Kapitel  5:  Gefangen  ist  gefangen

"Folge mir", hauchte Brindl und lief an der Frau vorbei hinaus aus dem Rundhaus. Kaum merklich holte Saoirse Luft und gab Lillyloon, auf dessen Rücken sie immer noch saß, ein Zeichen dem Zentauren zu folgen. Sie ritt grundsätzlich ohne Sattel und Zaumzeug, viel mehr gab sie ihrer Stute durch leichte Bewegung ihrer Beine und Gewichtsverlagerung Zeichen, was sie von ihr wünschte. Und die kluge Stute verstand sie jedes Mal.

Draußen wartete der Braune auf sie und fixierte sie bösartig, dann grinste er:

"Haben Menschen Namen?"

Sie nickte.

"Und? Wie nennt man dich?"

"Saoirse"

Der Zentaur schnaubte leicht abfällig und setzte sich dann in Bewegung, Lillyloon folgte dem Trab des Zentauren nur wenige Hufschritte hinter diesem.

Was wollte er von ihr?
 

. . .
 

Arktur behagte der Gedanke gar nicht, dass er seine menschliche Freundin mit einem feindlich gesinnten Zentauren alleine lassen musste. Aber er konnte es sich ebenso wenig leisten den Sohn des Fürsten zu beleidigen, indem der sein Angebot abschlug. So wie er Brindl einschätzte, würde er ihr nichts antun, aber was führte er dann im Schilde?

Vermutlich handelte es sich um eine weitere Einschüchterungstaktik der Noraden. Es blieb ihm also nichts anderes übrig als ruhig und konzentriert den Worten des Fürsten zu zuhören, der ihnen erklärte, was sie ungefähr am nächsten Tag erwarten würde.
 

. . .
 

Mit recht angezogenem Tempo führte Brindl sie durch die Siedlung, dabei kamen sie an einer riesigen Wand aus Holz vorbei. Es sah aus wie eine Art Arena, doch so genau konnte Saoirse das nicht erkennen, denn ihr Begleiter machte plötzlich eine scharfe Kurve nach rechts und führte sie von diesem Gebilde weg. Nie machte er sich die Mühe ihr etwas zu erklären oder jemanden vorzustellen.

War das nicht der Grund für diesen Ausflug gewesen?

Wie bitte sollte sie diesen Stamm denn näher kennen lernen?

Beim Sprint quer durch den Ort?

Ihre Angst wich der Ungeduld. Zwischen Lillyloons Ohren hindurch fiel ihr Blick auf seine heller gefärbte Hinterhand, die ihm wirklich gut stand. Im Grunde war Brindl ein wunderschöner Zentaur, nur leider weit davon entfernt ihr Freund zu werden. Also musste sie sich vor ihm in Acht nehmen.

Mit einer Bewegung seines Kopfes rief der Zentaur offenbar still eine Gruppe von vier weiteren Pferdemenschen, die alle ungefähr sein Alter haben müssten, also junge Krieger, an seine Seite. Stumm verteilten sie sich rechts und links von Brindl und schauten nur kurz zu der Fremden herüber. Dann setzten sie über in den Galopp und Saoirse folgte ihnen.

Was sollte sie auch sonst tun?
 

Zu ihrer Überraschung hielt die Gruppe auf die Grenze der Städte Richtung Osten zu, wo ein dichter Wald seine mächtigen Baumkronen gen Himmel wachsen ließ.

Was bitte wird das?

Saoirse beschloss, dass es keinen Sinn hatte zu fragen. Vermutlich würde es Brindls Unmut nur noch steigern. Stattdessen betrachtete sie die anderen Zentauren, die neu dazugekommen waren. Zwei besaßen schwarzes Fell und dunkelbraune Haare, vielleicht waren es Brüder, schätzte sie. Dann gab es noch einen mit helllbraunem und einen mit weißem Fell. Der Hellbraune trug blondes Haar, genau wie der mit weißem Fell. Doch ihre Gesichter konnte sie nicht genauer betrachten, da sie hinter ihnen her lief.

Bald ließen sie den Wald hinter sich und eine weite, nur leicht hügelige Graslandschaft erstreckte sich vor ihnen. Hier wurden die Pferdemenschen schneller in ihrem Tempo und Lillyloon musste einen Huf zulegen. Aber das fiel der kräftigen Stute keineswegs schwer. Am liebsten hätte sie Brindl vermutlich überholt, doch ihre Reiterin hielt ihr Pferd zurück. Es war besser die Zentauren des Noraden Stammes nicht unnötig herauszufordern.
 

Donnernde Hufen trugen die Gruppe bald über steinigere Wege bis zu einer eher gebirgsähnlichen Landschaft. Endlich verlangsamten die Pferdemenschen ihr Tempo und erklommen einen etwas kleineren Berg mit mäßiger Steigung. Kurz bevor sie oben ankommen würden, stoppten sie plötzlich.

Lillyloon warf, ein wenig erbost darüber, kurz ihren Kopf nach oben.

Für einen Moment blieben die Zentauren stehen und schienen in die Stille zu Lauschen. Schließlich machte Brindl ein paar vorsichtige Schritte nach vorne, offenbar um über den Hügel zu spähen. Keiner der Übrigen störte oder folgte ihm, sie schienen ohne zu sprechen, zu kommunizieren oder wussten einfach, was ihr Gruppenanführer im Sinn hatte.

Nach einer Weile drehte der Kastanienbraune den Kopf zu Saoirse und bedeutete ihr zu ihm zu kommen. Mit einem leisen Schnauben trat die Stute ein paar Schritte vor und schloss zu Brindl auf. Als die Frau ihren Blick über die Bergspitze schweifen ließ, sah sie es: eine große befestigte Burg. Dort lebten Menschen.

"Dort drüben lebt dein Menschenvolk", begann Brindl und seine Stimme ließ keinen Zweifel an seiner Verachtung für sie oder andere ihres Volkes.

"Mein Menschenvolk ... ich stamme nicht aus dieser Gegend ...", versuchte Saoirse zu erklären. Sie wusste nicht ob dem Zentauren klar war, dass nicht jeder menschliche Stamm gleich war. Doch mit einer drohenden Handbewegung, die fast so aussah als wolle er sich schlagen, brachte er sie zum schweigen. Dabei funkelten seine braunen Augen sie finster an.

"Menschen sind hinterhältige Wesen und ich glaube dir kein Wort, dass du in Freundschaft zu uns gekommen bist. Vielleicht ist es sogar eine raffinierte List von Tristorion ... Aber wie dem auch sei. Jetzt bist du hier und es gibt einen Weg für dich zu beweisen, wie ernst es dir mit der Freundschaft zu deinen Zentauren-Freunden ist."

Sie schluckte, was würde er von ihr verlangen?
 

Prüfend sah Brindl sie an, erst nach einer Weile fuhr er fort: "Während Arktur und sein Mitbringsel morgen in der Arena antreten werden, wirst du eine andere ganz spezielle Aufgabe erfüllen. Versagst du, bezahlt ihr alle Drei das mit eurer Existenz."

In diesem Moment hasste sie Brindl, aber nicht weil sie sich vor einer Aufgabe fürchtete, sondern weil er Arktur und Opals bedrohte. Saoirse zog ihre Stirn kraus, atmete tief ein und sah ihn jetzt finster an: "Und was willst du das ich tue?"

Etwas erstaunt hob Brindl leicht die Brauen hoch, offenbar hatte er eine andere Reaktion erwartet. Doch er fing sich schnell und zeigte mit seiner Hand auf die Burg der Menschen die noch in einiger Entfernung lag.

"Dort drüben wird ein Zentaur von deines Gleichen gefangen gehalten. Du sollst ihn befreien und ihn zur Arena bringen. Dann verschonen wir, soweit die Krieger des Tristorion ebenfalls siegreich waren, eure Leben."

Nachdenklich betrachtete die Frau die gut befestigte Burg. So einfach wie der Pferdemensch sich das vorstellte, war das aber leider nicht, doch es gab vielleicht wirklich eine kleine Chance.

Vielleicht wenn sie ...
 

Brindl riss sie aus ihren Gedanken, als er plötzlich dicht an sie heran rückte und sie unsanft am Arm packte: "Oder du fliehst einfach feige und überlässt die Chairaden ihrem Schicksal." Ein kaltes Lächeln umspielte seine Lippen, doch Saoirse ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen.

"Werde ich nicht."

Er entließ sie aus seinem Griff und musterte sie fragend. Offenbar hatte er wieder eine andere Reaktion erwartet.
 

"Ist es ein Zentaur aus eurem Stamm?", wollte Saoirse wissen. Doch Brindl schüttelte den Kopf:

"Nein, wir wissen nicht woher er kommt, nur das er anders ist und von diesen Menschen gefangen gehalten wird. Unsere Beobachter lassen das Menschenvolk nicht aus den Augen, für den Fall, dass sie einen Angriff auf uns planen. Dabei haben sie gesehen, wie sie einen von den unseren in ihre Behausung verschleppt haben, mit Sticken gefesselt."

Es schmerzte Saoirse bei dem Gedanken, dass ein so lauffreudiges sowie freiheitsliebendes Geschöpf, wie ein Zentaur gefesselt hinter Mauern gefangen gehalten wurde. Ihr Mitgefühl befeuerten ihren Wunsch zu helfen.

Anschließend erdreistete sie sich noch etwas zu sagen: "Und darf ich fragen, warum euch das so interessiert? Schließlich scheint ihr doch alle anderen Zentauren-Stämme zu hassen, oder sehe ich das falsch?"

Brindl schnaubte: "Das brauch dich nicht zu kümmern. Unsere Angelegenheiten mit den Unseren sind für dich wohl kaum erfassbar."

"Dann erkläre es mir doch."

Er kam jetzt mit seinem Gesicht ganz dicht an ihres: "Du ... kennst ... deine ... Aufgabe ..." Seine Stimme klang bedrohlich leise und seine Augen mahnten sie, keine weiteren Fragen zu stellen.
 

. . .
 

"Das kann doch nicht Brindls Ernst sein! Das ist Wahnsinn, ich verbiete es dir!", schnaubte Arktur als seine Freundin ihm am Abend von ihren Erlebnis sowie ihrer eigenen Rolle des morgigen Tages berichtete. Aufgebracht stampfte er mit seinen Hufen auf dem Boden es Waru, in dem sie untergebracht waren, hin und her.

"Aber vielleicht kann ich wirklich helfen, ich habe einen Plan und wenn alles gut geht ist einem Zentauren geholfen."

"Ja, ihm muss geholfen werden, aber nicht von dir alleine. Es ist gefährlich und ich kann dich nicht beschützen. Außerdem hast du selber gesagt, dass es Menschen gibt die sich untereinander töten. Was wenn sie dich auch gefangen nehmen oder schlimmer?", konterte Arktur aufgebracht.

Mit einem beschwichtigen Lächeln ging Saoirse auf ihn zu und umarmte ihren Freund.

"Ich weiß, dass es schwer ist, aber ich möchte es tun."

"Vielleicht hat sie Recht ...", flüsterte Opalos kaum hörbar, doch alle hatten es vernommen.

Mit leicht verengten Augen warf Arktur seinem Cousin einen eher missbilligenden Blick zu. Natürlich konnte Opalos, der selbst Jahre lang in Gefangenschaft lebte, mit dem entführten Artgenossen mitfühlen. Auch damals konnte die Heilerin seine Freiheit erwirkt, doch es herrschten ganz andere Bedingungen wie in dieser Situation.
 

"Ich verstehe, dass du Mitgefühl für einen Fremden hast, der das gleiche Schicksal teilt, was dir einst widerfahren ist, Opalos. Aber soll Saoirse ihr eigenes Leben dafür aufs Spiel setzten? Wir könnten doch mit Corion reden und später gemeinsam ...", Arktur verstummte bei seinen eigenen Worten. Opalos schaute ihn traurig an.

"Natürlich will ich es NICHT! Ich würde mein Leben für euch Beide geben, um euch zu schützen. Aber ... sieh doch der Wahrheit ins Gesicht, Arktur. Es geht hier nicht nur um einen gefangenen Zentauren und ein Turnier. Wir selbst sind die Gefangenen. Wir müssen tun, was die Regeln der Noraden besagen, alles machen was sie verlangen. Gefangen ist gefangen."
 

Noch immer hielt sich Saoirse an Arktur fest. Sie blickte zu Opalos und erst jetzt wurde ihr bewusst, wie Recht er damit hatte. Sie spürte wie sich Arkturs Atmung veränderte und ließ ihn dann los. Doch bevor sie von ihm weggehen kannte, packte er sie sanft an den Schultern.

"Ich habe so etwas nicht kommen sehen. Und ich habe so etwas nicht gewollt."

Doch die Frau lächelte: "Es ist in Ordnung. Wir wussten ja, dass es gefährlich werden könnte."

Arktur drückte seine Freundin an sich und als er sie losließ drückte er Opalos: "Vergib mir, Opalos. Ich wollte dich nicht ..."

"Ich weiß", unterbrach der Apfelschimmel-Zentaur seinen Cousin. "Wir werden das überstehen."


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