Kapitel  13:  Brindls  großer  Kampf

In der Nacht schlief Saoirse unverhofft gut und ruhig. Nachdem die junge Frau wieder erwachte, war es hell und sie fast alleine. Aber die platt gelegenen Bodenbepolsterung aus Heu verriet ihr, dass noch weitere Zentauren hier genächtigt haben müssen. Verdutzt richtete sie sich auf die Knie und sah sich um. Eine Stoffplane war leicht über die Schlafstätte gespannt, um sie herum herrschte geschäftiges treiben, immer noch wurden Verletzte versorgt und Tote geborgen. Nur Bindl lag regungslos neben ihr, nicht ganz unweit von ihnen standen vier alte Bekannte, die den Noraden begleitet hatten, als er sie zur Burg geführt hatte. Einer drehte sich kurz zu ihr um, es war der Blonde.
 

"Werden die Menschen wieder angreifen?", wagte sie leise zu fragen, doch der Zentaur schüttelte den Kopf.

"Nein, nachdem ihr Burgherr gefallen war, erklärte sich sein Nachfolger bereit für Verhandlungen. Der Fürst ist bei ihm um ein Friedensabkommen auszuhandeln."

Das beruhigte sie ein wenig, wenigstens würde es keine neuen Kämpfe geben.
 

Ein wenig später schien das Lager aufgelöst zu werden. Die Fürstin erschien und bat Saoirse noch eine Weile auf das kleine Fohlen aufzupassen. Da es noch nicht laufen konnte, versuchte es ständig sich auf seine langen dünnen Beine zu stellen. Da Zentauren keine Fluchttiere waren, mussten sie nicht sofort nach ihrer Geburt stehen können, obgleich es Viele oft versuchten. Jetzt konnten alle seine blauen Augen erkennen, mit denen er lächelnt zu Saoirse aufsah und ihr so ein herzerwärmendes Gefühl schenkte. Dieses schneeweiße Fohlen strahlte Hoffnung und Zuversicht inmitten soviel Elend aus.

Mit geübten Händen versorgte Auralia die Wunden ihres Sohnes Brindl, der wie leblos am Boden lag. Er schien wirklich schwer verletzt zu sein. Obwohl Saoirse eine gute und begabte Heilerin war, wusste sie noch nicht soviel über Zentauren-Gesundheit. Nur mit Mühe gelang es ihr in der Vergangenheit Opalos zu retten, dabei musste sie aber sehr vorsichtig vorgehen und viel ausprobieren. Einen Zentauren zu pflegen war anders als bei einem Menschen oder einem Pferd. Darum passte sie immer aufmerksam auf, wenn zentaurische Heiler ihr Handwerk ausübten, damit sie mehr lernte.
 

"Und? Hast du schon einen Namen für den Kleinen?", fragte die Mutter des Fohlens nebenbei.

Wie? Was war wirklich ihr Ernst gewesen?

"Ich soll wirklich?"

"Warum nicht? So sind unsere Traditionen", grinste Auralia. Mit seinen kleinen Händen zog es sich an Saoirses Arm vorsichtig auf seine wackeligen Pferdebeine.

"Ich fürchte, ich brauche noch ein wenig Zeit ..."

"Kein Problem"
 

. . .
 

Als die Sonne weit oben am Himmel stand, erschien der Fürst zusammen mit Arktur, Opalos, Cholem und anderen seiner Kriegern und befahl das Lager aufzulösen und nach Hause aufzubrechen. Glücklich umarmten sich Arktur und seine Freundin, danach begrüßte auch Opalos und Cholem ihre menschliche Gefährtin.

Es dauerte nicht lange bis das Lager aufgeräumt war, die Verletzten und Toten wurden auf Barren getragen, jeder trug seinen Teil dazu bei. Cholem nahm wieder Saoirse auf seinem Rücken und noch ein anderer Zentaur trug jemanden auf eben diesen: Fürst Corion seinen Sohn Brindl, der schlaff und reglos wirkte.

Die Gruppe der Cheiraden ging nebeneinander als sich alle auf den Weg Richtung Heimat machten.
 

"Ich hätte ihn besser decken müssen", dachte Arktur irgendwann laut, doch Opalos schüttelte den Kopf.

"Was war geschehen?", harkte Saoirse nach.

Mit einer Hand massierte sich der Palomino kurz die Stirn: "Brindl war vorgeprescht und die Menschen haben das genutzt uns kurz zu trennen und ihn zu überrennen. Einer der Männer hatte sich auf seinen Rücken geworfen und ihm beinahe von hinten die Kehle aufgeschlitzt. Glücklicherweise kamen Opalos und ich noch rechtzeitig, um das zu verhindern, aber Bindl war schwer verletzt. Und anstelle sich zurück zu ziehen, bestand er darauf weiter zu kämpfen. Doch er war so ein leichtes Ziel, die Menschen haben ihn verstärkt angegriffen und irgendwann zu Boden gerissen. Nur mit Mühe konnten wir verhindern, dass er ...", es fiel Arktur sehr schwer das Erlebte noch einmal auszusprechen und auch die junge Frau verlor jede Farbe aus ihrem Gesicht.

"Das ist furchtbar ... grausam ..."

"Er ... wird es ... nicht schaffen ...", kam es aus dem Cheiraden-Prinzen heraus. Und Saoirse erstarrte.

"Was? Aber ... aber ... woher willst du das wissen?", flüsterte sie vor Entsetzen.

Arktur blickte sie nur traurig an und schüttelte den Kopf. Fassungslos schaute Saoirse zu Brindl herüber.

"Bitte nicht ..."
 

. . .
 

"Kannst du ihm nicht helfen, so wie du mir geholfen hast?", fragte Saoirse ihren Freund Cholem leise, in dem sie sich zu ihm vorbeugte und es ihm ins Ohr flüsterte. Die Noraden waren Zuhause angekommen, kümmerten sich um ihre Verletzten, bereiteten die Begräbnisse für die Toten vor und brachten ihren verwundeten Prinzen im Waru des Fürsten unter. Cholem drehte leicht seinen Kopf zu ihr und entgegnete ebenso gedämpft: "Das kann ich nicht. Ich habe dir schon erklärt, dass ich es nicht war, Liebes."

Verzweifelt schluchzte sie: "Verzeih mir ... ich dachte nur ..."

"Kommt ihr?", Arktur rief sie zu sich und der kupferfarbene Zentaur trabte zu ihm herüber.

"Die Fürstin und der Fürst wollen uns gerne bei sich haben ..."

Bei diesen Worten zog sich ihr Magen zusammen, sie spürte, was das zu bedeuten hatte.

Es ging zu Ende.
 

Mit weiten Schritten näherten sich die Zentauren dem Waru. In sich spürte Saoirse große Angst und ein Gefühl von Ohnmacht machte sich in ihr breit, aber nur, bis sie sie Fürstin am Eingang erblickte. Gleich stieg sie vom Rücken ihres zentaurischen Trägers und ging zu ihr. Ohne ein Wort drückte Auralia sie an sich: "Er hat eben aufgehört zu atmen ... Ihr könnt euch von ihm verabschieden, wenn ihr möchtet ..." Wie eine Klinge durchschnitten diese Worte ein Stück ihres Herzens. Obwohl sie diesen Zentauren kaum kannte, fühlte sie sich allen hier so verbunden, sie wollte weinen, aber sie konnte es nicht.

Die Zentauren betraten den Waru, Saoirse blieb noch eine Weile bei Auralia – schweigend, einander haltend.

Wie lange sie so standen, konnte keine von Beiden so genau sagen, sie ließen erst von einander ab, als Arktur, Opalos, Cholem gefolgt von Corion und seinen drei Töchtern das Gebäude verließen. Mit einer Hand drückte die Zentaurin der Frau die Schulter:

"Geh ruhig".
 

Im Inneren war niemand, außer der gerade gestorbene Bindl. Gebettet auf weichen Decken lag er in Mitten des Raumes, seine Wunden liebevoll verbunden. Wären die vielen Verbände und seine blasse Gesichtsfarbe nicht gewesen, so hätte man glauben können, der Zentaur schliefe nur.

Vorsichtig ging sie näher und setzte sich neben ihn. Zögernd und mit zitternder Hand legte sie einen Arm auf seinen Pferdebauch. Sein Fell war noch ganz leicht warm, aber es fühlte sich verschwitzt an. Eine seltsame Müdigkeit überkam die junge Frau. Ohne darüber nachzudenken legte sie ihre Wange und einen Arm auf Bindls Bauch. Ihr Verstand wollte sie zu Disziplin tadeln, sich zusammenzureißen, aber da waren ihre Augen schon zugefallen und sie eingeschlafen.
 

Sie erwachte, als die Erde sich bewegte, oder ... nein, es war nicht die Erde, etwas anderes. Wie aus weiter Ferne hörte sie eine Stimme: "Was machst du da?"

Mit einem Ruck war Saoirse schlagartig wach, weil sie auf dem Boden des Waru gelandet war. Verwirrt sah sie sich um und erschrak. Keiner war dar, außer Bindl ... und er sah sie ein wenig böse an.

Allerdings nicht wie am Anfang, es war eher wie, wenn man jemanden tadelt. Mit leicht schief gelegenen Kopf beobachtete er sie.

"Du ... du ..."

"… Was ich ...?", blaffte Brindl und wühlte sich einen Verband vom Arm, wo vorher eine tiefe Wunder geklafft hatte, war jetzt nur gesunde Haut. Mit einem Satz fiel sie den Zentauren um den Hals und drückte ihn.

"Du lebst, du lebst ... du lebst!"

Ein wenig überrumpelt erstarrte der Braun-Schwarze unter ihrer Berührung, auch wenn ihn ihre Freude ein wenig rührte.

"Ich war ... tot?"

Sie nickte und ließ ihn los, sie strahlte vor Freund.

Vor Freunde über ihn?

Brindl verstand das nicht ganz. Wie ein tänzelndes Fohlen hüpfte sie zum Ausgang. Er sah ihr nachdenklich nach.
 

Draußen warteten die anderen, doch als Saoirse ihren Kopf raus streckte, sah sie niemanden weinen, wie bei einer Beerdigung, sondern alle sahen sie erwartungsvoll an. Aber in diesem Moment war die junge Frau einfach nur glücklich darüber, dass Bindl lebte. So wunderte sie sich nicht weiter über dieses seltsame Verhalten, vielleicht war das bei Zentauren so üblich.

"Es geht ihm gut", platzte es aus der Frau heraus und Auralia zog sie kurz zu sich, umarmte und küsste sie wie zum Dank und trabte dann zu ihrem Sohn in den Waru.

Der Fürst kam zu Saoirse, küsste sie kurz auf dem Kopf und betrat ebenfalls den Waru, gefolgt von den drei Zentaurinnen, die ihr glücklich zu nickten und sie nacheinander am Arm berührten. Jetzt fiel es ihr schon auf, dass sich alle ein wenig seltsam verhielten. Arktur, Opalos und Cholem grinsten nur.

"Was ist denn? Sind Zentauren öfter mal scheintot?", grübelte die junge Frau nachdenklich und zuckte die Schultern.

Doch die anderen lachten amüsiert, der Palomino schüttelte seinen edlen Kopf: "Wohl kaum ... wohl kaum ..."

Jetzt fand sie es langsam nicht mehr lustig: "Entweder sagt ihr mir jetzt was hier los ist, oder ihr hört auf zu lachen ... Am besten Beides."
 

Beschwichtigend hob Arktur die Hände: "Ok, komm mit. Wir gehen ein Stück."

Ein wenig abseits von der Stätte nahmen die Beiden den Weg aufs weitläufige Feld.
 

"Hast du schon mal von Menschen gehört, die Gaben haben wie das Träumen? Manchmal nennt man sie auch Tempelschläfer", begann der goldfarbene Zentaur. Mit nachdenklichen Blick dachte sie nach:

"Du meist die Menschen, die im Schlaf Visionen aus einer anderen Welt empfangen?"

Er nickte.

"Ja, so ungefähr. Das was dir passiert ist, lässt sich so ähnlich erklären. Du hast auch so eine Fähigkeit, allerdings erhältst du keine Visionen oder Botschaften im Traum, sondern eine besondere Heilgabe, du bist eine Heilschläferin."

"Bitte was?"

Sie musste wohl geguckt haben wie eine Taube ins leere Fass, denn der Zentaur konnte sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen.
 

"Dabei gibt es nur ein Problem", begann Arktur dann wieder etwas ernster.

"Und welches?"

"Diese Fähigkeit ist eigentlich eine zentaurische Gabe. Es ist bisher kein Mensch mit dieser Fähigkeit bekannt."

"Und was schließt du daraus?"

"Das dir diese Gabe von einem Zentauren geschenkt worden ist ..."

Jetzt wurde es immer verrückter. "Und wie bitte soll das geschehen sein? Wie verschenkt man denn bitte eine Gabe?"

"Nun, hast du nicht das Sternen-Fohlen beschützt? Es trägt eine große Macht in sich und kann auch Gaben auf andere übertragen. Cholem hat uns erzählt, wie du dich selbst im Schlaf geheilt hast, nachdem er dich aus der Burg gerettet hatte."
 

Schweigend überlegte die Menschenfrau.

"Dabei gibt es aber ein weiteres Problem, mein lieber Arktur. Das kleine Fohlen ist mir erst nach diesem Ereignis in der Burg begegnet. Wie kann ich dann schon die Gabe besessen haben?"

"Ganz einfach. Das Sternen-Fohlen war bereits vorher in deiner näheren Umgebung, im Bauch seiner Mutter, die sich im gleichen Waru aufhielt wie wir, als uns der Fürst begrüßte, Auralia hielt sich damals im Hinterzimmer auf. Manchmal reicht es aus, den gleichen Ort eines mächtigen Zentauren zu betreten, um seinen Segen zu empfangen."

Zunächst schwieg sie: "Aber ... warum konnte ich dann nicht Lillyloon retten? Oder die anderen gefallenen Krieger oder den Sohn des Burgherren? Dann wäre das alles vielleicht nicht geschehen."

Verständnisvoll legte Arktur seiner Freundin eine Hand auf die Schulter: "So einfach ist das nicht. Diese Gabe zu haben heißt nicht, über Leben und Tod entscheiden zu können. Es überkommt dich einfach, es zieht dich zu denjenigen hin, dem du helfen darfst und dann schläfst du ein ... Du kannst es nicht kontrollieren, es liegt in den Händen der Sterne und der Götter."
 

Mit dem Blick in den Himmel blieb sie stehen. Schnell traf ihr Blick auf seinen. "Weißt du, was das bedeutet, Saoirse?"

"Das ich im Schlaf andere retten kann."

"Ja, auch. Aber da das Ganze eine zentaurische Gabe ist, die du noch dazu von einem Sternen-Fohlen erhalten hast, bist du jetzt nicht einfach eine menschliche Freundin, sondern ein anerkanntes Mitglied der Cheiraden und das wiederum bedeutet ...", gab er mit einem breiten Grinsen von sich, packte sie am Arm und schwang sie auf seinen Rücken.

"... ich darf dich jetzt auch tragen!"
 

Aus dem Stand setzte der Palomino in den Galopp über und preschte mit Saoirse der untergehenden Sonne entgegen. Jetzt endlich durfte sie von ihm getragen werden und mit ihrem Zentauren-Freund über die Landschaft fliegen. Die ganzen Zusammenhänge verstand sie noch nicht vollkommen, aber das war ihr in diesem Augenblick auch egal. Der Krieg, das Turnier, die Angst um Brindl – all das gehörte der Vergangheit an. In diesem Moment war alles wunderschön und die Beiden fühlten sich frei und glücklich.


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