Kapitel  8:  Ein  Sturm  zieht  auf

Irgendwas stimmte nicht, das fühlte Arktur so deutlich wie die wärmenden Strahlen, der schon niedrig stehenden Sonne, auf seinem Fell. Der erste Teil der Prüfung war für die beiden Cheiraden-Zentauren abgeschlossen. In verschiedenen Geschicklichkeitsübungen mussten sie ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Wie, aus verschiedenen Lauf-, Steh- und Sprintpositionen heraus, gegen die Noraden ein Wettschießen zu bestehen. Dieser Wettkampf war lang und hart gewesen, und jedes Mal verlangte jeder einzelne Schuss die volle Konzentration des jeweiligen Schützen. Und auch hier gingen sie siegreich hervor. Oder besser, weder Arktur noch Opalos verfehlten ihr Ziel. Was nicht unbedingt bedeuten musste, dass die Noraden das auch als Sieg werten mochten. Sie mussten abwarten – auf den nächsten Tag. Es würde weiter gehen.
 

In Gedanken versunken gesellte sich der Palomino zu seinem Cousin an den Fluss, wo sie ihre verdreckten Körper waschen konnten. Ihre Rüstungen wurden von noradeschen Arenahelfern gereinigt.

"Ist alles ok? Du siehst so bedrückt aus? Es ist doch gut gelaufen für uns ... oder machst du dir Sorgen um Saoirse?", fragte Opalos. Mit einem tiefen Seufzer sah der goldfarbene Zentaur erst für einige Wimpernschläge lang in den Himmel, anschließend blickte er Opalos direkt an: "Ich mach mir in der Tat Gedanken – über uns alle. Wir wissen nicht was uns morgen noch an Überraschungen erwartet. Und ich frage mich, ob bei Saoirse alles in Ordnung ist."

Der Apfelschimmel nickte: "Ja, ich hoffe auch, dass es ihr gut geht. Aber ich habe sie erlebt, wie sie mit ihres Gleichen geschickt umgehen kann. Sie wird kein unnötiges Risiko eingehen."

"Möglicherweise", flüsterte Arktur mehr zu sich selbst. Dann watete er aus dem knietiefen Wasser heraus.

"Was hast du vor?", fragte Opalos, der dies als Aufbruch für irgendwas deutete. Und er sollte Recht behalten.

"Ich gehe nachsehen, ob es ihr gut geht."

"Bitte was? Es ist doch ein ganzes Stück weit weg. Und wie willst du das denn beurteilen? Saoirse sagte es handele sich um eine menschliche Festung. Außerdem musst du dich ausruhen", versuchte sein jüngerer Cousin ihm gut zuzureden. Aber Arktur ließ sich nicht davon abbringen: "Ich weiß, wie weit es weg ist, sie hat mir den Weg beschrieben – nur für alle Fälle. Ich muss einfach gehen, Opalos. Irgendwas sagt mir, dass es wichtig ist."

"Dann gehe ich mit dir!"

"Nein, du musst hier die Stellung halten. Sonst denken die Noraden noch, wir würden fliehen."

Nicht besonders begeistert nickte Opalos. Er konnte seinen Cousin und Freund nicht davon abhalten. Im Grunde war er erleichtert, denn ihn beunruhigte die Abwesenheit seiner menschlichen Freundin auch mehr, als er zu geben mochte. Er verdankte Saoirse sein Leben und dafür liebte er sie wie eine Schwester.
 

. . .
 

"Heilerin? Geht es dir gut? Mach die Augen auf", eine tiefe und zugleich sanfte Stimme gelangte an ihr Ohr. Alles sonst um sie herum schien ruhig und friedlich. Langsam erlangte die junge Frau wieder ein Gefühl für ihren Körper, sie musste wohl das Bewusstsein verloren haben. Zögernd öffnete Saoirse ihre Augen. Was war noch mal geschehen? In diesem Augenblick wusste sie es nicht.

Die Sonne stand schon recht tief und eine frische Brise kündigte bereits die Kühle der kommenden Nacht an. Sie hoffe inständig Arktur vor sich zu sehen, obwohl sie ganz genau wusste, dass es nicht seine Stimme gewesen war, die zu ihr gesprochen hatte. Nach dem öffnen ihrer Augen und einigem Blinzeln, erkannte sie den kupferfarbenen Zentauren vor sich, der über sie gebeugt stand und sie freundlich aus seinen bernsteinfarbenen Augen anblickte.

Dieser Zentaur.

Plötzlich fiel ihr wieder alles ein.

Die Burg.

Die Menschen.

Der Burgherr.

Lillyloon.
 

Bevor sie ihre traurigen Gefühle überrennen konnten, berührte der fremde Pferdemensch sie sachte am Arm: "Hast du noch Schmerzen?" Sie stutzte. Einer wagen Erinnerung nach zu urteilen, müsste sie eine Prellung am Bein und eine Platzwunde am Kopf haben, doch als sich die Frau vorsichtig an die Schläfe fasste, wo die Wunde oder ein Verband sein müsste, fühlte sie nichts dergleichen. Auch ihr Bein zeigte keine Anzeichen von einer schmerzhaften Prellung.

Sie setzte sich auf, er ließ sie los und sah sie prüfend an.

"Es geht mir gut. Aber wieso? Hast du mich geheilt?"

Er schaute sie mit leicht schrägen Kopf an und beobachtete sie eine Weile, so als überlegte er sich genau die Wahl seiner kommenden Worte.

"Du bist selbst eine Heilerin. Vielleicht hast du dich selbst geheilt?", gab er geheimnisvoll zur Antwort. Doch die Frau schüttelte den Kopf.

"Ich glaube nicht, dass ich zu so etwas im Stand bin."

Dann stand sie auf. Und sie dachte wieder an Lillyloon. Sie erinnerte sich an Arkturs Aussagen über die Fähigkeit der Zentauren, Herzströme zu spüren und wandte sich daher an ihren Begleiter: "Mein Pferd ... glaubst du, sie war wirklich tot?" Ihre Stimme blieb ihr beim letzten Wort fast weg, doch er hatte sie offenbar verstanden.

"Es gab für sie keine Rettung. Sie war bereits tot als du vom Burgherren angegriffen wurdest. Du hast mein aufrichtiges Mitgefühl, eure Verbindung zueinander war liebevoll und stark."
 

Die Worte des Zentauren rührten sie und dennoch schien es ihr in diesem Augenblick viel zu schmerzhaft. Lillyloon war nicht einfach ein Pferd – ein Fortbewegungsmittel – sondern eine treue Freundin und Weggefährtin gewesen.

Erneut riss er sie aus den Gedanken.

"Es ist wichtig zu trauern, aber wir müssen von hier aufbrechen, sofort. Kennst du einen Ort, an dem du willkommen bist? Ich könnte dich dort hin bringen", bot er drängend an.

Blinzelnd sah sie ihn an: "Warum die Eile?"

"Weil ich glaube, dass sie vorhaben uns zu verfolgen. Sie rüsten ihre Männer für den Kampf, ich habe es von hier beobachtete." Mit seinem Arm deutete er über das Gestrüpp, hinter dem sie Schutz gefunden hatten und so erkannte sie weiter in der Ferne die Festung. Zentauren besaßen in der Tat eine beachtliche Sehschärfe, doch wie gut diese war, wurde Saoirse erst jetzt bewusst. Und ihr dämmerte etwas ganz anderes.

"Ich glaube nicht, dass dies uns gilt. Ich fürchte sie wollen den Zentauren-Stamm der Noraden angreifen, aus Rache. Und das ist alles meine Schuld", stammelte sie wie benommen.
 

Seine Hand packte die Frau am Arm und noch bevor Saoirse sich versah, saß sie schon auf seinem Rücken.

"Es gibt keine Schuld! Aber wir müssen deine Freunde warnen! In welcher Richtung liegt ihre Siedlung?"

Der Umstand, dass sie auf dem Rücken eines Zentauren saß, ließ sie fast für einen Herzschlag lang die tragische wie gefährliche Situation vergessen. Noch nie war ihr diese Ehre zuteil gewesen. Arkturs Stamm lässt keine Menschen auf sich reiten, obgleich er es gerne getan hätte. Durch diese Geste des Pferdemenschen ging für die junge Frau ein langer und heimlicher Traum in Erfüllung.

Sie zeigte ihm die Richtung und er ging aus dem Stand in einen Galopp über. Sie hätte erwartet, dass es ist, wie auf einem Pferd zu reiten – doch weit gefehlt. Dieses Wesen lief flüssiger und leichter als ein Pferd und es kam Saoirse auch viel schneller vor. Wie gerne hätte sie sich einfach diesem Moment hingegeben und es einfach nur genossen von einem Zentauren durch die wunderschöne Landschaft getragen zu werden. Aber schnell kehrten viele Fragen in ihrem Kopf zurück und die Tatsache, dass ihre Lage mehr als ernst war.
 

"Ich heiße Saoirse, wie nennt man dich?"

"Cholem"

"Ich danke dir für deine Hilfe ... und meine Rettung. Warum hast du mir eigentlich geholfen?"

"Weshalb hast du versucht mir zu helfen?", lachte er.

"Du hast vorhin gesagt, die Bindung zwischen mir und meinem Pferd Lillyloon sei stark gewesen. Woher willst du das wissen?"

Er wich mühelos einigen Findlingen aus, als die Beiden die felsige Region erreichten.

"Ich kann es spüren."

"Was spüren?"

"Die Energien von anderen. Ich konnte eure Zuneigung für einander fühlen. Und deine Zuneigung zu den anderen Zentauren ... und dem Wunsch mir zu helfen. Es hat mich verblüfft, denn ich habe bisher keinen Menschen getroffen, er etwas anderes außer Hass, Angst oder zu mindestens Misstrauen gegenüber uns empfindet."

Diese Antwort verwunderte Saoirse sehr. Sie wusste, dass es Energien gab und das Kranke, die mit viel Liebe gepflegt wurden, viel schneller genesen konnten als andere. Aber das jemand solche Energien direkt spüren konnte ...
 

"Du hast Freunde in dem Stamm der Zentauren der Noraden?", harkte Cholem nach. Und sie berichtigte ihn: "Im Grund nur Zwei – sehr gute Freunde. Mein bester Freund Arktur und sein Cousin Opalos." Dann erklärte sie so kurz wie möglich, warum sie hier waren und wie sie selbst zu der Burg der Menschen gekommen war. Cholem hörte aufmerksam zu und nickte dann.

"Du magst vielleicht nur zwei Freunde dort haben, aber das Schicksal der anderen liegt dir auch am Herzen."
 

Fast wäre sie rot geworden. Die anderen Zentauren? Die Noraden?

Ja, wenn sie ehrlich sein musste, wollte sie die Noraden nicht als Feinde der Cheiraden sehen. Warum konnten sie sich nicht einfach vertragen? Sie liebte Zentauren und sie liebte auch die Menschen, obgleich sie sich durch ähnliche Erfahrungen wie die letzte in der Burg, ein wenig von diesen abgeschreckt fühlte. Für sie waren die Pferdemenschen und besonders die Cheiraden ihre neue Familie geworden. Und sie hatte nichts dagegen weitere Zentauren als ihre Freunde zu wissen. Doch wenn sie da an Brindl dachte und seine Abneigung gegen sie ...
 

Cholem hob den Kopf als hätte er etwas gesehen, dann erklärte er Saoirse, die nicht soviel sehen konnte, weil ein breiter Zentaurenoberkörper ihr einen Großteil der Sicht verbarg: "Dort kommt jemand auf uns zu."

"Menschen?", entfuhr es ihr ängstlich, weil ihr der Schrecken noch in den Gliedern saß.

"Nein, ein Zentaur. Er kommt direkt auf uns zu."

Vorsichtig streckte sie den Kopf etwas zur Seite, um am Cholem vorbei zu blicken. Und dann machte sich ein breites Lächeln in ihrem Gesicht breit. Sie brauchte keine zentaurische Sehkraft um im orangefarbenen Licht der untergehenden Sonne das goldene Fell von Arktur zu erkennen.


Zurück zur Übersicht