Kapitel  7: Ein  seltsamer  Zentaur  und  die  Macht  des  Hasses

Mit zur Höchstform geweiteten Sinnen, führten der Palomino sowie der Apfelschimmel ihre Schwerter. Immer darauf bedacht ihre Gegener außer gefecht zu setzen, sie aber nicht unnötig zu verwunden oder gar zu töten. Letzteres hätte ihren eigenen Tod bedeutet, mal abgesehen davon, dass weder Arktur noch Opalos danach sannen Zentaurenblut zu vergießen.

Die Ketten an ihren Beinen klirrten laut bei jeder Bewegung. Sie schrenkten die zwei Pferdemenschen der Cheiraden sehr in ihrer Bewegungsfreiheit ein und drückten an ihren Beinen, doch dessen konnten sie gerade keine Aufmerksamkeit beimessen.

Die zwei Cousins versuchten nicht nur die Angriffe abzuwehren und ihrerseits weiter vorzurücken, sondern sie ließen auch keine Möglichkeit unversucht sich gegenseitig zu helfen. Dies war auch bitter nötig, denn es hagelten geradezu Hiebe mit Schwertern oder anderen Waffen auf die Beiden ein. Opalos und auch Arktur führten nur ihr Schwert mit, ihr einziger Schutz blieb ihr Geschick und ihre Rüstung, die aber auch auf Dauer, nicht unzerstörbar bleiben würde.
 

Der Fürst der Noraden hob plötzlich die Hand und ein anderer Rhythmus der Trommeln erklang. Sogleich stellten die noradischen Krieger ihre Angriffe auf Arktur und seinen Cousin ein. Sie ließen es sich nicht anmerken, doch die beiden Zentauren atmeten innerlich auf, Schweiß rann ihnen aus jeder Pore und ihr Herzschlag rauchte immer noch in ihren Ohren.

"Was haben sie denn jetzt vor?", murmelte Opalos kaum hörbar. Und Arktur schnaubte ebenso leise: "Sicher was das gerade nur eine Aufwärmübung."

Die donnernde Stimme des Fürsten nahm die gesamte Weite der Arena ein: "Nun gut, Cheiraden-Krieger, kämpfen könnt ihr in der Tat. Aber ... wie steht es eigentlich mit eurer Geschicklichkeit?"

Respektvoll verneigten sich die Zwei vor Corion, um ihn zu signalisieren, dass sie ihre nächste Aufgabe erwarten.
 

. . .
 

Saoirses Einsatz endete in einer schrecklichen Katastrophe.

Nach Stunden, die sich wie Tage angefühlt hatten, hielt sie den leblosen Körper des Neugeborenen in ihren Armen. Doch das Kind, ein Sohn, war leider nicht zu retten gewesen. Selbst voller Traurigkeit, fiel es ihr schwer die aufgebrachte und stark geschwächte Mutter zu beruhigen und ihr beizustehen.

Eine der anwesenden Dienerinnen musste derweil dem Burgherren die tragische Nachricht überbracht haben, denn plötzlich stand er völlig aufgelöst hinter Saoirse und schob sich an ihr vorbei zu seiner Frau. Die Heilerin betrachtete das Paar, wie es sich in den Armen lag und weinte. Auch Saoirses Herz fühlte mit ihnen mit. Doch wenigstens gaben sie sich gegenseitig Halt. Natürlich ist ein Leben nicht zu ersetzten oder zu vergessen, aber man kann lernen die Seele loszulassen und sich in Liebe an sie zu erinnern, dachte die Heilerin bei sich.
 

Und als Saoirse ins sich einen kleinen Trostfunken über diese Gedanken fand, kippte die Stimmung beim Burgherren urplötzlich um. Er löste sich von seiner Frau, hielt sie aber noch an den Schultern.

"Es ist nur die Schult dieser Bestie! Sei gewiss, dass es dafür bezahlen wird", die Stimme von Dordmior klang kalt und bedrohlich, so sehr, dass es Saoirse eiskalt über den Rücken lief.

Was meinte er?

Wer hat Schuld?

Aber warum?

Es war leider eine schwere Geburt gewesen, dafür kann niemand, soweit es die Heilerin nach ihrer Erfahrung beurteilen mochte, etwas für die Endscheidung der Seele diese Erde zu verlassen.

Die Frau schien nicht besonders angetan über die Reaktion ihres Mannes, sie sehnte sich nur danach in Ruhe zu trauern. Nur halbherzig versuchte sie es ihm auszureden, doch der Burgherr winkte ab und verschwand stürmisch aus dem Zimmer.
 

Als etwas später kurzfristig alle Dienerinnen das Zimmer verließen und Saoirse für einen Moment mit der Burgherrin Elise alleine gelassen wurde, versuchte die Heilerin vorsichtig anzusetzen: "Darf ich fragen, wen euer Gatte der Schuld bezichtigt und was er vor hat?" Natürlich wollte sie nicht unsensibel sein, aber irgendwas in ihrem Inneren sagte Saoirse, dass sie jetzt handeln musste.

Die Burgherrin sah die Heilerin müde an, sie schien aber nicht wütend über ihre Frage. Mit einem Seufzer gab zur Antwort: "Mein Mann glaubt, dass das Geschöpf, welches er im Kerker festhält, mich und unseren Sohn mit einem Fluch belegt hat ... und deshalb wird er ihn hinrichten lassen."

"Geschöpf? Was ist es denn?", fragte Saoirse, doch ihr dämmerte längst, um was für ein Wesen es sich handeln musste.

"Eine Art Pferdemensch, nur er ist ein wenig anders ...", erklärte Elise mit schwacher Stimme.

"Ich habe noch nie davon gehört, dass Zentauren Flüche aussprechen", setzte die Heilerin vorsichtig nach.

"Vielleicht, aber du hast bestimmt so einen Pferdemenschen auch noch nie zu Gesicht bekommen", verkündete die Burgherrin geheimnisvoll. Dann allerdings drehte sich die Frau, die immer noch das Bett hütete, zur Seite und signalisierte so, dass das Gespräch für sie beendet war.
 

Was sollte sie tun? Der Burgherr beschuldigte einen Zentauren einer Gräultat und würde ihn hinrichten lassen. Ihr Herz zog sich schmerzhaft bei diesem Gedanken zusammen. Sie verstand die Trauer des Burgherren und den Wunsch eine Erklärung dafür zu finden, aber es gab dafür keinen Schuldigen und das Blut eines Pferdemenschen zu vergießen konnte schon gar keine Lösung sein. Blinder Hass zieht nur noch mehr Hass nach sich, das hatte die junge Frau schon in frühen Jahren gelernt.

Es gab noch einen anderen Grund, warum Saoirse an die Unschuld des ihr fremden Pferdemenschen glaubte, obwohl sie ihn weder kannte noch bis dahin gesehen hatte: Zentauren vergriffen sich niemals an Menschenkindern oder Zentaurenfohlen. Ihr Stolz verbietet es ihnen sich an Schutzbefohlenen zu vergreifen, denn sie scheuten niemals die direkte Konfrontation mit einem Gegner. Abgesehen davon gab es eine weitere Tatsache über Zentauren, von der kaum ein Mensch wusste: eine ihrer ausgeprägtesten Eigenschaft, ihr Instinkt zu beschützen. Sie konnten keine Schützlinge angreifen, nicht einmal wenn es sich um die des größten Erzfeindes handelte.

Saoirse wusste das, doch wie sollte sie das dem Burgherren und den anderen Menschen dieser Sippe glaubthaft klarmachen?
 

. . .
 

Nach ein paar Stunden, die die junge Frau bei ihrer Stute in den Stallungen verbracht hatte, vernahm sie den ansteigenden Tumult, der vom großen Burgplatz zu ihr rüberwehte. Mit bis zum Hals pochendem Herzen schritt sie zusammen mit ihrem treuen Pferd nach draußen. Die Heilerin wusste noch nicht wie, aber sie musste versuchen das Leben des Zentauren zu retten, doch wenn sie so in die erwartungsvollen Gesichter der Menschen blickte, die sich alle hier versammelt hatten, um einer Hinrichtung beizuwohnen, ahnte sie schon, dass es geradezu unmöglich sein würde.

Zusammen mit Lillyloon, auf dessen Rücken sich die junge Frau inzwischen gesetzt hatte, kurz bevor sie anfing sich einen Weg durch die Menschenmenge zu bahnen, erkannte sie bald das Zentrum des Geschehens. Ein großes Holzpodest stand in mitten des Burghofes. Von diesem Podest aus ragten vier dicke Holzbalken in den Himmel, an denen Seile, befestigt mit Eisenringen, baumelten. Offenbar sollten diese Stricke zum fixieren des Pferdemenschen dienen. Unterhalb des Podestes lag ein riesiger Haufen Holzscheide und Stroh. Damit war auch klar welches Schicksal der Burgherr für den Zentauren auserdacht hatte: Tod durch Verbrennung. Bei dem Gedanken an einen solch qualvollen Tod zog es Saoirse schmerzhaft den Magen zusammen.
 

Aber es dauerte nicht lange, da zeigte sich eine großgewachsene Gestalt auf der Holzkonstruktion und die Menschen bekundeten ihrem Herren durch Jubeln und Zurufe ihre Aufwartung. Nur die Heilerin saß benahe regungslos auf Lillyloons Rücken und beobachtete die Szenerie.

Nach einer Weile hob Dordmior gebieterisch die Hand und seine langen braunen Haare wehten leicht im aufkommenden Wind. Sein Volk verstand die Geste und schwieg zugleich, um den Worten ihres Herren zu zuhören.

"Mein Volk, heute ist ein schreckliches Unglück geschehen. Mein Sohn kam ohne Leben auf diese Welt und dafür gibt es einen Grund", begann der Mann mit finsteren Blick. Leises Entsetzen zischete durch die Zuschauermenge und der Burgherr fuhr fort: "Das bestialische Wesen – dieser Bastard – den wir vor einigen Wochen aufgelesen haben, hat meine Frau und meinen Sohn verflucht. Beinahe wäre auch unsere geliebte Burgherrin seinem niederträchtigen Tun zum Opfer gefallen, doch sie konnte kämpfen und überlebte. Aber mein Sohn ... er war noch zu klein und unschuldig. Zu schwach um sich gegen eine solche Bestie zu wehren. Das heißt aber nicht, das wir zu schwach sind, um seinen Tod zu rächen!" Die Menge jolte und Saoirse merkte, dass sie am ganzen Körper zitterte.
 

Mit einer Handbewegung bedeutete Dordmior einer Gruppe von Kriegern näher zu kommen und da sah Saoirse diesen außergewöhnlichen Pferdemenschen zum ersten mal. Die Burgherrin hatte wirklich nicht zuviel versprochen. Dieser Zentaur besaß am gesamten Körper Fell, auch am menschlichen Teil, sogar im Gesicht, an Armen und Händen. Allerdings wiesen seine Haare unterschiedliche Längen und Eigenschaften auf: die Behaarung auf der menschlichen Haut sah wesendlich kürzer und feiner, fast samtig, aus. Es schien fast so, als habe seine Haut einfach nur eine andere Farbe. Die Kopfhaare besaßen eine normale Strucktur, sein Fellhaar wirkte jedoch etwas länger und lockte sich teilweise ein wenig, genau wie sein voller Schweif. Allerdings war der Umstand der Gesamtbehaarung nicht der einzige Seltenheitswert dieses Geschöpfes: sein Fell schimmerte in einer wundervollen Kupferfarbe. Als die Sonne sein Fell berührte, ließ sie es wundervoll glänzen, dieser majestätische Anblick dieses Wesens ließ Saoirse für einen Augenblick alles Schreckliche um sie herum vergessen. Dieser Pferdemensch war wirklich bildschön. Außerdem auch sehr imposant, er besaß ungefähr die gleiche Körpergröße wie Arktur, aber seine Arme und Brust sahen etwas breiter aus als die des Palomino-Zentauren, gleiches galt auch für seinen Pferdekörper und die Beine.

An Stricken, die um seinen Hals und seine Beine gebunden waren, wurde er erbarmungslos von den Kriegern zum Holzpodest gezerrt. Eine weitere Gruppe Krieger umringten die Erste und richteten Speerspitzen und Schwerter drohend auf den Pferdemenschen. Dieser jedoch blieb ruhig, schritt mit erhobenen Haupt auf das Podest zu, ohne dabei in seinen Augen Anzeichen von Groll oder Arroganz zu zeigen. Ganz im Gegensatz zu Dordmior, der nun von der Holzbaute herunter gestiegen und sich mit Genugtuung den Gefangenen ansah, wie dieser näher kam.
 

Noch bevor Saoirse nachdenken konnte, stand sie plötzlich mit Lillyloon vor dem Burgherren und drehte den herannahenden Kriegern den Rücken zu.

"Bitte haltet ein!", platzte es auch ihr heraus. Erst jetzt erkannte sie Midor unweit hinter Dordmior.

"Heilerin, was wollt ihr?", schnauzte der Burgherr und wenn es nicht ein ungeschriebenes Gestzt gäbe, dass die herumziehenden Heiler schützte und den Menschen gebot ihnen mit Respekt zu begegnen, hätte er sie vermutlich gleich von ihrem Pferd gerissen und zusammen mit dem Zentauren auf den Scheiterhaufen geworfen, jedenfalls sageten das, seine vor Wut funkelnden Augen.

"Herr, bitte. Es gibt keinen Grund dieses Wesen für etwas zu bestrafen, was die Götter befohlen haben. Manche Seelen sind nicht bereit auf die Erde zu kommen oder es existiert ein anderer, für uns nicht nachvollziehbarer Grund, aber ganz sicher ist keinen Fluch für den Tod ihres Sohnes verantwortlich. Ich bin weit gereist, Herr Dordmior, und noch nie ist mir zu Ohren gekommen, dass Zentauren durch Flüche töten. Aber wohl, dass ein zu unrecht Hingerichteter, Unglück über das Volk bringen kann", den letzten Satz versuchte sie so vorsichtig wie möglich zu formulieren. Sie wollte es nicht aussprechen, aber wenn dieser Pferdemensch hier und heute den gewaltsamen Tod finden würde, könnten die Noraden ihn rächen wollen und dies bedeutete weitere Opfer – auf beiden Seiten.
 

Für einen Moment schwieg der Burgherr und als er erneut zu sprechen begann, klang seine Stimme noch kälter und bedrohlicher als zuvor im Zimmer der Burgherrin:

"Heilerin, wie kommt es, dass ihr ein solches Wesen verteidigt? Eine solche Abscheulichkeit der Natur ist ganz offensichtlich ein Machwerk des Bösen und bringt Böses. Oder seit ihr ... auf seiner Seite? Habt ihr ihm möglicherweise geholfen seinen Plan in die Tat umzusetzen?"

Was sollte das? Erst ein angeblicher Fluch und jetzt diese Unterstellung! Erschrocken über diese Anschuldigung schüttelte sie den Kopf: "Ihr seit doch vor Trauer von Sinnen."

Dann geschah etwas, was Saoirse wie aus weiter Ferne erlebte und im Nachhinein kam ihr alles so langsam wie in Zeitlupe vor, und dann auch wieder nicht, denn es geschah gleichzeitig so schnell, dass sie nicht zu reagieren vermochte.

Der Burgherr zog sein Schwert, Midor versuchte noch seinen Herren am Arm zu halten, doch Dordmior bohrte die Klinge in die Brust von Lillyloon und die Stute brach sofort tot zusammen. Ihre Reiterin sang mit ihr zu Boden und Saoirses rechtes Bein wurde vom leblosen Körper ihres geliebten Pferdes eingeklemmt. Als sie hoch blickte, erkannte sie Dordmior über sich und Midor der etwas brüllte wie: "Wir dürfen keine wandernden Heiler niederrichten!" Die Menge tobte und plötzlich richtete der Burgherr seinen Blick auf etwas hinter ihr. In Saoirses Kopf fand kein klarer Gedanke mehr statt, sie hörte das Blut in ihren Ohren rauschen, als sie einen kräftigen Hieb auf dem Kopf spürte und alles um sie herum in Schwarz versank.
 

So gekam sie nicht mit, dass sich in dem ganzen Tumult der kupferfarbende Zentaur auf die mächtigen Hinterläufe gestellt und einen der Krieger sein Schwert entwendet hatte. Mit zwei geschickten Hieben durchtrennte er die Seite um seinen Hals, dann folgten drei weitere für die Beinstricke. Es geschah so schnell, dass die Krieger kaum Zeit hatten zu reagieren. Doch der Pferdemensch verletzte keinen Menschen und hatte es auch nicht vor. Aber die Frau, die dort am Boden lag, die musste er retten, dass sagten ihm seine angeborenen Fähigkeiten.

Mit einem weiten Satz sprang er auf die am Boden liegende Saoirse zu und parierte mit dem Schwert, dass er immer noch in der Hand hielt, den Angriff des Burgherren, der jetzt auf ihn zu stürmte. Allerdings würde sich der Zentaur auf keinen langen Zweikampf einlassen. Mit seinem kräftigen Körper stieß der den Mann zur Seite, stürzte auf die bewusstlose Frau zu und machte sich mit riesigen Galoppsprüngen in Richtung Burgtor mit ihr auf.

Die Menge und die Krieger versuchten ihn aufzuhalten, doch der Zentaur rannte wie der Wind im Sturm, und wenn ihn welche den Weg versperrten, stieß er sie einfach um. Er war zu flink, zu behändig, zu schnell, als dass sie seine Flucht verhindern konnten.
 

Er passierte das Burgtor und floh – und rettete so auch Saoirse.


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