Kapitel  30:  Böse  Vorzeichen

Im Stillen dachte sie darüber nach ob auch die Noraden schon eingetroffen seien. So würde sie das weiße Fohlen Saphien wiedersehen. Wenigstens darauf konnte sie sich freuen, wenn es auch so schon nicht viel Anlass zur Freude gab. Ein kühler Herbstwind jagte über den Hügel und Saoirse zog ihr Gewand noch fester um sich. Die umstehenden Zentauren schien die Kühle des Windes gar nicht aufzufallen oder sie waren einfach zu fokussiert auf ihre Aufgabe.
 

Mit zusammen gekniffenen Augen spähte die Menschenfrau den Abhang herunter, die kleinen Punkte der Zentaurenumrisse schienen für ihre Augen nur verschwommen erkennbar. Wenn sie nicht gewusst hätte, dass es sich um Pferdemenschen handele, dann hätten man sie ihr auch als Reiter oder eine Tierart verkaufen können.
 

Langsam ging der Tag zu neige und weder Arktur noch Agarmendom waren zusehen. Also beschloss Saoirse sich ein wenig auf dem weiten Hügel umzusehen, auch wenn es außer der schönen Landschaft nicht allzu viel zu sehen gab. Keiner der Wachen hinderte sie am Weitergehen.

Nicht unweit von den Wächtern fand sie einen moosbewachsenen Felsen der wirkte, als trüge er ein Gesicht. Unweigerlich musste sie ein wenig grinsen, was für ein schöner Gedanke daran, dass alles irgendwo beseelt sein konnte.
 

Das dumpfe Trommeln von Hufschlägen, ließ sie sich umdrehen. Arktur kam auf sie zu und dabei erkannte sie, dass er geweint haben musste. Er würde nicht darüber reden wollen, soviel verriet ihr ein Blick in seine Augen. Darum fragte sie auch nicht, wofür er ihr sehr dankbar war. Schweigend half er ihr auf seinen Rücken und sie eilten zurück zur Stadt.
 

. . .
 

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie den Bereich für die Cheiraden ausfindig machen konnten. Opalos und die anderen waren damit fertig einige Schlafplätze für ihre Gruppe zu errichten. Eine karge Steinnische, die Platz für sechs Zentauren bot und außer der Bettstatt keinen weiteren Komfort aufwies, sollte jetzt ihr neues Zuhause sein. Alle dachten das Gleiche, aber keiner beschwerte sich. Zu mindestens nicht lautstark, wer jedoch in Brindls Gesicht blickte, konnte da einen gewissen Unmut erkennen. Dabei war es Saoirse, die nicht wirklich einen Schlafplatz besaß, dafür war es zu eng. Was sie aber erst feststellten als sich die Zentauren bereits alle, mehr oder weniger, gemütlich gebettet hatten.

Aber es kam ihr eine Idee, sie legte sich einfach bäuchlings auf Arkturs Rücken, für diese Nacht würde das schon gehen, morgen würde sich etwas suchen, aus dem sie eine Art Hängematte bauen könnte oder Ähnliches.

„Du hast doch nichts dagegen?“, flüsterte sie lächelnd und er grinste über die Schulter zu ihr zurück.

Wenigstens holte die Erschöpfung des Tages sie schnell ein, so dass alle bald in den Schlaf fanden.
 

. . .
 

Drei Tage vergingen …
 

Die Nacht kündigte sich an und sein schneeweißes Fell glänzte vor Schweiß. Bald würde er sein Ziel erreichen, doch kam er noch rechtzeitig?

Rechtzeitig …

Rechtzeitig …!
 

. . .
 

Als sich der Abend näherte, trieben sich der Palomino und Saoirse gemeinsam auf den Hügeln herum. Sie erkundeten die nähere Umgebung.

„Na wenigstens gibt es hier eine interessante Ansammlung von Pflanzen, die ich für meine Arbeit benutzen kann.“

Er lachte: „Denkst du auch an etwas anderes, als an deine Medizin?“

„Es soll ja schließlich nicht zu eurem Nachteil sein, oder?“, brummte sie und verschränkte gespielt beleidigt ihre Arme vor der Brust.
 

Ein lauter Aufschrei ließ Beide zusammenzucken.

Was oder wer war das gewesen? Der Schrei klang so verzerrt, dass sie es nicht richtig deuten konnten. Geistesgegenwärtig ließ Arktur Saoirse absetzten, auch wenn sie zu protestieren versuchte. Mit erhobenem Finger mahnte er: „Du bleibst hier und versteckst dich, ich sehe nach und hole dich gleich.“ Und schon galoppierte der Palomino davon und sie sah ihm mit einem schlechten Gefühl im Magen hinterher. Schließlich blickte sie sich um, alles wo sie sich verstecken konnte, war ein etwas größere Findling, also kauerte sich die Menschenfrau hinter diesem Felsen, ohne zu wissen, als welcher Richtung die Gefahr kommen könnte.
 

Zeit verging, und nichts geschah, nicht hörbares vernehmbar. Aber das ungute Gefühl blieb und wuchs. Sollte sie sich aufmachen Arktur zu suchen? Lieber nicht, wenn er sagte sie solle warten, dann würde es klüger sein auf ihn zu hören.

Ein Geräusch ließ sie kurz erschrecken, jemand näherte sich von der anderen Seite, im Dunkel der Nacht sah sie nur einen Schatten.

„Arktur?“, stotterte sie misstrauisch, aber schon bald sah sie, dass es nicht ihr Freund war, sondern sein Onkel. Seltsam gebeugt stapfte er zu ihr herüber.

Sie trat ihm einen Schritt entgegen: „Großfürst?“

Er nahm ihre ausgestreckten Hände in seine und legte ihr dann etwas in ihre hinein.

„Du musst jetzt hier warten … auf Arktur … gib ihm das hier. Pass gut darauf auf, hörst du? Pass gut auf euch auf …“, seine Stimme klang seltsam gepresst und Saoirse wusste erst nicht, wie sie das einordnen sollte. Und obwohl alles so unwirklich und befremdlich wirkte, brannten sich seine Worte in ihr ein. Sie sollte warten.

Mit seiner Hand drückte er kurz ihre Schulter, im Dunkeln konnte sie sein gesamtes Gesicht oder andere Details nicht erkennen, dann ließ er sie los und stapfte an ihr vorbei.

Verwirrt sah sie ihm nach und als er aus ihrem Sichtfeld verschwunden war merkte sie, dass ein Gefühl von Feuchtigkeit auf ihrer einen Schulter zu spüren war – auf der die Agarmendom zuvor berührt hatte. Sie sah es sich genauer an und erkannte, dass ihr Gewand an der Stelle blutverschmiert war.

„Was? Nein, bitte nicht …“, entfuhr es ihr bei dem schlagartigen Bewusstwerden in welch einer bedrohlichen Situation sich der Großfürst befand. Was konnte sie tun?
 

Warten.

Warten.

Warten.

Klang seine Stimme immer wiederkehrend in ihrem Kopf.

Irgendwann öffnete sie ihre Hände und schaute sich an, was er ihr anvertraut hatte: seinen Stirnstein, das Königsjuwel – die Zentauren-Krone, wenn man so wollte. Sie musste darauf aufpassen und sie Arktur geben.

Zitternd und voller Angst drückte sie den Stein in ihren Händen und kauerte hinter dem Felsen. Ich hoffte inständig, dass der Großfürst selbst zurückkommen und seine Krone von ihr wiedererhalten würde. Doch sie spürte in ihrem Herzen, dass das nicht geschehen würde.
 

Als sich erneut ein Schatten näherte, wusste Saoirse sofort, dass es sich um Arktur handelte. Er wirkte auf den ersten Blick unverletzt, stutzte aber, und hielt einige Hufschritte vor Saoirse an, als er ihre Tränen sah. Sie öffnete ihre Hände und zeigte ihm den Stirnstein seines Onkels. Da begriff er, was geschehen sein musste.

Kopfschüttelnd stammelte er: „Aber … ich habe alles abgesucht … ich habe Spuren eines Kampfes entdeckt und die Fährte meines Onkels … aber … wieso? Er ist mächtig … warum hat er …?“

Da Saoirse nicht wusste, was sie sagen sollte, umarmte sie ihrem Palomino und aus einem Impuls heraus nahm er sie auf seinen Rücken und raste los. Und er rannte wirklich wie ein wildgewordener Stier.
 

In Leirac-Sen erzählten die Beiden Tristorion von dem Vorfall.

„Wir müssen Suchtrupps aussenden, Vater! Onkel ist verletzt und braucht sicher unsere Hilfe!“

Fast unmerklich zögerte Arkturs Vater bevor er den Stein aus Saoirses Händen nahm und ihn sich genauer ansah. Seltsamerweise leuchtete er nicht mehr in roter, sondern in grüner Farbe. Mit scherzverzerrtem Gesicht erklärte Tristoiron daraufhin: „Das wird ihm nicht mehr helfen, mein Sohn … Das Herz deines Onkels, unseres Großfürsten Agarmendom, hat bereits aufgehört zu schlagen …“