Kapitel  6: Ein  Kampf  für  sich  alleine?

"Du bist schon wach?", klang eine gedämpfte Stimme an Opalos Ohr, als er der Morgensonne beim Aufgehen zusah. Der Zentaur stand vor seiner Unterkunft und drehte sich zu dem Fragesteller um, Arktur stand hinter ihm. Die Beiden nickten sich kurz zu und der Palomino schritt auf gleiche Höhe mit seinem Cousin.

Nach einer Weile fragte Arktur: "Machst du dir Sorgen?"

Doch Opalos schüttelte ruhig den Kopf: "Nein, jetzt nicht mehr. Ich brauche einen kühlen Kopf und klare Gedanken. Und im Augenblick genieße ich nur die Stille."

Anerkennend nickte Arktur: "Gut so, wir haben keinen Grund uns zu verstecken oder an unseren Fähigkeiten zu zweifeln."
 

Wenig später pellte sich auch Saoirse aus ihrer Bettstatt und bereitete alles für ihre Aufgabe vor. Mit eher missmutigen Blick musterte Arktur ihr Tun. Es gefiel ihm immer noch nicht, dass sie alleine zu einer unbekannten Gruppe von Menschen reisen würde.

"So, fertig", murmelte sie und schenkte ihrem Freund ein aufmunterndes Lächeln. "Und so wie ihr ausseht, seid ihr es auch", fügte sie mit Blick auf die glänzenden Rüstungen von Arktur und Opalos hinzu.

Es wurde Zeit aufzubrechen. Wie auf Komando erschien plötzlich Brindl mit einem gemeinen Grinsen auf den Lippen neben Opalos. Auch der Norade trug jetzt eine Rüstung, die kupfernd bis golden schimmerte. Auch seine Rüstung zierten unzählige Musterungen die allerdings weniger geschwungen sondern eher kantig und gezackt auf dem Material prunkten. Die langen schwarzen Haare trug der Zentaur jetzt zu seinem dicken Zopf, der ihm am Hinterkopf abstand. An seinem Helm, den er jetzt noch in der Hand hielt, fiel ein Loch am Hinterkopf auf, durch den er offensichtlich später diesen Zopf durch ziehen würde.

"Und, seit ihr bereit?", gurrte er fast spöttisch, ihm war seine hinterlistige Freude deutlich anzusehen.

Um Brindl keine weitere Gelegenheit zu geben, sich über ihre Verbundenheit lustig zu machen, verabschiedeten sich die Zentauren nur mit einem Kopfnicken von ihrer menschlichen Freundin. Mit einem nachdenklichen Blick zog Saoirse die Stirn kraus, als sie die drei jungen Zentauren-Krieger so davon traben sah – stolz und stark.

Ohne weiter nachzudenken schwang sie sich auf ihre Stute und ritt davon. Sie musste sich beeilen.
 

Mit hoch erhobenen Kopf führte Brindl die Cheiraden zur riesigen Holzbaute die mitten in Zentrum der Stätte ihre Größe entfaltete. Aus dieser Arena ertönte bereits der donnernde Rhythmus der Kriegstrommeln, sowie die johlenden Stimmen noradischer Krieger.

Durch ein großes Tor schritten die Herausforderer zusammen mit dem Fürstensohn in die Arena. Ein weiter Sandplatz baute sich vor ihnen auf. Mehrere Zuschauerränge über vier Etagen hinweg boten ausreichend Platz für die hunderte von Kriegern, aber auch Zentaurinnen und Fohlen fanden sich unter den Zuschauern. Der Fürst Corion stand weit oben auf einem aufwendig mit Waffen geschmückten Podium und blickte mit zufriedenen Blick auf sein Volk, seinen Sohn und die beiden Gesandten der Cheiraden.
 

Durch eine Handbewegung des Fürst verstummten die Trommeln und auch das Stimmengewirr abrupt.

"Meine Volk, mein Sohn bringt uns die Herausforderer im Namen des Tristorion, die gekommen sind um mit uns das Friedensversprechen zu erneuern. Und wir werden sie prüfen, ob sie dessen auch würdig sind." Die letzten Worte verließen Corions Kehle mit einem dunklen Grollen und er blickte fast herablassend zu Arktur und Opalos herunter, die ruhig und entschlossen Corions Blick stand hielten.

Brindl drehte sich zu den Beiden um und funkelte sie böse an. Mit einem grinsen drehte er sich wieder um und bedeutete mit einer Handbewegung zwei Arenahelfern zu ihnen zu kommen. Sie trugen etwas in ihren Händen, doch bevor Opalos und Artur es erkennen konnten, verriet das klirrende Geräusch, dass es sich um Ketten handelte.

"Wir haben uns für euch einen einfachen Wettkampf ausgedacht. Ihr kämpft zu Zweit gegen vier meiner besten Krieger. Und damit das Ganze nicht zu einfach wird, habt ihr sicher nichts dagegen, wenn wir euch ein paar Ketten um die Beine legen. So könnt ihr euer Fähigkeiten am besten unter Beweis stellen."

Inzwischen fingen die Arenahelfer an den beiden Zentauren Ketten um ihre vier Pferdebeine anzulegen. Sie waren zwar recht lang, sodass sie sich noch bewegen konnten, doch die Ketten würden die Zentauren dennoch sehr in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken.
 

Der Palomino-Zentaur wagte einen vorsichtigen Blick herüber zu Opalos. Wenn seinen Cousin die Ketten nervös machten, dann zeigte er es jedenfalls nicht. Opalos blickte ruhig und fokussiert vor sich hin. Arktur kam nicht umhin stolz auf seinen Cousin zu sein.
 

...
 

Lillyloon trug ihre Reiterin geschwind durch die fremde Landschaft. Doch es kam Saoirse so vor als würde es eine halbe Ewigkeit dauern. Ständig kreisten ihre Gedanken um ihre Zentauren-Freunde. Doch sie musste sich konzentrieren. Auch als Mensch konnte man nicht einfach in jede Burg einmarschieren und Forderungen stellen.

Doch wenigsten kam Saoirse der Umstand zu Gute, dass sie Heilerin war. Es gab durchaus Heiler die durch die Lande zogen und für Essen und Unterkunft ihre Dienste anboten. Und genau das wollte sie versuchen.
 

Bald erreichte sie mit ihrer Stute den Hauptweg zu Burg. Die Zugbrücke stand unten und vier Wachen warteten, zwei vor der Brücke und zwei am Burgtor. Einer der ersten Beiden gebot ihr anzuhalten und fragte sie nach ihrem Begehren. Zu ihrem Glück klang er nicht unfreundlich.

Freundlich nickte sie und erklärte: "Mein Name ist Saoirse und ich bin Heilerin. Ich begehre Unterkunft im Gegenzug für meine Heilkünste, wenn ihr meiner Hilfe bedarft." Als hätte den Wachen der Schlag getroffen wurden seine Augen groß und er warf seinem Kollegen einen vielsagenden Blick zu, doch sie konnte nicht einschätzen, was das zu bedeuten hatte. "Ich kann mich auch um euer erkranktes Vieh kümmern ...", setzte sie noch schnell nach, doch da hatte sich der Wächter schon wieder zu ihr gewandt und nickte ihr bestimmt zu: "Wir brauchen deine Heilkunst, komm folge mir!"

Und der Krieger ging mit großen Schritten zügig voran, Lillyloon folgte dem Mann aufmerksam. Innerlich fiel Saoirse ein Stein vom Herzen. Offenbar gab es jemanden der ihre Hilfe braucht, auch wenn sie es sich nicht wünschte, dass es jemanden schlecht geht, so kam es ihr jetzt leider doch gelegen. Sie hoffte darauf, dass sie helfen konnte und dafür vielleicht etwas fordern durfte ... etwas ganz bestimmtes. 


Sie betraten den weiten Vorhof, auf dem reges Treiben herrschte. Der Boden war nur zum Teil mit Pflastersteinen bedeckt, auf dem Lillyloons Hufen ein lautes Klacken verursachten. Kaum einer der Knechte oder Mägde beachtete sie sonderlich. Offenbar schienen Fremde hier keine Seltenheit zu sein. Dennoch wirkte die Atmosphäre auf die junge Frau bedrückend und das lag sicher nicht an den grauen Burgmauern, die sich vor ihr in die Höhe bauten.
Der Krieger sprach mit einem Mann, der von seiner feinen Kleidung her, wie ein ranghoher Stammesangehöriger aussah. Was die Beiden besprachen, hörte die Frau nicht, doch offenbar schien sie mehr als willkommen, denn auch die Augen dieses Mannes weiteten sich und sah dann erleichtert zu ihr herüber. Saoirse sah das als Zeichen, dass sie vom Rücken ihrer Stute steigen sollte und betrat den Boden des Vorhofes.

Der Mann trat auf sie zu, als der Wächter zurück zu seinem Posten schritt. Er deutete eine Verbeugung an und sprach: "Mein Name ist Midor, ich bin der Hofmeister dieser Burg und erster Diener unseres Burgherren Dordmior. Euch schicken die Götter, denn unsere Burgherrin liegt in den Wehen, aber es scheint etwas nicht so zu sein, wie erhofft. Bitte folgt mir", aufmerksam hörte die Heilerin zu. Eine schwere Geburt, das würde nicht einfach werden. Es gab Dinge die lagen nicht in ihrer Hand, doch sie würde alles geben, nicht nur um ihre Aufgabe zu erfüllen, auch um den Menschen ehrlich zu helfen. Und auch für ihre Freunde, die ihrerseits alles geben.

Nur im Seitenblick sah Saoirse, wie ein Bursche sich um ihr Pferd kümmerte, als sie dem Hofmeister folgte.


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