Kapitel  33:  Eine  harte  Prüfung

Auch wenn die reich gedeckte Tafel in der Feste der Menschen durchaus annehmbar aussah und das Essen gut schmeckte, spürte Saoirse große Mühe es herunter zu bekommen. Es fühlte sich so an, als müsste sie sich an jedem Bissen verschlucken. Die Gespräche, die zwischen Gires und seinem Vater stattfanden traten auch nicht unbedingt dazu bei, dass sie sich wohl fühlte. Die beiden Männer sprachen tatsächlich fast ununterbrochen abfällig über die Pferdemenschen. Es fielen keine direkten Details über ihr kommenden Vorgehen. Dennoch wirkten die zwei Männer nicht so, als würden sie ihr misstrauen.
 

Garaidor stellte gerade seinen großen Krug zurück auf den Tisch und richtete das Wort an Saoirse:

„Nun, Saoirse, was genau hat euch in unsere Gegend verschlagen, so ganz alleine?“

Mühevoll schluckte sie das kleine Stück Brot runter, dass in ihrem Mund irgendwie immer mehr zu werden schien.

„Ich pflege zu reisen ohne ein bestimmtes Ziel im Auge haben, mit dem Vertrauen darauf, dass die Götter mich an den Platz geleiten, an dem ich gebraucht werde.“

Offenbar genügte dem Burgherrn diese Antwort, denn er nickte ihr zufrieden zu. Doch dann lenkte er das Thema zurück auf Arktur: „Der Zentaur der dich angegriffen hat, wollte er etwas Bestimmtes von dir?“

Unschlüssig schüttelte sie den Kopf, in der Hoffnung die zwei Burgoberhäupter würden ihr inneres Bangen um ihren Freund nicht bemerken.

„Ich .. ich weiß es nicht … Nein, ich denke, er wollte nichts von Belangen …“
 

„Diese abartigen Bestien, sie bedrohen hilflose Frauen einfach zu ihrer Belustigung. Aber das wird sich bald nicht mehr wiederholen können.“

„Willst du, dass wir mit dem gefangenen Bastard das gleiche machen, wie mit dem letzteren vor einigen Tagen?“, grunzte Gries ungefragt dazwischen und er ließ keinen Zweifel daran, welche Freude es ihm bereiten würde.

Die junge Frau erschauderte bei diesen Worten.

… wie mit dem Letzteren, vor einigen Tagen …

… vor einigen Tagen …!

Sie meinen den Großfürsten, oder?

… Ein seltsam düsteres Bild zeichnete sich vor ihren Augen ab. Die finstere Nachtlandschaft in der sie Agarmendom zum letzten Mal gesehen hatte. Menschen umringten ihn, er hob die Hände um zu zeigen, dass er keine Waffen mit sich führte. Seine gebeugte Haltung zeigte seinen bereits geschwächten Zustand an. Die Menschen lagen genau wie der Großfürst größtenteils im Dunkeln, sie konnte nur die wagen Umrisse erkennen. Sie schrien ihn an, was genau verstand Saoirse nicht. Einige trugen Schwerter und Schilde mit sich sowie lange Speere. Dann gingen einige vor ihnen weiter auf den mächtigen Zentauren zu …
 

Das Bild verschwamm und sie spürte den Kronenstein unter dem Stoff des Kleides warm auf ihrer eigenen Haut. Ihr wurde kurz schwindelig und schwarz vor Augen, aber Gires besorgte Stimme holte sie zurück in die Gegenwart.

„Ist alles in Ordnung? Ihr seht so blass aus?“

Schnell nickte sie ein wenig benommen: „Ja … es ist nichts, mir war nur kurz ein wenig schwindelig. Muss wohl an der Aufregung liegen …“

So unauffällig wie möglich sah sie zum Burgherrn herüber, während sie einen Schluck aus ihrem Krug trank.

Hatte er etwas bemerkt?

War sie nun verdächtig?

Aber würde er und sein Sohn wirklich eine Frau als Verbündete des Zentauren-Volkes vermuten?
 

„Nun, ihr scheint wirklich ein wenig mitgenommen, umso mehr dürfte euch beruhigen, was ich euch gleich zu zeigen habe. Glaubt mir, jetzt seid ihr in Sicherheit. Kein Pferdemenschen kann euch hier etwas zu Leide tun“, erklärte Garaidor ruhig und mit einem sanften Tonfall. Er meinte es gut, doch innerlich verspürte Saoirse Ekel für diese Art seiner Äußerungen. Er glaubte sich völlig im Recht. Dabei tat er Unrecht – gewaltiges und gewalttätiges Unrecht.

Dennoch blieb ihr nichts anderes zu tun, als freundlich zu nickten.
 

. . .
 

Der kleine Ausflug führte die junge Frau samt den zwei Männern in einen gut bewachten Raum. Schon der Weg dorthin ließ ihr eine Gänsehaut über den gesamten Körper laufen. Sie ahnte, dass sie gleich weitere Schreckensnachrichten erfahren würde. Hoffentlich waren es die letzten, die sie mit ansehen und hören musste und ihr weiterhalfen, dann könnte sie Arktur entlich befreien und von diesem Ort verschwinden.
 

Mit einem lauten Knarren öffnete Garaidor eine schwere Tür und bat sie und seinen Sohn hinein. Dieser Raum wirkte recht klein mit einem großen Fenster durch das man den erwachenden Tag erkennen konnte. An beiden Seitenwänden standen Tische mit allerlei Fläschchen, Büchern und anderem Gedöns, für das Saoirse keinen Blick übrig hatte. Einige Schritte vor dem Fenster stand ein weiterer Tisch auf dem fünf dünne Stahlstangen, ca. eine Elle lange, samt Holzfüßen aufgestellt standen. Doch sie waren nicht der Grund dafür, warum Saoirses Herz begann schneller zu schlagen: Auf ihnen wurde etwas aufgehängt, jeder Stahlhalter trug einen kunstvoll geflochtenen Zopf, aus dickem Haar, die an beiden Enden mit Bändern fixiert waren. Man könnte denken, es seien Zöpfe aus Pferdehaaren. Einer war definitiv der größte, mit schwarzer Farbe und Wellen im Haar, ein anderer daneben mit wunderschönem rötlichem Haar, welches ebenfalls Wellen schlug, nur viel feiner. Zwei andere ähnelten den Beiden. Sie wirkten wie eine Mischung aus den Zweien: dunkel, gewellt mit etwas Rot. Ein anderer fiel von der Farbe her aus der Reihe, sein Haar schien glatt zu sein und von grau-blauer Farbe.
 

Der Burgherr bedeutete ihr noch einige Schritte auf den Tisch zuzugehen. Dann blieb er neben ihr und sprach:

„Weißt du, was das ist?“

Zögernd schüttelte sie den Kopf. Doch in ihrem Inneren ahnte sie es bereits.

„Es sind die Schweifhaare einiger der mächtigsten Zentauren-Dämonen die mir je begegnet sind. Ich ließ ihr Haar abschneiden und in einer rituellen Zeremonie flechten, um ihre Macht zu bannen. Sie sind böse, Saoirse. Viel böser als du es dir vorstellen kannst.“

Ihr Magen verkrampfte sich. Und obwohl sie die Antwort aus irgendeinem Grund kannte, hörte sie ihre eigene Stimme fragen: „Wer waren sie genau?“

Fast stolz und mit einer ausladenden Handbewegung erklärte der Burgherr: „Der höchste Anführer der Zentauren, seine ihm angetraute Stute und ihre Brut, bestehend aus zwei männlichen Bastarden. Der andere Graue hatte versucht meinen Bruder zu verführen.“

… Der Großfürst und seine Liebste … ihre beiden Söhne …

… sie haben die gesamte Herrscherfamilie ausgelöscht …

… einfach so …
 

Eigentlich wollte sie weinen und wütend toben zugleich, aber sie musste durchhalten und weiter ihre Rolle spielen. Um Arturs Willen und um all der anderen.

„Und? Hattet ihr damit Erfolg? Ich verstehe nicht ganz, wie das die Pferdemenschen aufhalten soll?“

„Es gibt eine Prophezeiung die besagt, dass der nächste Anführer ihrer Sippe ein junger Palomino sein wird. Seine Unerfahrenheit kann dazu führen, dass ein geheimnisvolles Relikt in unsere Hände fallen und uns so die Macht verleihen kann, sie für immer in den Untergrund der Hölle zu verbannen, wo sie hingehören. Aber leider sind wir noch nicht ganz so weit. Dieses Relikt ist noch nicht aufgetaucht. Der Gefangene scheint nicht der Auserwählte zu sein, dieser würde vermutlich auch nicht so dumm sein, uns in die Arme zu laufen. Aber ich muss mir sicher sein, bevor ich ihn töten lasse. … Nun denn, ich bin mir gewiss, dass es sich bald abzeichnen wird, wie wir sie erledigen können.“
 

Eine unglaubliche Hitze ging vom Kronjuwel auf Saoirses Haut aus, fast so als würde er auf die Energie seines früheren Trägers reagieren.

Stirnrunzelnd setzte die junge Frau mit einer weiteren Frage nach: „Was meint ihr damit, als ihr sagtet, euer Bruder sei verführt worden?“

Mit einem Mal drehte sich der Burgherr zu ihr um und legte ihr seine Hände auf ihre Schultern und hielt sie fest, dann blickte er ihr tief in die Augen und spie ihr die kommenden Wort förmlich ins Gesicht: „Es ist das heimtückischste und widerwärtigste Machwerk dieser Dämonen. Sie erschleichen sich das Vertrauen eines Menschen und geben vor, sie als ihre Verbündeten anzuerkennen. Dabei benutzen sie das Wort Bonding und geben es als eine edle und heilige Verbindung an. In Wahrheit jedoch führen sie die Menschen hinters Licht, belügen und benutzen sie nur. Und wenn sie sie nicht mehr brauchen, dann entledigen sie sich ihrer wieder …“

Seine Augen bohrten sich immer mehr in die ihren und es schien ihr fast so, als versuche er in ihren Kopf einzudringen, wie eine sich ständig wiederholende Einimpfung.

Zentauren sind falsch, sie betrügen die Menschen … alles war gelogen … das Bonding, es existiert gar nicht …

… Moment!

Nein, nein, was dachte sie denn da? …

… Arktur war ihr Freund … sie lieben einander, keiner würde den anderen je verraten … niemals …

Sie musste sich konzentrieren, der Burgherr schien mächtiger zu sein, als sie angenommen hatte.
 

Wieder bei sich, nickte Saoirse Garaidor zu: „Verstehe …“

Für einen Augenblick blieb sein Griff fest auf ihren Schultern, dann erst gab er sie frei: „Kluges Kind … Wir sollten jetzt gehen …“

Hatte er sie Kind genannt?

Während der gesamten Zeit beobachtete Gires nur still das Geschehen und tauschte jetzt einige Blicke mit seinem Vater aus, ohne dass Saoirse es bemerkt hatte. Mit einem Gruß verabschiedete sich der Burgherr von ihr und nickte seinem Sohn stumm zu.

„Ich bringe dich jetzt in dein Zimmer zurück, du bist sicher ein wenig müde, Saoirse.“

Erschöpft ja, aber schlafen konnte sie ohnehin nicht. Doch ein wenig Zeit zum Nachdenken ohne den anhänglichen Sohn des Burgherrn kam ihr trotzdem recht.

Nachdem er ihr die Tür geöffnet und sie hinein gegangen war, meinte er noch: „Erhole dich erst einmal, wir werden dich beschützen und dir helfen. Du bist in guten Händen, mein Vater weiß, was er tut.“

Dann schloss er die Tür und drehte den Schlüssel im Schloss herum.
 

Erschrocken begriff Saoirse erst in diesem Moment, dass sie in der Falle saß.

Hatte sie sich verraten?

Wodurch?

Was meinte er mit ihr helfen?

Was sollte sie unternehmen?

Was nur?

Und was geschieht mit Arktur?

Verzweifelt packte sie den Stirnstein des Großfürsten und drücke ihn mit beiden Händen unter Tränen und flehte in Gedanken um Hilfe.

Bitte, oh großer Arktur, Schutzpatron der Zentauren-Reiter, wir brauchen deinen Schutz, dein Geleit und deine Hilfe, auf bald!