Kapitel  2: Eine  wichtige  Aufgabe

An jenem schicksalhaften Abend, als alle anderen Clanmitglieder der Cheiraden noch freudvoll den Einstieg es Erwachsenenalters der Altfohlen feierten, zogen sich Saoirse und Arktur still in ihre Unterkunft, einem kleinen Rundhäuschen das Waru genannt wird, zurück. Die gesamte Zentauren-Stätte bestand aus solchen Rundhäusern, die zum Großteil aus Holz und Steinen bestanden und im Inneren genug Platz für eine große Schlafstätte aus Heu, duftenden Kräutern und Decken boten sowie einige Ablageflächen, die Menschen als Schränke oder Tische bezeichnen würden. Auch wenn jeder Waru im Grund gleich aufgebaut war, ließen es sich die Zentauren nicht nehmen ihr eigenes Heim mit individuellen Verzierungen zu verschönern. Einige schnitzten filigrane Rahmen für den Eingang, andere schmückten ihre Wände von innen mit Waffen, Wandmalereien, Wandteppichen oder selbst gefertigten Schmuckstücken. Als Sohn des Fürsten bewohnte Arktur einen eher größeren Waru mit einem aufwendig durch Mustern verzierten Eingangsbogen, die Innenausstattung hielt er eher schlicht, nur ein kleiner Wandteppich mit einem darauf eingewebten Bildnis seines Urgroßvaters hing links neben dem Ausgang.
 

Nach einer Weile – sie versuchten zu schlafen, doch keiner fand genug innere Ruhe um wirklich einschlafen zu können – traute sie sich zu fragen: "Wie genau lautete die Prophezeiung. Ich meine, welche Worte benutzte der Seher genau?" Saoirse lag mit ihrem Kopf und Oberkörper halb auf Arkturs warmen Rückenfell. Ein wenig angestrengt rieb er sich die Augen und schien kurz nachzudenken. Dann meinte er sich zu erinnern: "Dunkelheit wird aufziehen, erst in deinem Herzen und dann auch über dein Volk."

"Hmm ...", gab die junge Frau nur von sich. Es brachte sie nicht weiter.

"Hast du den Seher gefragt, was genau er damit meint?"

Ein wenig fassungslos schnaubte der Zentaur: "Was genau kann man den daran nicht verstehen?"

"Ich meine ja nur ... manchmal sind die Dinge nicht so wie sie scheinen. Du kennst doch die Legende von deinem Namensgeber, dem sagenhaften Arktur."

"Bitte, Saoirse. Lass uns jetzt schlafen. Morgen steht ein wichtiger Tag an", winkte Arktur ab und drehte seinen Kopf von ihr weg und sprach einfach nicht mehr mit ihr. Obwohl sie ganz genau wusste, dass er über ihre Worte noch lange nachdachte, bis er lange nach ihr in den Schlaf fand.
 

Trotz der Feierlichkeiten standen alle jung Ausgewachsene noch vor Sonnenaufgang am Übungsfeld bereit, wo sonst das Training für allerlei Anlässe stattfand. Es lag ein wenig Abseits der Häuseransammlungen, die sich in Mitten des Waldes befanden und bestand zum einen Teil aus Sand und zum anderen aus kurz gehaltenem Gras. Natürlich ließ es sich Arktur nicht nehmen seine Pflicht wahrzunehmen. Als zweitältester Sohn des Zentauren-Fürsten lagen viele Augenpaare auf ihm, schließlich lag es an ihm sein eines Tages sein Volk so weise und in Wohlstand zu führen, wie sein Vater. Eine große Verantwortung für einen jungen Zentauren, aber er hatte noch Zeit in diese Aufgabe hineinzuwachsen.

Saoirse stand ein wenig Abseits von der in Reihe stehenden Gruppe die auf ihren Fürsten und ihre beiden Ausbilder warteten. Getragen von ihrer schönen Kaltblutstute Lillyloon, die mit ihrem dunklen Fell und der hellen Mähne nicht nur beeindruckend aussah, sondern auch immer wach und aufgeweckt wirkte. Sie überraschte ihre Reiterin oft mit ihrer Klugheit und stand ihr immer treu zur Seite. Die Stute und Arktur waren Saoirses engste Freunde und Vertraute, nachdem die junge Frau ihre eigene Familie an eine schlimme Krankheit verloren hatte, waren sie ihre neue Familie geworden. Die Beiden und das Volk der Zentauren.
 

Neben dem Palomino-Zentauren Arktur stand der Apfelschimmel-Zentaur Opalos. Der schöne Zentaur war nur unwesentlich jünger als der Fürstensohn. Die Geschichte seiner Vergangenheit trug sich aber alles andere als glücklich zu. Als junges Fohlen geriet er in die Hände der Menschen, als noch Krieg und Unfrieden zwischen den Völkern herrschte. Lange hatten die Zentauren nach dem kleinen Fohlen gesucht, doch nie gefunden. Dann starben seine Eltern, Arkturs Onkel und seine Tante, bei einem schweren Unfall. Die Trauer um die Eltern ließen auch die Hoffnungen schwinden, den kleinen Opalos jemals wieder zu sehen. Schließlich war es Saoirses beherztem Eingreifen zu verdanken, dass Opalos gerettet werden konnte. Um genauer zu sein befreite sie ihn nach vielen Jahren in menschlicher Gefangenschaft und päppelte den halb toten Zentauren, so gut sie konnte, wieder auf. Irgendwann schaffte sie es, sein Volk ausfindig zu machen und übergab Opalos in die liebevollen Hände seiner Familie.

Einer der Gründe warum die Frau von den Zentauren so akzeptiert wurde.

Doch auch nach der Wiederkehr des jungen Zentauren blieb Opalos Schicksal ungewiss, denn seine Gesundheit litt lange unter den schlimmen Erlebnissen und Misshandlungen der Menschen. Aber sein Lebenswille blieb ungebrochen. Er kämpfte, nach und nach wurde aus dem geschundenen und unterentwickelten Fohlen ein stattlicher Jungzentaur.
 

Opalos sah sehr zu seinem Cousin Arktur auf und durch seine einfühlsame Art konnte er offenbar die Anspannung in dessen Gesicht ablesen, obwohl sich der Palomino alle Mühe gab seine inneren Konflikte für sich zu behalten. Im Grunde konnte er es vor allen gut verbergen, nur nicht vor ihm und von seiner menschlichen Freundin.

"Machst du dir Sorgen, Arktur? Ich bin mir sicher, dass dein Vater dir die Aufgabe übertragen wird", schmunzelte Opalos und meinte es ehrlich. Er war eine treue und loyale Seele und würde ohne zu zögern sein Leben für Arktur geben. Beide liebten sich wie Brüder. Noch dazu hatte Opalos in den letzten Jahren ein unglaubliches Geschick im Umgang mit Waffen und Kriegskunst gezeigt. Ohne Zweifel zählte er zu einer der besten Jungkrieger seines Stammes, auch wenn er im Grunde eine sanfte Seele besaß.

Die Aufgabe – der Grund weshalb sie eigentlich alle hier versammelt waren. Arktur hatte es völlig verdrängt. Heute würde vom Fürsten ein Jungzentaur erwählt, der als Abgesandter ihres Stammes zu einem weit im Norden lebenden Zentauren Clan reisen müsste, um dort an einem angesehenen Wettkampf teilzunehmen. Eine Auszeichnung für den Einzelnen und ein wichtiger Beitrag, um das Friedens-Verhältnis mit den dort eher kriegerisch gestimmten Zentauren und ihrem eigenen Volk aufrecht zu erhalten. Die sogenannten Noraden lassen den Frieden mit Arkturs Heimatstamm, den Cheiraden, nur so lange walten, wenn sie wissen, dass die Cheiraden kräftige Krieger hervorbringen, ansonsten würden die Noraden versuchen Arkturs Stamm zu überfallen und sie alle zu versklaven.

Ein gutes zentaurisches Friedens-Verhältnis sähe wohl anders aus.
 

Das dumpfe Geräusch von mächtigen Hufen hallte durch die Luft und alle Zentauren nahmen eine stille und stolze Haltung ein. Der Zentauren Fürst Tristorion betrat flankiert von den Ausbildern Parron und Amibion das Feld. Alle drei boten einen beeindruckenden und mächtigen Anblick. Parron besaß hellbraunes Fell und blondes Haar, Amibions Fell glänzte schwarz, genau wie seine Haare, doch die edle Erscheinung der beiden Ausbilder wurden von Tristorions mächtiger Größe und königlicher Ausstrahlung um ein Weiteres überboten. Der Pferdekörper des Fürst erinnerte an den eines Shire Horse, seine Haare glänzten blau-schwarz mit ein paar wenigen weißen Farbanteilen, genau wie sein Körperfell und er besaß ein blaues sowie ein grünes Auge.
 

Beim Anblick seines Vaters stieg in Arktur ein mulmiges auf. Er hatte ihm noch nichts von seinem dunklen Geheimnis erzählt.

Die kräftige Stimme des Fürsten zerriss die erwartende Stille der Gruppe und richtete ein paar begrüßende Worte an seine Jungzentauren.

"Ich freue mich, so viele talentierte und starke Anwärter für die anstehende Aufgabe vor mir zu sehen. Ich weiß, dass jeder von euch ein würdiger Vertreter unseres Stammes wäre. Und dennoch kann es nur eine Entscheidung geben." Tristorion blickte stolz in die Runde. Für einen Moment schwieg er, dann wurde sein Blick ernst.

"Es gibt in diesem Sommer eine ungewöhnliche Änderung in unserer Tradition. In Absprache mit den Sehenden und den Weisenrat, wird unser Ausgesandter in diesem Jahr Opalos sein."
 

Stille.

Alle hatten gedacht, dass es Arktur werden würde.

Arktur – der angehende Zentauren-Fürst. Ohne eine sichtbare Regung blieb der junge Palomino an seinem Platz stehen. Er erkannte aus dem Augenwinkel wie Opalos fragend, fast entsetzt zu ihm schaute. Natürlich würde er es nicht wagen die Entscheidung seines Fürsten in Frage zu stellen.

Tristorion nickte Opalos zu und dieser erwiderte diese Geste entschlossen, wenn auch mit einem leichten Funken von Unsicherheit.

Unsicher, warum er und nicht Arktur erwählt worden ist.
 

In Arkturs Gedanken kreiste eine Frage: Wusste sein Vater von der Weissagung? Hatte der Sehende mit ihm darüber gesprochen, obwohl er eigentlich Stillschweigen bewahren müsste. Vielleicht weil es um das Wohl seines Stammes ging?

Als der Fürst sich umwand und den Platz verließ, rief der im Vorbeigehen:

"Arktur, du wirst Opalos begleiten. Dieses Jahr stellen wir zwei Anwärter."

Obwohl es viele Fragen gab, schien es aus der Sicht des Fürsten keinen Erklärensbedarf mehr zu geben. Er verließ die Gruppe.
 

Opalos schien erleichtert und konnte sich nun sogar ein wenig freuen, er würde mit seinem geliebten Cousin seinen Stamm bei einem wichtigen Wettkampf vertreten. Arktur hingegen stand einfach nur still dar. Wenn sein Vater von der verhängnisvollen Prophezeiung wissen sollte, so hatte er ihn offenbar nicht aufgegeben. Also würde er auch nicht aufgeben. Seinem Volk und auch Saoirse zu Liebe und auch für sich selbst.


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