Kapitel  22:  Flammendes  Band

"Wir behalten die kleine Fremde noch eine Weile", eröffnete Eruch ihrer Nichte, als diese gerade dem Stellburschen beauftragen wollte, sie aus dem Weg zu räumen.

"Warum?"

"Weil dein Zentaur noch lange nicht aufgeben wird. Seine Bindung zu der anderen Frau ist stark, möglicherweise brauchen wir sie noch."
 

. . .
 

Den ganzen Tag über hatte Saoirse versucht sich und Fjolken zu befreien. Obwohl es eigentlich ein machbares Unterfangen sein musste, schaffte sie es nicht, einige der Holzplatten einzutreten. Vermutlich gehörte körperliche Schwäche zu den Nebenwirkungen des seltsamen Rauches.

Langsam brach die Nacht herein.

"Was machen wir nur?", flüsterte Saoirse und wollte schon die Hoffnung aufgeben, da hörte sie ein Knacken im Dunkeln. Vielleicht ein Knecht, doch die Angestellten der Herrin hatten sich bereits zurück gezogen. Ein unheilvolles Grollen in den Wolken lenkte die junge Frau kurz von diesem Geräusch ab. Ein Gewitter braute sich zusammen.
 

"Saoirse?", eine tiefe Stimme flüsterte leise ihren Namen und sie erkannte wem diese gehörte.

"Brindl?"

Ein Schatten zeichnete sich durch eine Lücken in der Holztür ab. Ein lautes Donnern erklang, es würde nicht mehr lange dauern, bis das Gewitter sich voll entfalten würde.

"Was ist geschehen? Ist mit euch alles in Ordnung?", fragte der Noraden-Zentaur. Unter Tränen erklärte sie ihm:

"Sie haben Arkturs Bruder gefangen gehalten, die ganzen Jahre lang und als wir ihn befreien wollten, sind sie über Arktur hergefallen und haben ihn weggebracht. Sie wollen ihn brechen und versklaven. Mich haben sie zusammen mit Fjolken hier eingesperrt. Bitte hol uns raus."

"Darum brauchst du mich nicht bitten", erklärte der Schwarz-Braune und drehte sich bereits so, dass er mit seinen Hinterhufen die Tür eintreten konnte. Allerdings wartete er auf den nächsten Donner, um nicht durch den Lärm unnötig Aufmerksamkeit zu erregen.
 

Als die Tür auffiel, fing es plötzlich heftig an zu regnen, doch das störte weder Saoirse noch Fjolken. Glücklich fiel sie Brindl um den Hals, dann wandte sie sich zu Fjolken und versicherte sich, dass er sich selbst auf seinen Beinen halten konnte.

"Bravnir ist auch in der Nähe, vielleicht geht ihr zu ihm und ich kümmere mich um Arktur", schlug Brindl vor, doch noch bevor er seinen Vorschlag zuende aussprechen konnte, entgegnete Saoirse: "Ich gehe ohne Arktur nirgendwo hin!"

Blitze zuckten, der Donner war ohrenbetäubend und der Regen machte den Boden unter ihren Füßen und Hufen, der dort nur aus Erde bestand, matschig.

Brindl war klar, dass Saoirse nicht mir sich diskutieren lassen würde, also willigte er ein.

"Wir suchen ihn und dann gehen wir gemeinsam zurück zu den anderen."
 

. . .
 

"Bring ihn nach hinten zu den Weideflächen und den dortigen Unterstand. Wir werden seine Untergebenheit noch festigen müssen", wies Eruch ihre Nichte weiter an. Da es so stark regnete, beeilten sie sich ihr Ziel zu erreichen. Das heftige Gewitter trübte den morgendlichen Himmel fast nachtschwarz.

Nachdem sie den Unterstand erreichten, warf die Gutsherrin Inja ein aufgerolltes Seil zu, dass dort zuvor an der Wand gehangelt hatte. "Binde ihn fest", erklärte sie knapp und die junge Frau formte eine Schlinge an das eine Ende des Seils und verknotete es sorgfältig. Anschließend trat sie an Arktur heran und warf es ihm über den Kopf. Konzentriert zog sie an dem Seil, sodass sich die Schlinge soweit verengte, dass der Zentaur nicht mehr seinen Kopf herausziehen konnte. Das andere Ende des Seils behielt sie zunächst in ihrer Hand. Der Pferdemensch ließ alles regungslos über sich ergehen und blickte mit seinen violetten Augen schweigend vor sich hin, so als betrachte er etwas in weiter Ferne. Regentropfen perlten von seinem goldenen Fell herunter aus das schmutzige Stroh des Unterstandes. Seine silbernen Haare wirkten durch das Nass leicht verwaschen, dennoch bot der Zentaur einen schönen und beeindruckenden Anblick. Zufrieden über ihren neuen Besitz grinste Inja verträumt vor sich hin.
 

"Er macht auf mich einen unterworfenen Eindruck, Tante. Was genau meinst du müssen wir noch unternehmen?"

"Lass dich nicht täuschen, Kind. Er mag für den Augenblick ruhiggestellt sein, aber das kann sich jeder Zeit ändern. Wir müssen ganz sicher gehen, sonst wird es gefährlich für uns", entgegnete die Gutsherrin.

Ihr Nichte zuckte naiv mit den Schultern: "Und was sollen wir tun?"

Mit leicht zusammen gekniffenen Augen betrachtete die ältere Frau den Zentaur, dann meinte sie nachdenklich:

"Siehst du das Band, dass er am Arm trägt? Ist es dir nicht aufgefallen, dass seine Begleitung auch ein ähnliches Band am Handgelenk besitzt? Es ist eine Art Siegel, dass ihrer Verbindung Macht verleiht. Solange es besteht, kann keine noch so kräftige Unterwerfung diesen Zentauren bändigen. Wir müssen die Bänder vernichten ... und am besten auch die Frau."
 

Die beiden Männer, die immer noch bei den Frauen standen, hörten aufmerksam zu, sagten aber nichts. Sie taten gut daran sich nicht einzumischen und einfach ihre Befehle zu erwarten. Jeder hier fürchtete sich vor der Gutsherrin, auch wenn sie ihnen Lohn und Brot einbrachte. Einer von ihnen trug kurzes dunkles Haar und überragte alle anderen in seiner Größe, der andere Mann wirkte eher klein und rundlich, seine kleinen Augen standen recht weit auseinander und sein Gesicht besaß etwas schweinehaftes.

"Bringt mir die Frau her und Brak gleich mit", befahl Eruch, die Zwei nickten gehorsam und machten sich sogleich auf in den Regen, um den Befehl in die Tat umzusetzen.

"Und wir brauchen zwei Fackeln", schrie sie den Männern noch hinter her.
 

. . .
 

Die beiden Zentauren und die Menschenfrau schlichen auf dem Anwesen herum und suchten Arktur. Durch das Unwetter hielten sich die meisten Angestellten offenbar im Haus auf. Keiner kreuzte ihren Weg und dennoch mussten sie höchste Vorsicht walten lassen.

"Brindl, kannst du Arktur nicht wittern?", kam Saoirse eine Idee, doch der Pferdemensch schüttelte seinen Kopf.

"Hier liegt etwas in der Luft, was meinen Geruchssinn beeinträchtigt und das Unwetter tut sein übriges, es verwischt Arkturs Duftspur."

Angestrengt dachte sie nach.

Wo würde man einen Zentauren hinbringen?

Da fiel ihr auf einmal etwas ganz anderes ein.

Was hatte Arktur noch zu ihr gesagt, nachdem er sie im Irrlichtwald ausfindig gemacht hatte?

"... er sagte, er konnte spüren, wo ich bin ...", murmelte sie nachdenklich zu sich selbst.

"Hä?", brummte Brindl, während Fjolken mit gesenkten Schultern neben ihr stand und sie beobachtete.

"Das Bonding – Arktur meinte, dadurch können wir erspüren, wo sich der jeweils andere befindet", brachte die junge Frau mit Hoffnung in der Stimme hervor. Und Fjolken musterte sie interessiert.

Ein wenig ungeduldig stampfte der Norade mit einem Vorderhuf auf den Rasen vor ihm auf:

"Schön, und wo ist er jetzt?"
 

Ja, wenn sie das so genau wüsste.

"Ich weiß nicht ... wie genau man das macht ...", gab sie nervös zu.

Da löste sich der bis eben noch gefangene Zentaur aus seiner Reglosigkeit und nahm eine Hand von Saoirse in die seinen, es war die mit dem geflochtenen Band aus Arkturs Haar um ihr Handgelenk.

"Ihr habt das Bonding begangen. Mein Onkel muss es gesegnet haben ... Dann müsst ihr euch sehr nahe stehen, du und mein Bruder.

... Du brauchst nichts zu tun, das was du brauchst, ist nicht in deinem Verstand zu finden, sondern in deinem Herzen. Höre auf deine Intuition und dann wirst du wissen, wo Arktur sich befindet."
 

Erstaunt blinzelte sie ihn an.

Saoirse hielt inne und versuchte raus aus ihren Gedanken und hinein in ihr Gefühl zu kommen.

Da ... sie konnte es tatsächlich spüren. Eine Richtung – ein Weg.

"Kommt mit mir", meinte sie knapp und schritt bestimmt voran, die Zentauren folgten ihr.
 

Als sie den großen Unterstand der Weideflächen fast erreicht hatten, hörte es auf zu regnen und der fortschreitende Nachthimmel klarte ein wenig auf. Schon von Weitem meinte Saoirse die Umrisse ihres Freundes zu erkennen und die der beiden Frauen.

Mit einer Mischung aus Wut, Aufregung und Hoffnung, Arktur bald wieder frei zu wissen, stellte sie sich den Zweien entgegen.

Eher verblüfft, die Frau ohne den Stallmeister und den Burschen zu sehen und noch dazu mit einem weiteren Pferdemenschen neben Brak im Schlepptau, verzog die Gutsherrin ihr Gesicht zu einer fies lächelnden Fratze.

"Was für ein gutes Timing, mein Kind. Ich wollte dich gerade holen lassen. Aber jetzt hast du das ja bereits selbst erledigt. Und wen hast du mir da noch mitgebracht? Ein genauso prächtiges Kerlchen, viel stärker als Brak. Der Schwarz-Braune könnte unseren Pflug sicher mit Leichtigkeit ziehen", höhnte die Frau provozierend.

Brindl atmete tief ein und wollte etwas entgegnen, doch Saoirse hielt ihn mit einer Handbewegung zurück.

"Du wirst hier keine Zentauren mehr versklaven", machte sie mit wütender Stimme klar.

"So so, und wer genau soll mich daran hindern? Du vielleicht oder der mitleiderregende Brak?"

"Sein Name ist Fjolken!"

Verächtlich winkte Eruch ab: "Wie auch immer, Pferdemenschen sind das, was ihr Name schon sagt: bessere Pferde. Dazu bestimmt uns zu gehören und zu dienen!"

"Das ist eine widerliche Lüge!", schrie Saoirse außer sich, wie konnten Menschen nur immer wieder solche Gedanken hegen?

Warum?
 

Für einen Augenblick schien Brindl abgelenkt und starrte über die Weide zum dichten Wald hinüber, als erspähe er dort etwas. Doch was es auch sein mochte, es schien nur er zu entdecken.

Nur einen Wimpernschlag später packte plötzlich jemand Saoirse von Hinten, der großgewachsene Stallmeister hatte sich unbemerkt angeschlichen und sich die junge Frau geschnappt. Der zweite Kerl kam mit zwei Fackeln in der Hand hinter ihm her. Grob hielt der Stallmeister sie mit einem Arm von hinten fest, sodass sie ihre Arme nicht freibekommen konnte, mit der anderen Hand hielt er ihr einen Dolch an die Kehle.

"Keine übermütigen Versuche, Pferdebastard!", brummte er und konnte sich ein gemeines Grinsen nicht verkneifen, als er zu Brindl herüber sah. Fjolken hingegen wirkte seit dem er Madame Eruch wieder sah, erneut wie versteinert.

Wütend schnaubte Brindl und scharte mit einem Huf auf dem Boden.
 

Wie beiläufig warf Arktur, der etwas weiter hinten im Unterstand verharrte, einen eher gleichgültigen Blick über die Schulter. Auf ein mahnendes Wort Injas hin, drehte er sich wieder zu ihr zurück.

Als allerdings Saoirse seinen Namen rief und ihre Stimme flehend, ja sich beinahe verzweifelt anhörte, weiteten sich seine Augen und er erwachte aus seiner Lethargie.

"Saoirse ...?", seine Stimme klang heiser und er blinzelte als erwache er gerade aus einem Traum. Mit einem Ruck an dem Seil wollte Inja ihn zur Vernunft bringen, doch der Zentaur schaute sie zunächst fragend und anschließend verärgert an.

"Was ... geht hier vor sich?", donnerte er, doch sein Körper gehorchte ihm noch nicht wieder völlig.

"Schnell, schneid ihr Band ab!", dröhnte die Stimme der Gutsherrin durch die Luft und der Stallmeister tat wie ihm geheißen. Mit einer geschickten Handbewegung durchtrennte er das Band an Saoirses Handgelenk und warf es der Herrin zu. Der andere Kerl hielt ihr eine der Fackeln hin.

In diesem Moment verstand Arktur, was sie vor hatte: "Nein!!"

Doch es war schon zu spät, das Band wurde auf die fast waagerecht gehaltene Fackel fallen gelassen, sodass es auf das brennenden Teil fiel und verbrannte.
 

Es handelte sich nur um ein Symbol und dennoch glaubte Saoirse in diesem Moment einen starken emotionalen Schmerz zu empfinden und ich wusste, dass Arktur das Gleiche empfand.

Und dann ging alles erneut ganz schnell.

Als der kleinere Mann versuchte, Arktur sein Band vom Arm zu schneiden, wehrte sich der Zentaur, in dem er auf die Hinterbeine stieg. Das Band wurde beschädigt, blieb aber an seinem Platz, zusammen mit einer blutenden Wunde. Inja und der Stahlbursche versuchten Arktur dazu zu bringen, wieder still zu stehen, in dem sie an seinem Seil zerrten und ihn beschimpften. Bei dem Gerangel fiel irgendwie die zweite Fackel zu Boden, auf das Stroh.
 

Flammen schlugen aus und das Feuer breitete sich im Inneren des Unterstandes schnell aus. Durch den Schrecken, der auch den Stallmeister befiel, schaffte es Saoirse sich aus dessen Griff zu befreien. Sie wusste nicht wieso, doch sie brüllte über ihre Schulter: "Brindl, bring Fjolken hier weg!! Sofort!!"

Dann sprang sie in den teils verqualmten und teils brennenden Unterstand, die Herrin und ihre Nichte oder die Männer konnte sie nicht mehr erkennen und es war ihr auch egal.

Wichtig war für sie Arktur.

Sie musste ihn retten, er schien sich noch nicht bewegen zu können. Die junge Frau hoffte inständig, dass ihre Anwesenheit den Bann lösen und sie ihn so retten könnte.
 

Keuchend erreichte sie ihn. Mit einer Hand tastete sie sich an seiner Hinterhand entlang bis zu seiner Vorderseite, da der Rauch ihr die Sicht vernebelte Seine Hände griffen nach ihr und halfen Saoirse, sich auf seinen Rücken zu setzen. Schnell befreite sie ihren Zentauren-Freund aus der Schlinge und rief ihm zu, er solle laufen.
 

Laufen!

Seine Beine gehorchten ihm plötzlich wieder, oder war es die liebevolle Freundschaft zu Saoirse die ihm neue Kraft verlieh?

Arktur preschte aus dem Unterstand hervor. Einfach darauf los.

In eine andere Richtung als alle anderen.


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