Kapitel  35:  Unerwartete  Hilfe

Du WEISST es?“, wiederholte die junge Frau eher erleichtert also nachtragend seine Worte, während sie behutsam seine geschwollenen Augen mit einem nassen Stück Moos abtupfte.

„Ja, aber auch erst kurz bevor du im Kerker erschienen bist. Ich konnte durch den Stein sehen, was mit dir passiert, da wurde mir klar, dass er uns alle verbindet und magische Kräfte besitzt. Darum hat mein Onkel ihn dir gegeben, er durfte nicht in die Hände der Menschen fallen.“

„Aber … der Stein ist so mächtig, warum hat Agarmendom ihn nicht genutzt um sein Leben zu retten?“

Der Zentaur wurde nachdenklich: „Vermutlich, um mich zu schützen. Irgendwie … ich bin mir nicht sicher …“ Seine Stimme klang bitter und Saoirse ergriff seine Hand: „Dich trifft keine Schuld, Arktur. Ich bin sicher, dein Onkel wusste genau, was er tat … auch wenn es uns alle schmerzt.“

Ohne ein Wort nahm er sie in den Arm und er brauchte auch gar nichts zu sagen, sie wusste was er dachte:

Danke
 

. . .
 

Am Nachmittag schlossen sie zu ihrer Gruppe auf, die ziemlich erschrocken über Arkturs Anblick waren.

„Du solltest dich ausruhen, du siehst furchtbar aus“, wollte Fjolken seinen Bruder überreden. Doch der Palomino winkte ab: „Wenn ihr nicht wollt, dass sie mit euch genau das Gleiche oder Schlimmeres anstellen, dann sollten wir sofort aufbrechen.“

Opalos stand stumm dar und blickte besorgt zu seinem Cousin, während Raic sich dicht neben ihn stellte:

„Wie konnten sie dir nur so etwas antun …?“

Da Saoirse gerade eng mit Arktur verbunden war, spürte sie, wie sich seine Geduld langsam in Luft vernebelt und Arktur stampfte mit einem Huf auf den Boden: „Besser ich als ihr! Es ist meine Aufgabe euch zu schützen und nun lasst uns aufbrechen!“

Besänftigend legte sie ihm eine Hand auf den Rücken: „Sie machen sich doch nur Sorgen um dich.“ Aber der Palomino hatte kein Ohr für gutes Zureden und setzte sich in Bewegung.
 

Opalos schloss zu Beiden auf und erkundigte sich behutsam bei Saoirse: „Und wie geht es dir?“

„Es geht schon“, nickte sie ihm zu. Natürlich musste sie nicht das durchmachen, was ihrem Zentauren angetan wurde, trotzdem steckte ihr die Angst und die vergangenen Ereignisse noch tief in den Knochen, was man ihr offensichtlich noch immer ansah. Der Umstand, dass sie immer noch das Kleid der Menschen trug, machten es für sie nicht leichter. Zum Reiten war es nur schlecht geeignet, ständig musste sie dran herumzupfen und es festhalten, damit es nicht an den falschen Stellen den Blick frei gab, wobei es die Pferdemenschen ohnehin nicht sonderlich stören würde, aber für sie machte es einen großen Unterschied.
 

. . .
 

Als des langsam dämmerte und die Gruppe bereits einen beträchtlichen Weg hinter sich gebracht hatten, spürte die junge Frau, wie die Kraft immer mehr aus Arkturs Gliedern wich und auch sie fühlte sich unglaublich erschöpft. Innerlich flehte sie ihn an, endlich eine Pause ein zu legen und er erhörte ihren Wunsch. In einem abgelegenen Waldstück ließen sie sich nieder und so fanden alle ein wenig Ruhe. Es dauerte nicht lange, da waren Arktur und seine Reiterin neben einander eingeschlafen, die anderen blieben zunächst wach und besprachen, wer wann die Wache übernehmen sollte.

„Was sie wohl alles durch machen mussten … sie sehen Beide sehr mitgenommen aus“, flüsterte Raic mitfühlend und Cholem versicherte ihm: „Ich glaube, morgen wird es den Zweien wieder gut gehen.“
 

… Sie träumten und wanderten in einer Landschaft die friedvoll und in wunderschönen Farben eine weite Wildblumenwiese vor ihnen zeichnete. In diesem Traum begegneten sie sich zum ersten Mal auch in der Traumwirklichkeit. Saoirse schritt neben Arktur her, er war völlig gesund und kräftig, wirkte aber ein wenig gedankenverloren.

„Grübelst du selbst im Traum?“, lachte sie scherzhaft und er warf ihr einen verblüfften Blick zu.

Dann grinste er: „Vielleicht …“

„Was ist das dort?“, fragte sie und deutete mit einer Hand auf eine Gruppe Nebelwolken, die sich auf sie zuzubewegen schienen. Sie funkelten und leuchteten strahlend weiß. Es waren fünf an der Zahl und sie verweilten mehrere Meter vor ihnen, nachdem sie aufgehört hatten, dichter zu schweben.
 

„Ich bin mir nicht sicher …“, gab der Zentaur zu und streckte eine Hand aus, um zu sehen, ob diese Wolken darauf reagieren würden. Aber nichts geschah.

Zu mindestens aus Saoirses Wahrnehmung löste sich der Traum langsam auf und als sich dieser langsam verabschiedete, spürte sie Dankbarkeit für Arkturs Rettung und neue Hoffnung für sein Volk. Sie dachte in Liebe an die gefallenen Zentauren und glitt sanft in einen traumlosen Schlaf.
 

. . .
 

Am Morgen zeigte sich, dass Saoirses Schlaffähigkeit erneut gute Dienste geleistet hatte und Arktur wieder in seiner jugendlichen Vitalität und Gesundheit erstrahlte. Auch seine Reiterin sah wieder munter und erleichtert aus.

Die Gruppe wollte aufbrechen, oder besser, Arktur gab den Befehl dazu, doch Saoirse hielt ihn mit einer Hand sacht zurück: „Warte, kurz. Findest du nicht, dass wir ihnen erzählen sollten, was geschehen ist?“
 

Er blinzelte und schaute erst seine Reiterin und dann zu seinen Freunden herüber, die ihn stumm und mit fragendem Ausdruck ansahen. Obwohl es ihnen wichtig war, zu wissen, was ihm und der Menschenfrau zugestoßen war und es ihnen gegenüber sicher auch fair wäre, ihnen Gewissheit über das Herz des Volkes zu geben, hatte der Palomino bisher nicht darüber nachgedacht sie einzuweihen. In diesem Moment wurde ihm klar, wie sehr er sich in seinen eigenen Gedanken und Bedenken verfangen hatte. Doch aus Loyalität bedrängte oder fragte ihn niemand, sie alle waren ihm einfach gefolgt und vertrauten ihm.
 

Nickend senkte er den Blick: „Ja, du hast Recht. Ihr habt ein Recht darauf, es zu erfahren.“

So kurz wie möglich klärte er Freunden, Cousin sowie großen Bruder über die Ereignisse auf, ließ dabei auch nichts aus, nicht einmal das Herz, was er eigentlich nicht verraten durfte. Doch er wusste auch, dass diese Gruppe immer zu seinen engsten Verbündeten zählen würde und dass sie ihn niemals verraten würden.

Nachdem Arktur geendet hatte, sagte niemand ein Wort, sie schienen alle ein wenig fassungslos, selbst Brindl sah ein wenig blass aus.

Und so setzten sie ihren Weg Richtung alte Stadt fort.
 

Noch am gleichen Abend, nach einem langen und anstrengenden Reisetag, konnte Saoirse nicht schlafen. Sie lag neben ihrem Palomino und mit ihrem Oberkörper halb auf seiner Seite. Ihre Wange lag auf seinem goldenen Fell und sie schaute gedankenverloren vor sich her. Dabei kamen ihr die jüngsten Erinnerungen aus der Feste wieder hoch. Die Gendanken an Ermond und seinen Zentauren Taron, der den Tod durch Menschenhand fand, kreisten in ihrem Kopf. Der Umstand, dass auch Ermond wie sie Zentauren liebte und ein Reiter war, freute sie einerseits, es machte ihn sogar sehr sympathisch. Auf der anderen Seite schürte es ihre Traurigkeit zu wissen, dass er seinen Pferdemenschen-Gefährten nicht mehr bei sich hatte. Was für ein schmerzlicher Verlust. Umso dankbarer war sie für Arkturs Rettung.
 

„Wenn du so viel Grübelst, kann ich nicht schlafen …“, brummte eine ihr vertraute Stimme von der Seite und sie drehte sich ein wenig verdutzt dreinschauend zu ihm um. Arktur schaute sie mit einem amüsierten Grinsen an. Hatte er wieder ihre Gedanken lesen können? So wie gestern, als sie ihm den Weg zeigen musste, weil seine Augen vor lauter Schwellungen nicht das Tageslicht erkennen konnten? Normalerweise müsste sie es doch merken, wenn ihre Verbindung wieder aktiv war, andererseits hatte sie es auch nicht gemerkt als das Herz ihre Erlebnisse an Arktur weitergab. Es existierten anscheinend unterschiedliche Arten von Verbindungen zwischen Menschen und Zentauren, die sie offenbar längst noch nicht alle verstand.
 

Er lachte, als sie nichts sagte: „Keine Sorge, das war nur ein Scherz. Ich weiß nicht was du denkst, aber dennoch merke ich, dass dich was beschäftigt.“

Ein wenig erleichtert seufzte sie: „Ich habe an Ermond und Taron gedacht. Du erinnerst dich doch?“

Fast ein wenig gespielt beleidigt entgegnete er: „Natürlich, denkst du, es ist mir entgangen?“

Für eine Weile schwieg sie und er lächelte ihr beschwichtigend zu: „Tut mir leid, ich bin wohl im Moment nicht ganz einfach. Es lag nicht in meiner Absicht dich so anzufahren.“

„Hast du nicht, ich denke nur an die Beiden und kann ihre Liebe für einander gut nachempfinden.

Hast du Taron gekannt?“

„Leider nein, er muss zu einen weiter entfernt lebenden Clan gehören oder schon sehr lange tot sein.“

„Verstehe …“

„Es ist vielleicht besser, wenn du nun versuchst zu schlafen, wir brechen morgen früh auf und auch du solltest dann fit sein. Auch wenn ich dich trage, möchte ich nicht noch darauf aufpassen müssen, dass du mir ständig vor Müdigkeit vom Rücken fällst“, jetzt lachte er noch einmal zu ihr herüber und legte sich anschließend wieder mit dem Kopf in das weiche Gras. Sie tat es ihm gleich und flüsterte ihm eine gute Nacht zu, was er mit leiser Stimme erwiderte.
 

. . .
 

„Was willst du unserem Vater alles erzählen, wenn wir heute Abend die Stadt erreichen?“, erkundigte sich Fjolken neben Arktur galoppierend.

„Was für eine Frage, alles natürlich.“

„Auch den Umstand mit dem Herz? Du weißt, dass es nur wenige wissen dürfen. Eigentlich sollte es keiner von uns wissen“, mahnte der sandfarbene Zentaur seinen Bruder.

Doch Arktur blieb entschlossen: „Ich bin mir sicher, die Umstände erlauben ein wenig mehr Freiheit über das Wissen. Außerdem nehme ich an, dass Vater ohnehin ein Eingeweihter ist. Ich werde ihm also in der Hinsicht nichts Neues verraten.“

„Woher willst du das wissen?“

„Nur so ein Gefühl …“
 

„Also, die Zentauren in meiner Welt wissen so ungefähr alle von dem Herz des Volkes“, kam nun Sarphos damit heraus und fing sich damit einen entsetzten Gesichtsausdruck von Fjolken ein. Dabei hatte der Weiße nur für ein wenig Bedenkenlosigkeit sorgen wollen. Irgendwie hatte es Fjolken aber nur noch mehr beunruhigt.

„Warum bitte wisst ihr davon?“

„Es gehört in unserer Kultur zum allgemeinen Weisheitsschatz. Außerdem liegt eine unserer Aufgaben darin, euch zu schützen, dabei ist es von Vorteil, wenn man weiß, was man schützen muss.“

Darauf hörte Fjolken auf zu fragen und nahm die Antwort schweigend hin.
 

. . .
 

Am Abend, als die Sonne den Horizont berührte und den zu Neige gehenden Tag mit einem Gemisch aus oranger und roter Färbung verabschiedete, kamen die Umrisse der Hügellandschaft in Sicht in dessen Mitte sich die geheime Zentauren-Städte bettete.

Wie aus dem Nichts stockte Arktur auf einmal und wirkte kurz erschrocken, ein Ruck ging durch seine Glieder und er murmelte etwas, was Saoirse nicht verstand. Auch die anderen wirkten plötzlich sehr blass.

Was war denn?

Fragend versuchte sie was zu erkennen, aber alles was die junge Frau erhaschte, war ein weit entfernter Schatten eines Zentauren oder handelte es sich doch nur um einen Felsen? Ihre menschliche Sehkraft reichte einfach nicht aus.

„Was habt ihr denn? Ist was Schlimmes?!“, fragte sie leise, nachdem die Gruppe kurz zum Stehen gekommen war.

Für eine Weile sprach keiner ein Wort und Saoirse konnte die Spannung kaum ertragen, die in der Luft lag. Einer dieser Momente in der die Zentauren genau wussten, was los sein mochte und nur sie, als Mensch, nicht ganz mitkam.
 

Dann setzte Arktur erneut zum Galopp an und er jagte dem geheimnisvollen Schatten entgegen. Seine Reiterin spürte, dass das Herz des Palomino wie verrückt hämmerte.

„Das ist nicht möglich …“, rief er zu Saoirse und sie versuchte immer noch zu erkennen, was er sah. Erst nachdem sie noch ein weiteres Stück zurückgelegt hatten, traf auch sie der Anblick des Rätselhaften fast wie ein Blitzschlag und wäre beinahe von Arkturs Rücken gefallen.

„Kann … das sein?“, schnappte sie nach Luft und Arktur verlangsamte sein Tempo wieder.