie mir nicht zurück. Außerdem hast du nicht das Schwert geführt, dass ihr Leben beendete. Durch diese schrecklichen Ereignisse habe ich viel verloren, so wie jeder von euch auch, aber ich habe auch viel gewonnen. Und ich bin froh, dass du zu Letzteren gehörst. Ich bin so glücklich, dass zu lebst." Kleine Tränen kullerten ihr über die Wangen und hinterließen Nässe auf seinem menschlichen Rücken und tropften vereinzelt auf sein Fell.
 

Er war sich unsicher, wie er darauf reagieren sollte. Sie hatte Recht mit dem was sie sagte, ihre Sippe hatte viele Tote zu beklagen, obwohl sie bei den menschlichen Kriegern Gnade hatten walten lassen und keinen getötet hatten, dennoch beschloss sein Vater mit Dordmiors Nachfolger Frieden zu vereinbaren und auf weitere Vergeltungsschläge zu verzichten. Der Burgherr war im Kampf mit Corion später gefallen – Dordmiors Trauer hatte einer blinden Wut und einem unbändigen Hass die Kontrolle überlassen und er wollte einfach nicht aufhören. Als der Fürst stürzte und Dordmior ihn töten wollte, führte Corion den tödlichen Schlag aus, um sein eigenes Leben zu schützen. Der Burgherr wurde zum erste und letzte Mensch, der in dieser Schlacht fiel.

Noch nie war Brindl einem Menschen begegnet, der seine Rasse mochte, geradezu zu lieben schien. Diese Menschenfrau war aufrichtig glücklich, dass er lebte. Sie hatte ihm sogar, wenn auch unwissend, das Leben gerettet. Dafür schuldete er ihr etwas.

Aber was?

Dankbarkeit?

Anerkennung?

Respekt?

Oder vielleicht ... Freundschaft?
 

Eigentlich wollte er ihre Hände sanft von sich drücken, um ihr zu zeigen, dass es jetzt reicht, aber als er diese berührte konnte er nicht anders und legte seine Hände auf ihre – für eine ganze Weile.

"Ich danke dir", sagte er heiser.
 

. . .
 

Brindl hatte Saoirse mit in den Waru des Fürsten genommen, in einem der hinteren Räume hatte er sich erschöpft auf seine Bettstatt gelegt, die aus einer großen Fläche weich gepolsterte Liegewiese aus Heu, Stroh und weichen Decken bestand.

"Wir werden morgen unseren gefallenen Kriegern gedenken und sie bestatten. Wirst du dabei sein?", fragte der Zentaur und bot ihr einen Platz neben sich an. Auch der junge Frau kroch langsam Müdigkeit in die Glieder und so nahm sie das Angebot gerne an.

"Ja, sehr gerne."

Anerkennend nickte er und legte sich langsam hin.

"Tut mir leid, aber ich bin einfach noch nicht ganz Herr meiner früheren Kräfte", erklärte der Braun-Schwarze und Saoirse versicherte ihm, dass er ruhig schlafen solle. Es dauerte auch nicht lange, da schien Brindl eingeschlafen zu sein. Eigentlich sollte Saoirse sich jetzt leise raus schleichen, doch ihre eigene Müdigkeit und die gemütliche Wärme in dem Raum sowie die weiche Bettstatt ließen sie einfach nicht gehen. Sie legte sich neben Brindl und schloss kurz die Augen. Nur für einen Moment, dachte sie bei sich. Und war dann auch schon eingeschlafen.

Etwas später suchten Arktur und Opalos ihre menschliche Gefährtin und fanden sie schlafend neben Brindl. Sie wollten sie nicht wecken und legten sich zu ihnen. Der Fürst und die Fürstin würden sicher nichts dagegen haben. Arktur lag neben Saoirse und Opalos neben seinem Cousin. Sie schliefen ein. Einmal wachte Arktur kurz auf, weil sich etwas Kleines zwischen ihm und Saoirse Platz machte, das weiße Fohlen kuschelte sich an die Beiden und schloss die Augen, der Palomino tat es ihm gleich.
 

Verzückt betrachteten die Fürstin und der Fürst die schlafende Gruppe.

"Sind sie nicht niedlich? Es tut Brindl gut wenn ein paar mehr Freund hat", flüsterte Auralia leise ihrem Liebsten zu. Corion grunzte: "Er hat Freund, du hast doch gesehen, wie sehr ihn alle lieben?"

"Ja, unsere Sippe liebt ihn, aber es ist auch wichtig mit anderen außerhalb des eigenen Clans Freundschaft zu schließen. Findest du nicht?"

"Natürlich, Liebes", der Fürst küsste sie auf die Wange. "Lass uns auch zur Ruhe gehen, es war ein langer Tag."
 

. . .
 

Auf dem Rücken von Arktur nahm die Sippe der Noraden einen Weg durch den Fluss und weiter zu einem hochgewachsenen Feld von Wildblumen hindurch. Abgedeckte Holzbarren wurden von Zentauren getragen. Mit Blumen, Waffen und anderen Kostbarkeiten geschmückt mussten diese ganz schön schwer sein, dachte sich die Frau beim Betrachten des Trauerzuges.

Bald erreichten sie eine Wiesenlandschaft mit seichterem Gras auf dem in der Ferne ein großer Steinkreis, aus elf riesigen Findlingen und einen kleineren in der Mitte, zu sehen war. Um dieser herum verteilt auf der Ebene lagen einige kleine oder größere Kreise, bestehend aus vielen handgroßen Steinen. Auf jedem Stein schien etwas zu stehen. Vielleicht Namen oder bestimmte Worte, so genau konnte Saoirse das nicht erkennen. Es war auch eine Höhle in der Nähe zu sehen, deren Eingang mit ähnlichen Steinen geschmückt war, wie die kleinen Steinkreise.

Um was für einen Ort handelte es sich hier?

Was das ein Zentauren-Friedhof?
 

"In der Höhle dort werden die Angehörigen der Herrscherfamilie bestattet", erklärte Arktur ihr leise.

"Der große Findlingssteinkreis dient zur Andacht und Anrufung der Ahnen oder anderen Ritualen, die kleineren Steinkreise, die aus den handgroßen Steinen bestehen, sind für die Toten der Noraden gedacht. Jeder Stein trägt den Namen eines Verstorbenen oder andere liebevolle Wort, die den Toten mit auf den weiteren Weg mit gegeben werden."

Die Frau betrachtete die Kreise genauer, sie sahen recht groß aus, so als passten dort mehrere Zentauren nebeneinander in eine Ruhestätte. Aber wie genau?

"Kannst du mir erklären, wie genau ihr eure Toten bestatten?"

Die Gruppe schritt auf eine weite Grube zu, handelte es sich hier bereits um die Antwort auf ihre Frage?

"In die Grube kommen die Toten, zusammen mit Holz und Gaben für sie. Wir legen die Steine um diese Vertiefung herum. Wenn alles an seinem Platz liegt, wird die Grube entzündet und die Seelen können mit dem Rauch zusammen zu den Sternen reisen. Ist das Feuer erlöschen, bedecken besonders geschulte Zentauren die Grabstätte mit weiterer Erde."
 

Beeindruckt und dennoch respektvoll beobachtete Saoirse das Tun der Zentauren, wie diese Barren mit den Toten in die Grube gelegt und nach und nach der Kreis aus Steinen aufgefüllt wurde. Vereinzelt weinten einige Pferdemenschen, waren in sich gekehrt oder einfach andächtig in das vertieft, was sie gerade taten. Die Atmosphäre war nicht drückend, eher ruhig und respektvoll.

Irgendwann fiel ihr Blick auf Brindl, der seiner Familie half, einige weinende Zentaurinnen zu trösten, die offenbar ihre Männer verloren hatten. Opalos und Cholem halfen, einige Barren in die Grube zu tragen.

Saoirse stieg von Arkzurs Rücken und betrachtete das Tun noch eine Weile, bis der Palomino sie aus ihren Gedanken riss.

"Hier, ich glaube du solltest das hier haben."

Verblüfft nahm sie etwas von Arktur entgegen, es war ein Stein mit Lillyloons Namen darauf. Gerührt drückte sie ihren Freund.

"Du meinst das geht?"

"Natürlich"

"Sie war keine Zentaurin"

"Sie hatte aber das Herz einer solchen."

Mit Tränen in den Augen musste die junge Frau lächeln. Ja, damit hatte Arktur wohl Recht.

"Kommst du mit?", wollte sie von ihrem Freund wissen und er nickte. Gemeinsam gingen sie zum Steinkreis und suchten einen schönen platz für Lillyloons Stein. Dann traten sie wieder zurück, um die anderen ihre Arbeit machen zu lassen.
 

Als später alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, richtete Corion tröstende Worte an seine Sippe und Worte der Ehrung an seine gefallenen Krieger. Schließlich wurde das Feuer entzündet und alle standen versammelt um die Feuerstelle. Für einen Moment sah Saoirse auf den Stein für ihre Lillyloon und dann zum mächtigen Feuer hinauf. Möge ihre Seele, soweit sie es noch nicht getan hatte, durch dieses Licht nach Hause finden. Saoirse war sogar bereit dem Burgherrn zu vergeben – es war vorbei.
 

Jemand berührte sie an der Schulter und die Menschenfrau sah hoch, da alle bis auf die Fohlen größer waren als sie. Es war Brindl. Er kniete sich zu ihr herunter und drückte sie an sich. Für eine Weile sagte er nichts, dann aber flüsterte er ihr ins Ohr:

"Ich verdanke es dir, dass heute kein Stein mit meinen Namen hier liegt und meine Familie und Sippe nicht um mich weinen muss – danke ..."

Voller Rührung rollten ihr Tränen über die Wangen, dabei hatte sie sich bisher so zusammen gerissen, weil sich nicht vor anderen weinen mochte. Jetzt war es zu spät. Erst jetzt erwiderte sie Brindls Umarmung und streichelte ihn leicht über den Rücken. In diesem Moment wurde ihr klar, dass sie ihn gerne mochte, wie gerne sie sich seine Freundschaft wünschte

Hatte sie diese nicht schon?


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