Kapitel  34:  Die  MAcht  des  Herzschlages

Draußen erwachte ein sonniger Tag und die junge Frau kauerte mit dem Rücken an eine der kalten Steinmauern gelehnt, auf dem Boden hockend. Erst als sie keine Tränen mehr vergießen konnte, ebbte ihr Weinkrampf ab und sie beruhigte sich wieder. Nachdenklich tüftelte sie in ihren Gedanken um einen Fluchtplan, für sie und Arktur.

Da hörte sie den Schlüssel an der Tür erneut und sie öffnete sich. Mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck richtete sie sich auf, auch wenn sie vermutlich keinen besonders beeindruckenden Eindruck abgab. Sie war bereit für sich und Arktur zu kämpfen, wie auch immer der Kampf aussehen möge, sie würde sich Gires und seinem Vater entgegenstellen.
 

Allerdings stand weder der eine noch der andere vor ihr im Türrahmen.

Es handelte sich um den Mann mit den grauen Haaren. Auch jetzt musterte er sie eindringlich, doch es lag auch was Drängendes in seinem Blick. Er trat in den Raum und lehnte die Tür leicht an. Dann meinte er mit ruhiger Stimme:

„Du bist wie ich.“

Sie stutzte und wusste nicht gleich, was er meinte. Ihre fragenden Augen gaben ihm Anlass weiter zu reden.

„Du hast dieses Bonding. Du bist eine Reiterin, habe ich Recht?“

Warum auch immer, sie spürte, dass sie ihm vertrauen konnte. Und nickte. Er honorierte das mit einem Lächeln, das ihr nebenbei bemerkt gefiel.

„Ich bin Ermond und wie nennt man dich?“

„Saoirse“

Noch einmal nickte er ihr lächelnd zu, dann wurde seine Mine erst.

„Wir müssen gehen, ich erkläre dir alles auf dem Weg.“

„In Ordnung, und wo bringst du mich hin?“

„Zu deinem Palomino.“

Ihr Herz machte einen Sprung, endlich konnte sie Arktur wiedersehen. Auch wenn sie nicht lange getrennt gewesen waren, so kam es ihr doch wie eine unendliche Ewigkeit vor.
 

Seine Hand fasste die ihre und sie gingen gemeinsam schnellen Schrittes durch die verwinkelten Gänge der Feste. Dabei schien Ermond genau die Wege zu wählen, bei denen sie von so wenig Personal wie möglich erblickt werden konnten.

„Wer genau bist du? Ich meine, was machst du hier und wo ist dein Zentaur?“

„Mein Bruder hat dir doch seinen Trophäen-Raum vorgeführt. Die Haare des Grauen gehörten einst Taron, meinem Zentauren“, die Stimme von Ermond klang bitter und Saoirse spürte einen dicken Klos in ihrem Hals anschwellen.

„Das ist … es tut mir so leid …“, entfuhr es der jungen Frau, doch er unterbrach sie.

„Mein Bruder ist besessen von der Idee, dass Sie böse sind, er tötete Taron vor meinen Augen und dachte, er würde mich damit von einer Art Geisteskrankheit heilen. Mein Zentaur starb, aber das Bonding verging nie, darum altere ich auch nicht mehr. Ich blieb hier und hoffte darauf irgendwann den Pferdemenschen einen Dienst erweisen zu können und meinen Bruder möglicherweise aufzuhalten.“

Ermond hielt kurz inne und spähte um eine Ecke, vor der sie gerade standen:

„Ich bringe dich zu deinem Zentauren und dann müsst ihr verschwinden. Mein Bruder ist schlau, er hat dich enttarnt und will an euch das gleiche Exempel statuieren, wie bei mir und Taron.“

„Oh bitte nicht …“, flüsterte sie entsetzt, er durfte Artur nichts antun.
 

Dann setzte sich Ermond erneut in Bewegung und sie hasteten um die Ecke, eine Treppe herunter.

„Auch ich habe Verbündete, die das Treiben meines Bruders nicht gutheißen. Sie kannten mich und Taron und glauben ebenso wie ich an ein ehrliches Miteinander unserer Beiden Völker“, gab der Mann wie zu Erklärung ab, nachdem sie von einigen Wachen, die den Eingang zum Kerker bewachen, schweigend durchgelassen wurden.

Noch zweimal bogen sie um und erreichten einen Verschlag hinter dessen schwerer Eisentür eine große Gestalt gefesselt kauerte.
 

Sofort sprang Saoirse zu ihrem Freund und umarmte ihn an der Stelle wo das Fell in die Haut überging.

„Arktur … ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht …“

Im Halbdunkeln erkannte sie, wie einer der Wachen die Hände des Zentauren von den Ketten und der Holzvorrichtung befreiten, mit der sie gefesselt waren. Der Palomino drehte sich langsam zu ihr um und als er sprach, wurde ihr klar, dass es ihm nicht gut ging: „Saoirse … ich bin froh, dass es dir gut geht. …Haben sie dir … etwas getan?“

Sie schüttelte stumm den Kopf, doch nun erkannte sie, dass sie durchaus ihm etwas angetan hatten, sein gesamtes Gesicht war völlig geschwollen und mit blau-grünen Flecken übersäht. Damit konnte er kaum aus seinen Augen sehen.

„Arktur, nein … was haben sie …“

„Ihr müsst jetzt gehen, kommt, ich bringe euch durch einen alten Geheimgang“, drängte Ermond und der Zentaur nickte Saoirse zu: „Wenn du mich führst, dann ist das kein Problem.“

Mit festem Griff packte sie seine Hand und ging schnellen Schrittes hinter Ermond hinterher. Dabei passte sie auf, dass Arktur sich nicht an den Steinwänden ratschte oder stolpern konnte.
 

Auch wenn es nicht lange dauerte, so fiel Saoirse ein Stein vom Herzen, als sie an Ermond vorbei Tageslicht erblicken konnte.

„Wir sind fast da, von hier aus …“, erklärte der Mann mit dem jungen Aussehen und den grauen Haaren. Jedoch wurde er je unterbrochen. Menschen tauchten vor dem Ausgang auf und schnitten dem einfallenden Sonnenlicht den Weg ab, wie bedrohliche Schatten.

Garaidor, sein Sohn und einige Wachen standen bereit. Mit hoch erhobenem Blick schaute Garaidor auf die Drei herab, wobei er im Grunde nur Arktur verächtlich ansah.

„So, du habt es also erneut gewagt, dich unschuldiger Menschen zu bemächtigen und sie zu manipulieren, ist es nicht so Pferdemensch? Ich denke nicht, dass mein Bruder und diese arme Maid dir aus freiem Willen zur Flucht verhelfen, oder bist du selbst jetzt zu feige die Wahrheit zu sagen, im Angesicht deines baldigen Endes, das du verdienst? Ich denke, ihr Dämonen seid so tapfer und stolz, stattdessen seid ihr einfach nur feige und durchtrieben.“
 

„Was redet ihr denn da? Ihr irrt euch, Zentauren sind nicht so wie ihr denkt, bitte lasst es uns doch erklären“, flehte Saoirse und hoffte dabei, dass Vernunft und Diplomatie sie vielleicht weiterbringen könnte. Aber der Burgherr funkelte sie nur wütend an und schenkte nun auch ihr einen hasserfüllten Blick: „Was genau soll das bedeuten, willst du mir etwa weißmachen, dass du aus freien Stücken mit dieser Kreatur gemeinsame Sache machst, Weib?“ Nun war klar, dass auch sie nicht vor dem Hass dieses Mannes sicher war, wenn sie aussprach, was sie dachte.
 

Sie wollte dennoch nicht zurück rudern und zu Arktur stehen, alles andere wäre unehrlich und falsch. Aber bevor sie weitersprechen konnte, schupste Arktur sie ein wenig grob zur Seite und stellte sich vor die beiden Menschen, mit einer Stimme, die ihr verzerrt vorkam und bedrohlich klang, richtete er das Wort an die Gruppe vor ihnen:

„Ja, es stimmt! Ich habe sie verwirrt und für meine Vorhaben ausgenutzt. Sie gehorchen mir, weil ich sie belogen und an mich gebunden habe … mit meiner dämonischen Kraft. Ihr Menschen seid so schwach und einfach zu benutzen, warum sollen wir das nicht für uns nutzen? Ich fürchte außerdem nicht den Tod, Zentauren blicken ihm furchtlos ins Auge, kleiner Menschen-Herr!“

Vollkommen verwirrt wollte sie ihm ins Wort fallen, doch Ermond hielt sie zurück: „Nicht, er tut das, um dich zu schützten. Er nimmt alle Anklagen auf sich, damit du und ich in Sicherheit sind. Taron hat das gleiche getan, … es wiederholt sich … es ist meine Schuld …“, flüsterte der Mann an ihrer Seite und Saoirse rang nach Luft.

„Du meinst sie …?“
 

„Los, Männer, zieht die Schwerter! Streckt das Vieh nieder!“, befahl Garaidor und Arktur scharrte bedrohlich mit einem Vorderhuf über den Steinboden, so als wolle er jeden Moment angreifen, aber Saoirse spürte genau, dass er nur so tat, er war gar nicht in der Lage für einen Kampf, er konnte nicht einmal durch seine geschwollenen Augenlieder sonderlich viel erkennen.

„Nein! Niemals, das lasse ich nicht zu!!“, schrie sie und riss sich von Ermond los. Ohne einen Plan sprang sie an Arkturs Seite, getrieben von der unendlichen Liebe zu ihrem Freund und dem Wunsch in vor seinem grausamen Schicksal zu bewahren.
 

In jenem Moment, wo sie sein Fell unter ihrer Handfläche fühlte, hörte sie ein leises Puffen und um sie herum lag plötzlich alles friedlich, wie in weißen Nebel gehüllt. Die Männer am Ausgang wirkten wie eingefroren. Der Stein um ihren Hals schien zu vibrieren.

„Was …?“, stotterte Saoirse, träumte sie?

„Die Magie des Herzschlages …“, murmelte Ermond wie zu sich selbst.

„Bitte was?“, fragte sie nach und er wurde hektisch.

„Du musst gehen, mit Arktur, jetzt sofort. Dieser Zauber hält nicht lange an.“

Ohne ein Wort half Arktur ihr auf seinen Rücken und sie drehte sich noch einmal zu Ermond um:

„Was wird aus dir?“

„Mach dir keine Sorgen, ich bin sicher, wir sehen uns wieder und nun verschwindet!“

Ein wenig unhöflich, aus Zentaurensicht, schlug der Mann Arktur auf den Schinken und gab ihm so das Zeichen für den Aufbruch.
 

„Du musst mich leiten, Saoirse. Ich kann nichts sehen“, flüsterte Arktur und ohne darüber nachzudenken gab sie ihm in Gedanken die Richtungsweisungen durch. Oder besser, er sah die Umgebung durch ihre Augen. Es geschah einfach wie von selbst. So fand der Zentaur den Weg durch den Menschengruppe hinaus ins Freie.

Mit seiner eng an ihn geklammerten Reiterin, galoppierte er mit ihr durch Felder bis sie einen Wald erreichten. Sie durften nicht zu weit wegrennen, denn ihre Freunde warteten schließlich in der entgegen gesetzten Richtung. Also liefen sie einen weiten Bogen, um zu ihnen zu gelangen.

Nachdem sie bereits eine ganze Weile unterwegs und scheinbar in Sicherheit waren, wollten die Entkommenen eine schnelle Pause an einem Bach einlegen. Da erst konnte die junge Frau das Ereignis richtig verstehen.

„Ermond meinte, es sei die Magie des Herzschlages … und in dem Augenblick als alles eingefroren schien, vibrierte dein Kronstein“, fasste sie zusammen und nahm ihn vom ihrem Hals und befestigte ihn wieder an Arkturs Oberarm.

„Arktur, ich glaubte, dieser Stein ist das geheimnisvolle Relikt, er ist das Herz eures Volkes!“
 

Der Palomino hatte ihr genau zugehört und nachdem er seinen Durst gestillt hatte, kniete er sich zu ihr ins Gras und gab zu: „Ja, … ich weiß …“