Kapitel  4:  Der  Stamm  im  Norden

"Wann genau wolltest du uns das eigentlich sagen?", zischte Saoirse und ihre Gefühle schwankten zwischen Sorge und Wut hin und her.

"Du weißt genau, dass das kein netter Wanderausflug werden würde, Saoirse", hielt Arktur dagegen. Sein Gesicht verriet keine Spur von Verständnis, manchmal konnte er so stur sein.

Gedankenverloren schlug die Frau den Kochlöffel in ihrer Hand, mit dem sie das Essen im Topf über dem Feuer rührte, lauter gegen die Topfinnenwand als sie es zuvor getan hatte und fixierte ihren zentaurischen Freund.

"Es gibt aber einen deutlichen Unterschied zwischen ich nehme an einem möglicherweise nicht ganz fairen und rauem Turnier teil und ich kämpfe in einem Wettbewerb ohne Regeln um mein Leben", gab sie zu bedenken.

Schweigend schaute Opalos vom einem zum anderen, er sagte nichts, aber sein blasses Gesicht verriet ohnehin genug darüber, was er dachte.

Der Palomino-Zentaur atmete einmal tief durch, schloss kurz die Augen und fuhr sich mit einer Hand durch das silberweiße Haar.

"Ich möchte mich jetzt nicht mit dir streiten, Saoirse."

Immer noch schaute sie ihn fassungslos an und bemühte sich ihre Tränen aus Wut zu unterdrücken, die sich langsam in ihren Augen sammelten. Sie war wütend – aber nur weil sich Angst um die beiden Zentauren verspürte, die ihr so sehr am Herzen lagen. Sie schwieg, ansonsten hätte sie wohl angefangen zu weinen. Und das war so ziemlich das Letzte, was sie wollte.

"He, uns wird nichts geschehen", versprach er ihr schließlich. Der Zentaur sah seine Freundin lange und eindringlich an. Dann seufzte sie und nickte versöhnlich, auch wenn sie seine Zuversicht nicht unbedingt beruhigte. Sie waren dabei sich in Gefahr zu begeben und das beunruhigte Saoirse.
 

Am nächsten Morgen brachen sie früh auf und ließen fast den gesamten Rest des Weges hinter sich. Doch Arktur rief seine zwei Mitstreiter zurück, als sie den letzten weiten Grashügel erklimmen wollten, hinter dem nicht unweit ihr Ziel liegen würde.

"Lasst uns heute Abend hier rasten und erst morgen bei den Noraden ankommen."

Keiner widersprach und sicher beschäftigte jeden der gleiche Gedanke, die Begegnung mit den nicht so freundlich gesinnten Artgenossen noch ein wenig hinaus zu zögern.

An diesem Abend wehte ein angenehm milder Wind über die weite Graslandschaft und der Himmel zeigte ein Farbenspiel zwischen rosa und einen hellblau Ton bis violetten Farbverläufen.

Die Zentauren lagen neben einander im Gras und sahen der untergehenden Sonne zu, Saoirse kniete zwischen Arktur und Opalos während Lillyloon in einigem Abstand friedlich graste. Alles wirkte ruhig und friedlich. Könnte es doch immer so bleiben.

"Ich will, dass ihr etwas wisst", erklärte der Palomino mit fester Stimme, aber in einer ruhigen Art und Weise. Aufmerksam blickten seine Freundin und sein Cousin hin an.

"Ich werde euch niemals im Stich lassen, ihr braucht also keine Angst zu haben. Ich werde euch beschützen und wir können bald zurück nach Hause. Das verspreche ich euch."

"Und ich werde dich beschützen, Cousin. Es ist meine Pflicht und mein Privileg dies zu tun, ich werde nicht weichen, wenn du mich brauchst", versicherte schließlich auch Opalos. Er war sensibel, aber mindestens genauso mutig.

"Und ich stehe euch Beiden genauso zur Seite, egal was auch immer ich tun muss", schwor Saoirse und meinte das aus vollem Herzen. Auch wenn sie möglicherweise in diesem Fall gar nichts tun könnte, außer ihnen beizustehen.

Sie lächelten, gemeinsam würden sie das überstehen.
 

Der neuerwachte Morgen begann früh für die drei Reisenden. Saoirse half erst Arktur und dann Opalos in ihre Kriegsrüstung, die sie zum Eintreffen bei den Noraden tragen würden, auch wenn am heutigen Tage noch keine Wettkämpfe statt finden würden.

Es ging darum sich möglichst gut und machtvoll zu präsentieren. Die Menschenfrau selbst besaß keine Rüstung und blieb in ihrem dunkelblauen Sommergewand gekleidet.

Noch bevor sich die Drei auf den Weg machten, gab ihnen Arktur letzte Anweisungen, dass sie sich nicht provozieren lassen und immer höflich bleiben sollten. Das galt besonders für Saoirse. Sie würde am meisten Schwierigkeiten mit den Gepflogenheiten des anderen Zentauren-Stammes haben.

Schließlich setzten sie sich in Bewegung, natürlich im stolzen Galopp. Die aufgehende Sonne ließen die goldene Rüstung von Arktur und die silberne von Opalos wunderschön auf funkeln. Die beiden Zentauren wirkten stark, mächtig und vermittelten den unnachgiebigen Willen sich allem zu stellen, was auch immer sich zeigen würde. Saoirses Angst verflog in diesem Moment, sie fühlte sich froh und gesegnet, solche Geschöpfe ihre Freunde nennen und bei ihnen sein zu dürfen.

Sie erreichten die Zentauren-Städte in kurzer Zeit. Dort herrschte reges Treiben, das konnten sie schon von Weitem erkennen.

Die Wächter der Noraden kündigten ihr Kommen an, noch bevor sie die Grenzen der Stadt erreicht hatten. Zentauren besaßen wache und geschärfte Sinne, so erkannten sie die herannahenden Besucher bereits viel eher, als es menschliche Wächter getan hätten.
 

So kam es, dass die Gruppe bereits von jemanden erwartet wurden, den Saoirse ungefähr so alt schätzte wie Arktur. Der Zentaur wirkte ein wenig breiter vom Körperbau her als der Palomino-Zentaur, besaß ein kastanienbraunes Fell, das zu seinen kräftigen Beinen hin eine schwarze Färbung annahm. Der Braunton an seiner Hinterhand schimmelte allerdings hell aus. Seine schwarzen Haare wehten leicht in Wind und verliehen ihm eine recht wilde Ausstrahlung. Die hellbraune Augen des Fremden sahen einserseits sehr schön aus, besaßen aber einen ausgesprochen gemeinen Glanz. Eher missbilligend und fast ein wenig herablassend begrüßte der Fremde sie.

Da Arktur die Familie der Noraden und dessen Angehörigen, zu mindestens vom Hörensagen bekannt waren, schätzte er, dass das vor ihnen Brindl sein musste. So wie er selbst, war auch dieser ein Fürstensohn und im gleichen Rang wie Arktur.

"Das müssen die Cheiraden sein. Dieses Mal zu Zwei? Na, da werden wir ja doppeltes Vergnügen haben", grinste der Zentaure finster, sein Lächeln ließ Saoirse eine Gänsehaut bekommen.

"Ich bin Arktur, Sohn des Tristorion, dem Fürsten der Cheiraden und zusammen mit meinen Cousin Opalos sind wir hier, um euch zu zeigen, dass wir des Friedens weiterhin würdig sind", sprach Arktur förmlich und mit fester Stimme.

Der Norade hob die Augenbrauen herausfordernd: "Wunderbar, ich bin Brindl, erstgeborener Sohn des Corion, dem Fürsten und Herrscher der Noraden.

... Und was ist das da? Soll die Menschenfrau eine Art Gastgeschenk sein?"

"Sie gehört zu mir! Sie wurde von meinem Vater als Vermittlerin zwischen ihrem und unserem Volk ernannt und steht unter seinem und meinem Schutz", erklärte Arktur ruhig aber mit fester Stimme.

Brindl schien das ein wenig zu belustigen: "Oh ho, und weshalb ist sie dann genau hier?"

"Sie soll unser Volk besser kennen lernen, unsere Bräuche und Traditionen ..."

Das laute Lachen des schwarzhaarigen Zentauren fühlte sich für Saoirse an, wie ein Peitschenhieb. Dieser Zentaur konnte nicht nur besonders finster lachen, sondern es umgab ihn auch eine bösartig Aura. Sie begann sich ein wenig vor ihm zu fürchten, musste sich aber zusammen reißen, denn ein Zentaur war im Stande den Herzschlag eines Menschen wahrzunehmen und auch Gemütszustände wie Angst oder Freunde zu wittern. Arktur hatte ihr erklärt, dass sie dies nicht nur über ihr Gehör, sondern auch über das Elektromagnetische Feld, dass ein schlagendes Herz aussendet, erkennen können. Letztere Fähigkeit kann auch genutzt werden, um Unwetter weit bevor sie niedergehen, wahrzunehmen. Diese Fähigkeit ist aber nicht bei allen Zentauren gleich stark ausgeprägt.

Mit dem Lachen aufhörend bedeutete Brindl ihnen zu folgen: "Dann hoffen wir mal, dass sie einen guten Eindruck von uns gewinnt." Warum klang seine Stimme so, als ob er sagen wollte ich bin der Erste vor dem sie sich fürchten muss? Saoirse merkte wie ihr Herz schneller schlug. Sie musste sich zusammen reißen und auf ihr Vertrauen konzentrieren, das sie Arktur entgegen brachte. Er würde sie niemals in Gefahr bringen oder im Stich lassen.
 

Die Städte der Noraden bestand ebenfalls aus einer großen Anzahl Rund- und Langhäuser, wie es die junge Frau bei den Cheiraden bereits kennen gelernt hatte, nur das sich hier offenbar vieles um Kampf drehte. Gewaltige Äxte oder Speere thronten gekreuzt über den Eingängen der Gebäude. Man hörte das metallene Hämmern einiger Schmiede, viele Zentauren liefen durch die breiten Gassen der Siedlung und trugen zumeist Waffen aller Art in ihren Armen oder irgendwo am Körper. Alles schien so, als bereiteten sie sich auf eine große Schlacht vor. Zielstrebig trabte Brindl voraus, Arktur und Opalos folgten ihm und Saoirse auf Lillyloon hielt sich dicht hinter ihnen. Als diese kleine Gruppe durch die Städte streifte, sahen viele Zentauren von ihrer Arbeit auf, hielten inne und fingen an zu flüstern, aber Saoirse konnte nicht verstehen, was sie genau sagten.
 

Als sie vor einem riesigen Rundhaus inne hielten und der noradische Fürstensohn sie gebeten hatte kurz zu warten, ergriff die Frau die Gelegenheit und fragte Arktur leise: "Was machen die hier? Wollen sie in den Krieg ziehen? Ich hoffe das gehört nicht alles zu den Vorbereitungen für das Turnier."

Arktur wandte ihr leicht den Kopf zu: "So ähnlich. Es geht hier nur darum Eindruck zu schinden, das ist alles. Es soll uns einschüchtern."

"Also ich bin beeindruckt ...", gab sie zu, doch dann verstummte sie, denn Brindl erschien wieder am Eingang des großen Gebäudes in dem er zuvor verschwunden war und winkte sie zu sich: "Mein Vater wird euch jetzt empfangen."
 

Sie betraten das Rundhaus, die Menschenfrau blieb aber mit leicht gesenkten Kopf hinter ihren Zentauren-Freunden. Im Inneren richtete sich Saoirses Aufmerksamkeit nicht auf die hauptsächlich mit Waffen geschmückte Inneneinrichtung, wie den Tisch mit gekreuzten Speeren als Tischbeinen, es war die ausgesprochen beeindruckende Präsenz von Corion, dem Fürsten der Noraden. Der riesige Zentaur wirkte ungefähr genauso groß wie Tristorion mit einem breiten Pferdekörper, der an dem eines Shire Horse erinnerte, aber eine Falbenfärbung besaß. Sein Körper war von einigen Narben übersät, seine langen dunklen Haare hielt ein wild geflochtener Zopf zusammen. Anders als Tristorion, der einen kurzen und gepflegten Bart trug, hatte Corion einen langen Bart, wobei der Großteil zu drei Zöpfen geflochten war und ihm fast bis zum unteren Teil seiner nackten Brust hing. Corions dunkle Augen musterten die Neulinge eindringlich, fast mit ein wenig Abscheu in den Augen. Doch als er sprach, klag er merkwürdig freundlich:

"Ich heiße euch willkommen, Söhne des Tristorion. Mein Sohn hat mir von eurer ungewöhnlichen Begleitung erzählt. Ich hoffe, ihr werdet einen lehrreichen Aufendhalt bei uns haben. Die Wettkämpfe beginnen Morgen, ihr habt also noch ein wenig Zeit euch einzuleben."

Die Zentauren nickten freundlich und Arktur bedankte sich für die Gastfreundschaft. Dann ergriff Brindl das Wort, der neben seinem Vater stand.

"Wie wäre es, Vater, wenn ich mich ein wenig um die Menschenfrau kümmere, solange ihr weitere Dinge für den Wettkampf besprecht? Sie soll doch unsere Kultur kennen lernen und ich würde mich sehr gegehrt fühlen, wenn ich ihr persönlich unsere bescheidene Städte zeigen könnte." Als er sprach wirkte Brindl übertrieben freundlich, doch seine Augen funkelten teuflisch. Was hatte er vor?
 

Arktur konnte dieses Angebot nicht ablehnen, dessen was sich Saoirse bewusst. Alles andere wäre eine Beleidigung gleich gekommen und das wusste Brindl.

Er ließ es sich nicht anmerken, doch in Arkturs Inneren rebellierten seine Gefühle. Er wollte Saoirse nicht mit Brindl alleine lassen, gerade weil der Palomino gespürt hatte, dass seine Freundin Angst vor diesem zu haben schien. Doch er durfte nicht ablehnen.

"Ich brauchte sie aber in ein paar Stunden wieder", erklärte Arktur kühl und der Norade nickte grinsend, dann sah er zu der Menschenfrau herüber, sein Blick ließ Saoirse erneut einen kalten Schauer über den Rücken laufen.


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