Kapitel  9:  Die  Prüfung  und  die  Wahrheit

Kaum trafen die beiden Zentauren aufeinander, da schwang sich die junge Frau von Cholems Rücken und stürzte auf ihren Freund zu. Arktur erwiderte ihre Umarmung. Die Art wie sie ihn in die Arme schloss sagte ihm, dass sie etwas auf dem Herzen hatte. Und tatsächlich entging ihm nicht das leichte Schluchzen der jungen Frau.

"Saoirse? Was hast du? Geht es dir nicht gut?"

"Sie haben ... Lillyloon getötet ...", stammelte sie leise.

Behutsam schob er sie leicht von sich weg, um ihr so ins Gesicht schauen zu können. Dabei hielt er seine Hände weiter auf ihren Schultern: "Bist du verletzt?"

"Cholem ... hat dir geholfen ...", erklärte sie mit einem Deuten auf den kupferfarbenen Pferdemenschen neben ihr. Sie verschwieg lieber die genaueren Umstände ihrer Rettung.

Arktur nickte dem Fremden dankend zu und stellte sich vor. Cholem tat es ihm gleich.

"Es tut mir leid, Saoirse", versuchte Arktur sie dann zu trösten. Für einen Moment ließ sie sich von ihrem Freund noch in den Arm nehmen, aber dann fiel ihr wieder die Dringlichkeit ein, die sie zu Eile mahnte.
 

"Arktur, wir müssen zu den Noraden. Vermutlich werden die Menschen sie angreifen ...", erklärte sie knapp. Mit einem Schnauben gab er sie frei und nickte ihr zu: "Dann müssen wir uns beeilen und Corion warnen."

Ohne eine weitere Absprache half Cholem der Frau wieder auf seinen Rücken, Arktur beobachtete die Zwei als ob er überlegte, etwas sagen zu wollen.

Würde er lieber ...?

Nein, unmöglich!

Wie um einen unliebsamen Gedanken abzuschütteln wand er den Blick ab und galoppierte los, gefolgt von dem Zentauren-Mensch-Gespann.
 

Die Pferdemenschen legten noch mehr an Tempo zu, sodass sie noch bevor die Sonne vollkommen untergegangen war, die Stätte der Noraden erreichten. Verschiedene Feuerstellen, Fackeln und Feuerschalen ließen die Behausung der Zentauren behaglich aussehen. Und sie wurden bereits erwartet, zwei Schatten kamen auf die kleine Gruppe zu. Den ersten erkannten Saoirse sofort, Opalos trat auf sie zu und begrüßte die Drei. Sein fragender Blick sagte Saoirse, dass er nach ihrer Stute Ausschau hielt, doch er fragte wohl wissend nicht nach. Ein Blick zu seiner Menschenfreundin sagte ihm alles, was er wissen musste.

Der zweite Schatten kam dichter und grunzte: "Wer hätte gedacht, dass du deine Aufgabe so schnell hinter dich bringst." Die raue Äußerung verriet keine Bewunderung und kam von Brindl. In diesem Augenblick packte Arktur den Noraden am Genick und drückte ihn drohend einen Schritt nach hinten: "Halte deinen Mund! Du kannst froh sein, dass sie unversehrt ist. Sonst ..."

"Sonst was?", brummte Brindl herausfordernd. Allerdings fing sich Arktur, ließ ihn los und atmete einmal tief durch:

"Es gibt jetzt Wichtigeres. Wo ist dein Vater?"

"Vater hat jetzt keine Zeit für euch."

"Die Menschen werden euch angreifen, vielleicht kann dein Vater etwas Zeit für uns aufbringen", fuhr Saoirse dazwischen, dieses mal klang sie ein wenig verbittert.

Missmutig kniff Brindl die Augen zusammen, wartete einen Augenblick und bedeutete ihnen mit einem Kopfnicken, ihm zu folgen.
 

Dieses Mal machte sich Saoirse keine Mühe die für sie immer noch neue Umgebung zu betrachten, denn in ihrem Kopf kreisten zu viele sorgenvolle Gedanken.

Die Gruppe erreichte die Behausung des Fürsten.

"Was soll dieser Aufruhr? Haben die Cheiraden immer noch zuviel Energie nach dem heutigen Tag?", gab Corion halb im Scherz, halb genervt von sich. Sein Sohn gab kurz eine Einführung, wobei die Worte Menschen und Angriff den Fürsten aufhorchen ließen. Saoirse und Cholem führten dann ihre Ergänzungen und ihren Verdacht aus.

Danach schwieg Corion für eine Weile und fuhr sich mit einer Hand gedankenverloren durch den Bart.
 

"Dann ist es jetzt wohl an der Zeit euch die Wahrheit zu eröffnen", deutete der Fürst schließlich an. Die Cheiraden sagten kein Wort und warteten auf weitere Erklärungen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis Corin fortfuhr:

"Ihr seit nicht hier, um einen Friedensvertrag mit uns zu erneuern."

Die Stirn von Arktur legte sich in Falten: "Und wofür sind wir dann hier?"

"Zur Charakterschulung, mein Junge", gab Corion ungewohnt freundlich, fast fürsorglich, zu.

Was genau lief den hier?

"Charakter ... Schulung?", entfloh es Opalos fragend.

Und der Fürst nickte geduldig. "Es ging nie darum, euch zu verletzen. Ihr wart niemals wirklich in Gefahr. Ihr solltet eure Aufrichtigkeit gegenüber eures Gleichen in einem finalen Kampf beweisen, in dem ihr darauf verzichtet, Zentaurenblut zu vergießen. Ich denke aber, ihr habt euch bereits mehr als bewiesen.

Im Angesicht der aktuellen Ereignisse, spreche ich euch frei und versichere euch euren Erfolg. Ihr könnt Tristorion meine Achtung für seine Sprössling ausrichten. Ihr könnt gehen, am besten noch bevor die Sonne aufgeht."

Fragende Blicke richteten sich auf den Fürsten. So viele Fragen waren noch offen, aber jetzt gab es gerade keine Zeit für alle diese Ungewissheiten. Vielsagend tauschten Arktur und sein Cousin Blicke aus, dann nickten sie sich zustimmend zu.
 

"Fürst Corion, wir werden hier bleiben und mit euch kämpfen", erklärte der Palomino entschlossen mit stolzer Haltung und der Fürst nickte den Beiden anerkennend zu. Er gab seinem Sohn Brindl einige kurze Anweisungen und dieser verließ den Raum, um dem noradeschen Heer den Befehl zur Rüstung und Vorbereitung zu erteilen.

Nach dem der braun-schwarze Zentaur verschwunden war, kam das Gespräch auf den schweigsamen Cholem, der sich zurück gehalten hatte und immer noch Saoirse auf dem Rücken trug.

"Hast du einen Stamm zu dem du gehörst? Wo ist deine Familie?", wollte der Fürst der Noraden wissen. Aber der kupferfarbene Pferdemensch erklärte: "Ich hatte eine Familie, doch sie sind nicht mehr. Ich bin alleine und suche eine neue Sippe, der ich mich anschließen kann."

"Du bist natürlich frei zu bleiben oder zu gehen, ich werde jede Entscheidung akzeptieren, die du triffst", sagte Corion anerkennend.

Verblüfft und erfreut über die Wendung, dass die Noraden und Cheiraden doch keine großen Erzfeinde sind, vergaß Saoirse kurz ihre Trauer um Lillyloon.

"Vielleicht bleibe ich erst einmal bei, Saoirse", gab Cholem mit einem kurzen Blick über seine Schulter zu verlauten und fügte noch hinzu: "Sie hat ihr Pferd verloren, bei dem Versuch mich zu retten. Ich denke, ich werde sie tragen, bis sie wieder Zuhause ist. Für mich ist das Tragen eines Menschen nicht durchweg undenkbar."

Alle sahen ihn an. Saoirse war sich nicht ganz sicher, ob Arktur damit komplett einverstanden sein würde. Irgendwas blitzte kurz in seinen Augen auf, aber es verflog schnell wieder.

"Wie gesagt, es ist deine Entscheidung ... Werdet ihr bleiben oder gleich zu den Cheiraden reisen?", harkte Corion noch nach, als er sich langsam Richtung Ausgang bewegte.

"Wir bleiben", fuhr Saoirse schnell dazwischen, sie wollte Arktur und Opalos nicht alleine lassen.

"Gut, dann werdet ihr mit den Zentaurinnen und Fohlen zusammen in die Berge gehen, gleich morgen früh", erklärte der Fürst und er ließ keinen Zweifel daran, dass das ein Befehl war.

Also gut, dachte sich die junge Frau. Wenigstens durfte sie bleiben.

Corion bedeutete Opalos und Arktur ihm zu folgen. Sie ließen Saoirse und Cholem scheinbar alleine.
 

"Ist es in Ordnung für dich?", fragte sie ihren neuen Freund vorsichtig.

Und er nickte. "Ja, es war die richtige Entscheidung."

Dumpfer Schritte ließen die Zwei aufschauen, sie waren nicht alleine im Waru. Plötzlich stand eine anmutige Gestalt vor ihnen: eine grau-weiße Zentaurin mit langem honigfarbenen Haar, sah sie mit ihren hell blauen Augen interessiert an. Ihre stolze Haltung brachte Saoirse darauf, dass sie wohl die Noraden-Fürstin sein musste. Ein lederner Brustpanzer schmückte ihren schmalen Oberkörper, ein Blick daran vorbei ließ einen gewölbten Pferdebauch erkennen, offenbar trug sie ein Fohlen in sich und es würde sicher nicht mehr lange dauern.

Ein wenig unschlüssig, wie sie reagieren sollten, neigten Cholem und die Frau die Köpfe. Doch die Zentaurin lachte.

"Es ist schon gut, ihr braucht euch nicht vor mir zu verneigen, ich glaube euch eure Loyalität." Bei diesen Worten bekam Saoirse ein schlechtes Gewissen. Was der Pferdefrau nicht zu entgehen schien.

"Was hast du, Kleines?"

"Ich ... ich fürchte, ich bin der Grund, warum die Menschen euch jetzt angreifen."

"Nein, Unsinn. Diese Menschen haben schon lange versucht uns auszuspionieren und Übergriffe auf uns ausgeübt. Was auch immer du glaubst getan zu haben, gebe dir keine Schuld. Früher oder später hätten sie uns ohnehin angegriffen. Deine Tat dem Zentauren zu helfen war Beweis genug für deine Freundschaft mit uns."

"Ihr mögt die Menschen nicht besonders, warum hasst ihr mich nicht?", erkundigte sich Saoirse vorsichtig.

"Nun, ich pflege zwischen Individuen und nicht zwischen Arten zu unterscheiden. Ich mag die meisten Menschen nicht, so wie die Meisten hier, aber ich kann in deinen Augen lesen, dass du es aufrichtig mit uns meinst und dir viel an der Freundschaft mit uns was liegt."

Sie musste schmunzeln und es fiel ihr ein Stein vom Herzen.
 

"Was wird jetzt geschehen?", erkundigte sich Saoirse weiter bei der Zentaurin. Sie kam ein paar Schritte auf die Beiden zu.

"Mein Mann und seine Krieger bereiten sich auf einen Kampf vor. Die Menschen werden nicht in der Nacht angreifen, aber sicher bei Sonnenaufgang. Wir, also ich und ihr solltet euch ausruhen, damit wir morgen noch vor Sonnenaufgang zu unseren geheimen Höhlen im Gebirge aufbrechen können."

Beide nickten zustimmend. Der Tag war lang und anstrengend gewesen, Schwere machte sich in den Gliedern des Zentauren und der Frau bemerkbar.

Noch bevor sie sich verabschieden konnten, erklärte die Zentaurin lächelnd: "Ich bin übrigens Auralia."


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