Kapitel  29:  Die  alte  Stadt

Tage später …
 

Fahles Mondlicht fand seinen Weg durch das vergitterte Fensterloch in der Mauer und fiel in zart silberner Farbe zum Teil auf seine helle Haut. Er war junge, schutzlos und gefangen. Trotz seiner noch jungen Lebenserfahrung wirkte er gefasst und ruhig, nicht wie ein verängstigtes Junges. Mit einer minimalen Bewegung seiner Muskeln streckte er einen seiner Flügel aus, damit das Mondlicht besser darauf fiel. Dieses Licht verlieh ihm ein wenig mehr Kraft, notwendig da das Essen, was sie ihm zugestanden, nicht wirklich nahrhaft für ihn war.

Immer noch versuchte er Seinesgleichen zu kontaktieren, doch aus irgendeinem Grund funktionierte die Gedankenübertragung nicht. Er empfing nichts und anscheinend höre ihn auch niemand.

Warum?

Und was wollten die Menschen von ihm?

Hin und wieder kamen sie zu mehreren, versammelten sich um ihn und jedes Mal verlor er nach einem kurzen Moment das Bewusstsein. Wenn er erwachte, war er wieder alleine. Ohne eine Ahnung oder Erinnerung, was in dieser Zeit geschehen sein mochte.

Um was es sich auch handelte, es konnte nichts Gutes sein … Dafür lag alles um ihn herum in viel zu finsterer Atmosphäre. Er musste hier raus, nur wie?
 

Seine Augen spähten in die Dunkelheit seiner Zelle hinein. Wenn er sich bewegte klirrten schwere Ketten an seinen Beinen und Armen, kaum eine Möglichkeit sich daraus zu befreien, es sei denn … aber ob er dafür noch genügend Kraft besaß?
 

. . .
 

Die unterschiedlichen Sippen der Zentauren machten sich auf den Befehl ihres Großfürsten umzusetzen und sich in der Höhlen-Stadt Leirac-Sen zu versammeln. Niemandem war wirklich wohl bei der Sache und auch die Cheiraden trennten sich nur ungern von ihrem Zuhause. Der Fürst hatte sein Volk mit der Aussicht auf baldige Rückkehr getröstet, wenn sich alles geklärt hätte. Aber keiner zweifelte daran, dass es ein Abschied für immer oder zumindest für die nächsten Generationen sein würde.

Eine bedrückende Stimmung lag in der Luft als der Clan seine Abreise antrat. Schweigend saß Saoirse auf Arkturs Rücken und musterte die angespannten Gesichter um sich herum. Auch sie hoffte auf eine schnellstmögliche Besserung der Lage und dennoch schien jeder ein drohendes Unheil zu spüren.
 

Wenigstens das Wetter zeigte sich freundlich zu den Reisenden. Der junge Herbst malte bunter Farben auf die Bäume für die vermutlich jeder gerade blind zu sein schien. Den gesamten Weg über schwiegen die Meisten, nicht mal Raic versuchte einen blöden Witz zu machen.
 

Als sie Leirac-Sen erreichten, bot sich ihnen ein eher befremdlicher Einblick. Die beinahe antike Städte erinnerte mehr an ein Ruinen-Feld, als an ein neues Zuhause. Doch offensichtlich waren die Kentoraden, einer der ersten Clans die dort eintrafen, bereits fleißig am Aufräumen und herrichten gewesen. So gab es, nachdem man den etwas versteckt gelegenen Eingang passiert hatte, wenigstens einige bewohnbare Bauten, die durch ihre steinernen Mauern an alte Steinzeithöhlen und eher weniger an die runden Warus erinnerten.

Hier sollte nun ihre neue Heimat sein? Sicher würde ihr kreatives Volk diesen Ort noch wohnlicher herrichten können … mit der Zeit.
 

Leirac-Sen besaß eine lange Geschichte für die Zentauren, wie Saoirse von Raic erfuhr, der nach ihrer Ankunft seine Rede-Lust wiedergefunden hatte. So erfuhr sie, dass jener Ort laut einer Legende, eigens von den Sternen für das Volk der Pferdemenschen erbaut worden war. Damit sie sich auf diesem Planeten zu Hause fühlen und niederlassen konnten. Diese Städte spendete über viele Generationen Schutz für die Zentauren. Nachdem sie auszogen sich neue Ort als Heimat zu erschließen, blieb Leirac-Sen noch lange bewohnt und bei manchen Übergriffen der Menschen galt diese Stadt als uneinnehmbare Feste. Aber irgendwann, und niemand kennt den genauen Grund dafür, verließen alle Zentauren die Stadt und die dazugehörige Vorburg und dieser Ort verfiel.
 

Inzwischen erkundete Saoirse auf ihren eigenen Beinen die Höhlenstädte. Große Fackeln an den Wänden erhellten die Umgebung und dieser Ort war mit Abstand der größte Höhleninnenraum den sie je betreten hatte. In den verschlungenen Wegen an den Felswänden entlang, die Teils gemauert, Teils naturbelassen wirkten, konnten mehrere Zentauren nebeneinander gehen, der Boden bestand aus Sand oder besser, Sand bedeckte den Felsboden. Vermutlich musste dieser einst hier her verbracht worden sein.
 

Zum weiteren Erkunden kamen sie allerdings nicht weit, denn ein Bote des Großfürsten eilte an Arkturs Seite: „Eurer Onkel wünscht euch zu sehen, Arktur.“

Der Palomino nickte und nahm Saoirse mit sich, dem Boten folgend. Seine Freunde und Familie kümmerten sich derweil um ihre Unterkünfte.
 

Der Bote des Großfürsten, ein grau-weißer Zentaur mit kurzem gelocktem Haar und ernstem Gesichtsausdruck, legte ein eiliges Tempo vor und lotste die Beiden zurück aus der Stadt, einen der umliegenden Hügel hinauf. Die mit zahlreichen Hügeln gesäumte Landschaft bot einen eher schroffen Anblick. Saoirse gefielen diese wilden Hügel, die mit Heide, Gras und Moos bewachsen waren. Erst als sie die Gipfel dies Hügels erreichten, den sie entlanggeführt wurden, erkannte die Menschenfrau einige Zentauren auf diesem und auch auf den benachbarten Landschaftserhebungen stehen. Vermutlich Wachposten, kombinierte sie nachdenklich.
 

Die Schritte des Boten verlangsamten sich und einer aus der wachehaltenden Gruppe trat hervor. Er war Arkturs Onkel, der große schwarze Zentaur überragte seine Wachen um einiges. Saoirse stieg einige Schritte vor der Gruppe ab, sodass Arktur und Agarmendom alleine sprechen konnten. Die zwei Pferdemenschen sonderten sich ein wenig von den anderen ab.
 

„Onkel, ist das wirklich nötig? Wie sollen wir alle hier leben?“, fragte Arktur und er meinte das nicht als Anklage, sondern eher als Versuch Antworten von seinem Onkel zu bekommen.

Der Großfürst wirkte müde und angespannt, verlor aber nichts von seinem gütigen Ausdruck als er mit Arktur sprach:

„Leider ist es das, mein Junge. Wir werden hier alle einen Platz für die Zuflucht finden. Der Rest wird sich in baldiger Zukunft offenbaren, dessen bin ich mir gewiss.“

„Was genau meinst du, Onkel?“

„Du wirst es bald erfahren“, gab sich Agarmendom erneut undurchschaubar. Doch dann blieb der Großfürst stehen und sein Enkel tat es ihm gleich. Der schwarze Zentaur legte dem jüngeren eine Hand auf die Wange und fuhr ihm mit seinem Daumen einmal sacht über die Wange: „Versprich mir etwas, Arktur. Egal was auch geschieht, völlig unerheblich was das Schicksal uns auferlegt, versprich mir, dass du niemals die Hoffnung aufgibst.“

Fast ein wenig benommen nickte Arktur und der Großfürst nahm seine Hand zurück und sah in die Ferne als dachte er nach. Er wusste nicht wieso, aber Arktur umarmte seinen Onkel plötzlich und hielt ihn fest. Agarmendom legte einen Arm auf den Rücken seines Neffen: „Ist schon gut, Junge.“
 

. . .
 

Es hatte funktioniert! Sein Gefängnis lag hinter ihm und die Ketten lagen gesprengt am Boden. Genau wie die Menschen, die ihm ständig betäubt und dann in seinem Gedächtnis nach wertvollen Hinweisen gesucht haben – so viel hatte er jetzt herausgefunden. Die Zweibeiner würden bald zu sich kommen, er musste sich beeilen und fliehen.

Wohin?

Er wusste genau wohin, doch welcher Weg führte dorthin?

Durch die letzte Séance, die nicht so verlief wie die Menschen es geplant hatten, wusste er von ihrem nächsten Vorhaben.
 

Seine Kräfte schwanden je weiter er rannte, in seinem Zustand konnte er nicht fliegen. War das in dieser Welt überhaupt für ihn möglich?

Irgendwann stoppte er in einem Wald, um sich an den Sternen zu orientieren und sich zu erinnern. Wo lag der richtige Weg? Die Zeit drängte, er musste ihn finden.