Kapitel  23:  Rettung  naht

"Bring Fjolken hier weg!!", hallten ihre Worte noch in seinen Ohren und Brindls spürte, dass er ihr vertrauen musste. Die Stimmen hatten es ihn schon zuvor erklärt – jene Stimmen die er hörte, seit der Nacht im Irrlichtwald. Und er wusste daher auch, wie er das anstellen konnte.

Der völlig hin und her gerissene Fjolken stand, genau wie sein Bruder, immer noch unter dem Bann der Gutsherrin, er würde die Ländereien nicht verlassen können. Es sei denn, die Macht der Zentauren-Krieger von einst würden ihn von diesem Bann freisprechen. Um Arktur würde sich Saoirse – seine Reiterin – kümmern. Ihre Verbindung war ebenso machtvoll wie die der Zentauren-Krieger.
 

Nachdem der Schwarz-Braune Arkturs Bruder an die Hand und ihn mit sich führte, erinnerte sich der Norade an die Worte der Geister, die mit ihm sprachen.

"Ich kann nicht ...", stotterte Fjolken verzweifelt, als die Grenze immer näher rückte. Doch Brindl hielt nicht inne und umfasste die Hand des anderen Zentauren nur noch entschlossener.

"Doch, du kannst!" Das Fell des Pferdemenschen schimmerte kurz blau-grünlich, wie eines der Irrlichter. Wie vom Wind davon getragen, lösten sich Schwere und Beklemmung, Angst und Lähmung aus Fjolkens Körper. Ein Gefühl von Freiheit und endlich wieder tief atmen zu können, überkam ihn.

Mit einem Satz preschten die Zentauren über die Grenze und in den rettenden Wald hinein.
 

. . .
 

Der Palomino nahm einen anderen Weg weck von diesem furchtbaren Ort. Seine Beine trugen die Zwei einen Sandweg entlang. Weiter zu einem weiteren Wald der nur aus Fichten bestand. Der weiche Boden verschluckte fast das Geräusch seiner mächtigen Hufen. Geschickt wichen er und Saoirse Wurzel und herabhängenden Ästen aus. Der Mond stand mittlerweile fahl leuchtend am Himmel und so gut wie nichts erinnerte mehr an das Unwetter von vorhin.

Die junge Frau verlor das Gefühl für die Zeit. Erst als sie an einen kleinen Bach gelangten, stoppte Arktur. Doch noch bevor er seine Freundin absteigen ließ, horchte und witterte er eine Weile hinter sich.

Folgten sie ihnen?

Befanden sie sich jetzt in Sicherheit?
 

Im Augenblick wirkte es sicher.

"Komm, lass uns trinken", erklärte er knapp und nachdem Saoirse von seinem Rücken gestiegen war und er sich am Ufer des Baches kniete. Um zu trinken, umarmte sie ihren Zentauren-Freund unter Tränen.

"Ich dachte ... oh, Arktur ..."

Er nahm sie in den Arm und drückte Saoirse an sich.

"Mir ging es genauso ... und diese Machtlosigkeit ... ich hätte es mir nie verziehen wenn, ..."

Für eine Weile lagen sie sich in den Armen und hielten einander fest, dann erinnerte sich Saoirs an Arkturs Wunde am Arm.

"Zeig mal her."

"Es ist nicht schlimm. Nur ein Kratzer."

Die Heilerin besah sich die frische Wunde dennoch eingehend. Sie war zum Glück wirklich nur oberflächlich und schon geschlossen. Mit dem Wasser des Baches wusch sie die Stelle sauber. Arktur schaute ihr zu und berührte dann mit traurigen Blick das Band an seinem Arm, dass zur Hälfte in Fetzen hing.

"Wir werden meinen Onkel um neue Bänder bitten, wenn wir zurück sind", erklärte der Palomino mit einem Lächeln. Und Saoirse erwiderte es.
 

"Aber jetzt würde ich mich gerne ausruhen, nur für einen Moment", erklärte Arktur und es fiel ihm schwer die Augen offen zu halten. Seine Freundin lehnte sich an einen moosbewachsenen Baumstumpf und der Zentaur legte seinen Kopf auf ihre Beine. Es dauerte nicht lange, da fiel er auch schon in einen tiefen Schlaf.
 

Freude über seine Befreiung und die Angst um ihn, die ihr immer noch in den Gliedern steckte, wechselten sich jetzt ab und ließen ihr Tränen über die Wangen laufen. Mit einer Hand strich sie vorsichtig über sein silbernes Haar. Der Gedanke ihren Freund auf so grausame Weise verlieren zu können, machte sie fast wahnsinnig vor Angst.

Aber jetzt brauchte sie sich nicht mehr zu fürchten.

Oder?

Würden die Menschen sie verfolgen?

Waren Fjolken und Brindl in Sicherheit?

Aus irgendeinem Grund glaubte sie die Antwort zu kennen und wusste, dass es den beiden Zentauren gut ging.

Und wo befanden sie sich hier?
 

Aber vielleicht war es gar nicht so wichtig, Hauptsache Arktur war bei ihr. Sicher würden sie den Rückweg gemeinsam finden. Wenn er ausgeschlafen und seine Kräfte zurück erlangt hätte.
 

. . .
 

Die Nacht schritt weiter fort und Arktur schlief immer noch. Am liebsten hätte auch sie geschlafen, in der Hoffnung ihn so zu heilen, doch ihre Augen wollten einfach nicht geschlossen bleiben und je länger sie so da saß, desto mehr Unbehagen kam in ihr auf.

Was wenn die Menschen sie doch finden würden?

Gab es Wölfe hier in der Gegend?

War Arktur doch schwerer verletzt?

Sollte sie ihn schlafen lassen oder lieber wecken?
 

Ein Geräusch riss sie aus ihren Gedanken.

Sind sie entdeckt worden?

Ja, so war es.

Ein riesiger Schatten bahnte sich den Weg durch den Wald, ebenso geschickt wie Arktur zuvor. Saoirse fiel ein Stein vom Herzen als sie erkannte, dass es sich um keinen Menschen handelte. Ein Zentaur kam zielsicher auf sie zu, im Licht des Mondes erkannte sie den Großfürsten, dicht gefolgt von Tristorion und einigen weiteren Zentauren.

"Wir haben sie gefunden", rief Agarmendom mit sanfter Stimme und beugte sich zu Saoirse und Arktur herunter.

"Alles ist in Ordnung, ihr seid in Sicherheit."

Mit großen Schritten trat Tristorion neben Arktur und kniete sich herunter zu seinem schlafenden Sohn. Durch eine sachte Handbewegung weckte er Arktur und der Palomino hob benommen den Kopf. Im fahlen Licht des Mondes konnte Saoirse den Fürsten lächeln sehen, glücklich seinen Sohn gesund wieder zu haben. Mit einem Arm drückte er seinen Sohn für einen Moment liebevoll an sich, während er mit der anderen Hand Saoirse über die Wange strich.
 

"Lasst uns aufbrechen", drängte der Großfürst und Tristorion wollte Arktur auf seinem Rücken tragen.

"Ich denke, ich kann selber laufen, Vater."

Zustimmend nickte der Fürst: "Wie du meinst."

"Aber ich werde deine Reiterin tragen, deine Kräfte reichen im Moment nur für dich, mein Junge", erklärte Agarmendom väterlich und hatte Saoirse schon in seine Arme gehoben.
 

. . .
 

Nachdem Fjolken zusammen mit den anderen die Stätte der Hirsch-Zentauren erreicht hatten, fiel er weinend auf die Knie. All die Jahre musste er sich einer fremden Macht unterwerfen – gefangen und ohne jede Hoffnung seine Familie je wieder zu sehen. Und nun war er frei – endlich wieder frei.

Sein Vater und sein Onkel nahmen Fjolken bei Seite und brachten ihn zunächst zu den Heilkundigen der Kentoraden. Arktur sollte ihnen folgen.

"Du solltest vielleicht auch mitkommen", drängte er und nahm Saoirse am Arm. Ein wenig verwirrt schaute sie ihn an.

"Aber ... es geht mir gut, wirklich ..."

Alles appellieren half nichts, er würde nicht locker lassen, wenn er sie so streng anblickte, dass wusste die junge Frau.
 

. . .
 

Die nächsten Tage verbrachten Fjolken, Arktur und Saoirse vor allem mit Schlafen. Der direkte Kontakt mit dem beißenden Rauch forderte so seinen Tribut.

Arktur und Saoirse ging es nach wenigen Tagen schon wieder besser. Inzwischen waren alle Fürsten und Fürstinnen eingetroffen, die Agarmendom zur Versammlung geladen hatte und erwarteten ihn und die kleine Gruppe um den Rettungstrupp bei den Kentoraden. Durch den Zwischenfall sollte die eigentliche Versammlung allerdings noch ein wenig auf sich warten lassen. Vor allem weil Arktur und insbesondere Fjolken der Weg zur nächsten Stätte gerade noch nicht zuzumuten war.
 

Eines Abends nahm der Großfürst seinen Bruder Tristorion zur Seite, als die Sterne hell am Himmel leuchteten und sie Beide alleine waren.

"Ich kann nur zu gut nachempfinden, was in dir vorgeht, mein Bruder. Deinen Söhnen ist etwas Schreckliches widerfahren und doch bitte ich dich, keine Finsternis in dein Herz zu lassen", begann der Großfürst und sein Bruder blickte ihm daraufhin lange in die dunklen Augen.

Vor vielen Sommer musste Agarmendom seine zwei Söhne in die Anderswelt ziehen lassen. Damals gab es auch Menschen, die sich an ihnen vergangen und ihr Leben viel zu früh beendet hatten. Die Worte des Großfürsten besaßen also Gewicht und Wahrheit, das wusste Tristorion nur zu Gut.

"Ich weiß, Bruder", und er atmete tief durch. "Und dennoch fällt es mir schwer, das einfach so hinzunehmen."

"Du brauchst es nicht hinzunehmen, lerne aus den Fehlern deiner Söhne, aber vergiss niemals, dass die Taten Einzelner nicht die Taten eines gesamten Volkes sind. Sonst müsstest du auch Saoirse gegenüber ..."

"Das weiß ich und es geht mir nicht um Rache oder dergleichen. Aber diese Menschen haben deine Söhne misshandelt und gefangen gehalten, Fjolken sogar über mehrere Jahre hinweg gequält und noch dazu den heiligen Bund des Bonding zwischen Arktur und Saoirse beschmutzt. Ich will einfach nicht, dass die Menschen – jene die uns so sehr hassen – weiterhin unser Volk so traktieren. Was sollen wir tun, Bruder? Ich will nur meine Familie und mein Volk beschützen!"

"Nichts anderes will ich auch – und das werden wir, mein Bruder!"


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