Kapitel  12:  Kampf  oder  Flucht?

Sie wollte sich wieder verstecken, aber es war zu spät!

"Oh nein!"

Der Burgherr kam näher. An seiner Rüstung und auch an seinem Pferd sowie bei allen anderen fünf Reitern, klebte überall Blut.

Was was Zentauren-Blut ...?

"Nein ...", wiederholte Saoirse erneut mehr zu sich selbst und schüttelte mit Tränen gefüllten Augen ihren Kopf.

"Oh, doch!", grinste der Burgherr, seine Augen glühten vor Hass und dem Wunsch nach Rache, aber er sah nicht sie, sondern das Fohlen an. Verzweifelt versuchte sie das Junge von ihm abzuschirmen, in dem sich die junge Frau zur Seite drehte.

"Ist es das?", die Stimme des Mannes klang wie wahnsinnig. "Ist es das Fohlen der Fürstin? Meine Späher haben beobachtete, dass die Stute des Zentauren-Anführers hoch tragend war. Ist das ihre Brut?"

Die Art wie er Fürstin aussprach und die weiteren Beleidigungen, verriet sein tiefe Verachtung für die Zentauren.

"Gib es mir, gib mir das Dreckstück und ich verschone dein Leben. Und du bekommst auch ein neues Pferd."

"Niemals!", antwortete Saoirse bestürzt und einige Tränen rollten über ihre Wangen.
 

Ohne nachzudenken rannte sie los, doch der Burgherr war schneller und packte sie am Arm, vor Schmerz schrie sie auf, denn er drückte unglaublich fest zu, als würde er ihr gleich den Arm brechen.

"Das Spiel ist vorbei, Zentauren-Flittchen!", brüllte er aufgebracht und versuchte nach dem Fohlen zu greifen, doch Saoirse drehte sich so, dass er es nicht gleich packen konnte. Vorsichtig ließ sie es auf dem Boden sinken und warf sich dem Burgherren entgegen. Wütend schlug er sie ins Gesicht. Und alles um sie herum verdunkelte sich.
 

. . .
 

Eine wippende Bewegung brachte Saoirse zurück in die Gegenwart.

Sie lag bäuchlings auf dem Rücken eines Pferdes, hinter einem Krieger des Burgherren.

Was war geschehen?

Wo war das Fohlen?
 

Sie hielten an.

Die Gruppe hatte das Schlachtfeld erreicht. Fackeln brannten an vielen Stellen, Krieger sammelten ihre Kameraden ein, sie sah verletzte Menschen, aber keine Toten, dafür lagen etliche leblose Zentaurenkörper auf dem Feld verstreut. Auch die Zentauren borgen ihre Krieger, wenn die Sonne unterging, gab es einen Waffenstillstand, um die Toten und Verletzten zu bergen. Entsetzt versuchte sich Saoirse vom Rücken des Pferde zu zappeln.

Unsanft prallte sie auf dem Boden auf, als es ihr schließlich gelang. Obwohl Saoirse nur leicht gefesselt war, dauerte es eine Weile, bis es ihr gelang, sich komplett zu befreien. Keiner der Krieger hielt sie auf. Derweil suchte der Burgherr jemanden auf dem Schlachtfeld. Und als er ihn gefunden hatte, rief Dordmior herausfordernd:

"So wie es aussieht, großer Fürst, werde ich am Ende doch noch meine Rache bekommen!"
 

Corion stand über einen Zentauren gebeugt, dem er offenbar gerade noch gut zugeredet hatte, andere kümmerten sich um den am Boden liegenden. Um wen genau es sich handelte, konnte Saoirse nicht erkennen. Im Schein der Fackeln erkannte sie, wie sich der Zentauren-Fürst zu Dordmior umdrehte, seine dunkeln Augen verrieten Verachtung für den Anführer der Menschen. Der Körper des Zentauren zeigte eine Vielzahl von Wunden und kaum eine Stelle die nicht blutverschmiert im Schein der Fackeln schimmerte, aber er wirkte immer noch stark und kampfbereit. Mit langsamen Schritten stampfte Corion auf Dordmior zu. Als der Burgherr etwas hochhielt, hielt der Zentauren-Fürst inne und Saoirses Herz setzte kurz aus: Das weiße Fohlen – der Mann hielt es grob, an den beiden Vorderbeinen hoch.
 

Wimmernde Geräusche machte das kleine Wesen, die jedem durch Mark und Bein gingen, abgesehen von Dordmior und seinem Gefolge.

"Das hier, ist dein Bastard! Ich werde ihn das gleiche Schicksal zukommen lassen, wir ihr es dem meinen angetan habt. Nur nicht ganz so schnell ..."

Corion sagte nichts, sondern sah das Fohlen wie erstarrt an. Dann erst fing er sich, fixierte den Burgherren und machte ein paar Galoppsprünge auf den Mann zu. Das geschah so schnell, dass der Burgherr vor Verblüffung das Fohlen los ließ. Geistesgegenwärtig rannte Saoirse zu dem kleinen weißen Bündel und drückte es an sich.

Es lebte!

Der Fürst und der Burgherr kämpften gegeneinander und die anderen fünf Krieger mischten sich ein. Zentauren eilten herbei, um ihren Fürsten zu beschützen.

Wie benommen stand die junge Frau dar und war völlig unbeweglich. Sie musste hier weg, zum Lager der Zentauren. Sofort!
 

Als sie ihren Körper wieder bewegen konnte und gerade gehen wollte, packte sie etwas am Knöchel. Erschrocken schaute sie an sich herunter: Dordmior!

Verwirrt blickte sie zum Kampfgetümmel, der Burgherr muss sich entfernt haben, als die Zentauren abgelenkt waren!

Der Mann richtete sich auf und schlug Saoirse so auf die Schulter, dass sie in die Knie ging. Da fiel ihr Blick auf ein am Boden liegendes Schwert. Ohne Nachzudenken legte sie das Fohlen auf den Boden und packte das Schwert. Schützend stellte sie sich vor ihren Schützling und richtete die Waffe auf dem Burgherren. Dabei wusste sie nicht einmal wie man ein Schwert richtig hielt. Nur mit zwei Händen gelang es ihr die Klinge überhaupt hoch zu halten.
 

Amüsiert lachte Dordmior, dann schlug er mit seinem Schwert auf sie ein. Sie hätte um Hilfe rufen sollen, doch aus ihrer Kehle kam kein Laut. Stattdessen versuchte sie unbeholfen den Schlag zu parieren. Irgendwie schaffte sie es, ihn abzuwehren, allerdings nur, weil der Burgherr im Halbdunkelnen leicht über irgendwas stolperte und Saoirse sich gleichzeitig unbeholfen wegdrehte, weil sie das Schwert kaum noch halten konnte. Wie durch ein Wunder rammte sie sich dabei nicht die eigene Klinge in die Schulter.

Als der Mann erneut zuschlug, huschte ein Schatten hinter Saoirse hervor, der die Klinge des Angreifers abwehrte.

Es war Arktur.

"Nimm das Fohlen und lauf!", schrie er und sofort legte sie die Waffe mit der sie ohnehin nicht umgehen konnte zurück ins Gras, schnappte sich das Fohlen und rannte in Richtung Wald, wo die Zentauren ihr Lager hatten. Dabei kam sie an dem Zentauren vorbei, bei dem Corion zuvor gestanden hatte. Ihr Herz zog sich zusammen als sie Brindl erkannte. Schwer verletzt, aber er lebte.

Jemand stupste sie sachte am Rücken, vor Schreck über Brindl war sie stehen geblieben. Erleichtert blickte Saoirse in ein bekanntes Gesicht, in das von Opalos: "Geh weiter, wir kümmern uns um ihn und die anderen."

"Die Zentaurinnen wurden ..."

"Ja, wir wissen Bescheid, aber sie haben den Angriff abwehren können. Besser als wir", erklärte er mit einem traurigen Blick über das Schlachtfeld und auf die Gefallenen.
 

Schweren Herzens ging sie weiter und Opalos verschwand wieder in der Dunkelheit, die nur hier und da mit Fackeln erhellt wurde. Das Lager der Zentauren lag am Rande des Waldes. Als sie es erreichte wurde das Kleine ein wenig unruhig. Er wird Hunger haben. Sie musste zu seiner Mutter!

"Kann mich jemand zu den Zentaurinnen bringen? Oder wenigstens das Fohlen?"

"Das wird nicht nötig sein", erklang eine weibliche Stimme dicht hinter ihr. Schnell drehte sie sich um und sah Auralia.

"Aber wie ...?"

"Ich habe dir doch erklärt, dass ich Dinge spüren kann", führte sie weiter. Die Zentauren-Fürstin sah müde aus, sie musste gekämpft haben, dabei hatte sie vor kurzem eine Geburt hinter sich gebracht. Zum wiederholten male war Saoirse beeindruckt von den Pferdemenschen. Behutsam reichte sie der Mutter das Junge. Zärtlich nahm sie es entgegen, legte eine Brust frei und fing an ihren Sohn zu säugen. Dieser Anblick erfüllte Saoirses Herz mit einer wohligen Wärme. Doch er dauerte nicht lange, bis ihr bewusst wurde, dass der Fürst möglicherweise noch kämpfte und Brindl ... Ob die Fürstin es wusste?

"Fürstin? Brindl und der Fürst ..."

"Ich weiß ...", erklärte sie ruhig. "Sie werden es schaffen", sagte sie, wie um sich selbst Mut zuzureden.

Plötzlich fiel der jungen Frau etwas ein: "Das Fohlen hat blaue Augen."

Verblüfft hob Auralia den Kopf und sah ihr Gegenüber aufmerksam an.

"Du hast seine Augen gesehen?", dann lächelte sie und schaute zu ihrem Fohlen herunter: "Dann scheint er dich sehr zu mögen."

"Dann darf sie ihm einen Namen geben", quiekte eine muntere Stimme auf einmal neben Saoirse und Ailees stand wie aus dem Nichts neben ihr.

"Was?", flüsterte die Frau.

"Ja, laut unserem Bräuchen darf derjenige, der oder die von einem Fohlen zum ersten mal angesehen wird, diesem auch seinen Namen geben."

"Aber ... aber ich kann doch nicht ... ich weiß gar nicht, was ein passender Name ..."

"Du kannst dir ja noch ein wenig Zeit lassen", schmunzelte Ailees.
 

Unruhe kam auf, die Krieger trugen Brindl ins Lager und zwei heilkundige Zentauren eilten herbei, um ihn zu versorgen. Im Schein der Feuerschalen und Fackeln kam Brindls schrecklicher Zustand richtig zu tage. Er wirkte blass, seine Augen hielt er geschlossen, doch er war ganz offenbar bei Bewusstsein, da er hin und wieder ein unterdrücktes Stöhnen von sich gab. Sein völlig blutverschmiertes Fell machte es schwer die Anzahl seiner Wunden auf den ersten Blick genau zu bestimmen. Seine Rüstung erschien halb zerborsten, so das sie ihn kaum noch schützen konnte. Arme und Teile seines Oberkörpers verrieten ebenfalls die Härte und Unerbittlichkeit, mit der seine Gegner ihn attackiert hatten.

Fassungslos musste sich Saoirse für einen kurzen Moment umdrehen, weil sie nicht wollte, dass jemand sah,wie ihr die Tränen in die Augen schossen und sie merkte, dass sie sie nicht zurück halten konnte. Warum waren die Menschen so grausam? Sie hatte keine toten Menschen gesehen, nur verwundete. Warum konnten nicht auch sie ihre Gegner nur kampfunfähig machen? Warum mussten sie sie töten oder so übel zurichten, dass sie dem Tod näher waren als dem Leben? In diesem Augenblick schämte sie sich für ihresgleichen.

Sie mochte Brindl, irgendwie, auch wenn er ein gemeiner Kerl war. Aber seit der Offenlegung der wahren Beweggründe für das sagenumwobene Turnier, schien auch er sich verändert zu haben ... Wie auch immer, Saoirse hoffte, dass er nicht sterben würde.
 

"Ist schon gut", sagte eine tröstende Stimme zu ihr und nahm sie in den Arm, es war die Fürstin.

"Tränen sind keine Schande." Stumm nickte die junge Frau. Ihre Müdigkeit bot Verzweiflung ihren Weg.

"Aber was ist, wenn sie nicht aufhören? Wenn sie immer wieder angreifen? Was wenn es nicht aufhört?", dabei weinte Saoirse heiße Tränen in das Fell der Zentaurin. Auraila strich ihr über den Kopf:

"Hat sich schon jemand deine Wunde angesehen, Kleines?"

Energisch schüttelte sie den Kopf: "Es ist nicht schlimm, ich war nur kurz bewusstlos. Ich wollte das nicht aber ich konnte ihn nicht davon anhalten. Er hat das Fohlen genommen und ich konnte es nicht beschützen, es tut mir leid!"

"Unsinn!", gab die Fürstin zu verstehen. "Es ist egal was geschieht, wichtig ist nur, was man daraus macht. Du hast gekämpft für das Leben meines Sohnes und nun liegt er gesund in meinen Armen, das – und nur das – zählt!"

Die Zentaurin sagte das in einer Ernsthaftigkeit die keinen Widerspruch duldete.
 

Die Krieger und Heiler hatten Brindl so weit sie konnten versorgt und da das Fohlen satt war, legte sie es in einem kleinen Anstand zu seinem verletzten und jetzt anscheinend schlafenden Bruder.

"Du solltest dich auch ein wenig hinlegen, Saoirse. Du bist müde und musst dich ausruhen, aber vorher sieht sich Iron noch deinen Kopf an", erklärte die Fürstin und winkte einen hellbraunen Zentauren herbei. Er besah sich die Wunde, säuberte sie und bestätigte, dass es nichts Schlimmeres sei, was die Zentaurin zu beruhigen schien. Nachdem sie der jungen Frau Wasser und etwas zu Essen gegeben hatte, bot sie ihr an, sich neben sie zu leben. Links von ihr lagen Brindl und ihr neugeborenes Fohlen und rechts war noch Platz. Dankbar nahm die junge Frau das Angebot an und rollte sich dicht an Auralia heran.

Wie ging es Arktur, Opalos, Cholem und Corion?

Was war mit all den anderen Verletzten und Toten?

Über all diese Fragen schlief sie dennoch ein, ihre Erschöpfung war einfach zu groß gewesen. Und die Ruhe, die die Fürstin ausstrahlte, übertrug sich einfach auf Saoirse.


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