Kapitel  11:  Das  Sternen-Fohlen

Die Gruppe von Zentaurinnen, ausgesuchten jungen Kriegern und Saoirse auf Cholems Rücken, erreichten ungefähr zur selben Zeit die schützenden Gebirgshöhlen. Zur Überraschung der Frau handelte es sich dabei nicht um nasse und dunkle Felsspalten, sondern um Höhlen, die ganz offensichtlich bearbeitet und zu recht komfortablen Behausungen umgebaut worden waren. Vielen kleineren Tunneln verbanden die größeren Höhlenräume miteinander. Fackeln und Feuerstellen spendeten im Innere ein behagliches Licht. Wandmalereien verschönerten die meisten der Räume. Sie wirkten wie Höhlenmalereien, aber viel sauberer und detaillierter. Es gab sogar Wasser an einigen Stellen und durch ein Belüftungssystem gelangte Frischluft von Draußen ins Innere der Höhlen.
 

"Das ist fantastisch, habt ihr das gemacht?", fragte Saoirse seine Zentaurin die gerade neben ihr ging. Sie nickte ein wenig schüchtern: "Unsere Ahnen haben es gebaut, für den Fall, dass wir uns zurück ziehen müssen. Zentauren leben nicht gerne in Höhlen, also sucht uns hier auch kaum jemand. Außerdem wurden sie so groß und geräumig wie möglich gestaltet, damit wir uns hier etwas wohler fühlen."

"Verstehe", nickte die Menschenfrau. Sie war mehr als beeindruckt. Geschickt ließ sie sich vom Rücken des kupferfarbenen Pferdemenschen gleiten und bedankte sich bei Cholem für seine Hilfe. Er nickte ihr freundlich zu.
 

"Hat jemand die Menschenfrau gesehen und den neuen Zentauren?", ertönte eine Frauenstimme, doch Saoirse konnte nicht sehen, wem diese gehörte. So hob sie eine Hand und rief: "Wir sind hier."

Erneut erklang die fremde Stimme: "Lasst sie durch, na kommt schon. Macht ihnen ein bisschen Platz, die Fürstin wünscht sie zu sehen." Pferdebeine traten zur Seite und bald schon schafften es die junge Frau und ihr zentaurischer Freund, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen.

Es dauerte nicht lange, da erkannten sie eine junge und schöne Zentaurin mit grauem Fell, dass in unterschiedlichen Grautönen getupft war und mit ihrem langen blonden Haar der Fürstin sehr ähnlich sah. Mit einem Lächeln nickte die Zentaurin ihnen zu und wies sie an, ihr zu folgen.
 

Durch eine Gewirr von Gängen, Saoirse wusste schon nach kurzer Zeit nicht mehr aus welcher Richtung sie gekommen waren, führte die Zentaurin sie in einen großen Raum, der an einigen Stellen gemütlich mit Stroh und frischem Heu ausgelegt war. Auf einer dieser Stellen lag die Fürstin. Sie sah angestrengt aus. Neben ihr knieten zwei weitere Zentaurinnen, ebenfalls jung und sehr hübsch, wie so ziemlich alle weiblichen Zentauren, aber diese Wesen strahlten eine ganz besondere Anmut aus. Auch diese Zwei trugen blondes, langes Haar. Das Fell, der offenbar Jüngsten, schimmerte grau-silber, fast wie die Klinge eines Schwertes und das Fell der anderen war schwarz und bildete so einen interessanten Kontrast zu ihren hellen Haaren.

"Ich habe sie gefunden, Mutter", sagte die eine und gesellte sich zu ihren Schwestern, die Saoirse und Cholem gleich darauf vorgestellt wurden.

"Wie schön, Saoirse, Cholem, setzt euch zu uns. Meine Tochter Ailees, habt ihr ja jetzt kennen gelernt. Darf ich euch noch Iraa und meine jüngste Tochter Lulai vorstellen."

Die Frau und der ungewöhnliche Pferdemensch setzte sich ebenfalls auf die weiche Auspolsterung, die noch dazu herrlich duftete. Die Zentauren-Schwestern sahen die Frau neugierig und aufgeschlossen an, offenbar hasste sie hier wirklich niemand, nur weil sie ein Mensch war – und das Zentauren Heer gerade gegen Menschen kämpfte ...
 

"Es ist schön, das du hier bist. Würdest du mir wohl die Ehre erweisen und bei der Geburt meines Fohlens dabei sein?", erkundigte sich die Fürstin Auralia mit sanfter Stimme.

Ihre Anwesenheit als Ehre?

Bei der Geburt eines Zentauren-Fohlens?

Natürlich wollte sie dabei sein, noch nie hatte sie miterlebt wie ein Zentaur das Licht der Welt zum ersten mal sah. Trotzdem kam Unsicherheit in ihr hoch. Zum einen wegen der letzten, tragischen Geburt die sie miterlebt hatte und zum anderen, weil sie doch ein Mensch war, ein gerade zu fremder noch dazu. Und da durfte sie einfach so während eines so persönlichen Momentes dabei sein?

"Aber ... ich bin doch ... ein Mensch ..."

"Ja, das ist mir auch schon aufgefallen", scherzte die Fürstin etwas amüsiert und die Schwestern kicherten leise. Dann fuhr Auralia fort, ihr Atem ging etwas angestrengter, doch ihr Lächeln war echt:

"Es ist schon in Ordnung. Weißt du, gibt es bei Menschen auch bestimmte Gaben? Ich meine solche, die es einem ermöglichen Dinge zu erspüren, die kommen werden?"

"Nun ja, einige behaupten das zu mindestens."

"Ich spüre Dinge auch bevor sie geschehen. Nicht immer und nicht was genau passieren wird, aber ich weiß, dass es wichtig ist, dass ihr jetzt hier seit."

Was sollte Saoirse dazu noch sagen? Sie nickte und lächelte.

"Kann ich etwas tun?"

Doch die Fürstin winkte freundlich ab: "Nein, es wird eine gute Geburt werden, das spüre ich ebenfalls." Sie legte sich ein wenig auf die Seite und atmete tiefer.

Hatte sie schon Wehen? Bei Menschen war es die Frau gewöhnt, dass die Gebärenden laut Stöhnten, die meisten schrien vor Schmerzen, aber diese Zentaurin atmete einfach nur tiefer und wirkte vollkommen auf sich konzentriert. Es beeindruckte Saoirse sehr. Noch mehr noch, als Auralia anfing zu erzählen: "Weißt du, Brindl war mein erstes Fohlen. Und er wollte einfach nicht auf die Welt, es war eine lange Geburt ... meine Töchter waren da nicht so schüchtern. Aber dieses Fohlen scheint es ... eilig zu haben ..."

Sie war eine erfahrene Zentaurin, sie kannte ihren Körper genau und wusste was zu tun war. Die Schwestern ließen ihre Mutter ebenfalls in Ruhe, alles blieb still. Eine der Schwestern winkte Saoirse zu sich, es war die älteste von allen, Ailees.
 

"Ich werde das Fohlen in Empfang nehmen, wenn es zur Welt kommt. Wenn du willst kannst du neben mir bleiben und zusehen." Aufgeregt nickte die Frau, sie fühlte sich so wie beim ersten Mal, als sie ihrer Mutter bei der Geburtshilfe zusehen durfte, um zu lernen. Nun ja, streng genommen handelte es sich ja auch um die erste Geburt, der sie beiwohnen durfte ... der eines Zentauren.

Wie lange es tatsächlich dauerte, konnte Saoirse nicht sagen, doch irgendwann glitt ein kleines Etwas in die Hände von Ailees, die behutsam und geschickt, sie machte das offensichtlich nicht zum ersten Mal, dem Fohlen aus der Fruchtblase half. Das Fohlen war schon vollkommen auf der Welt und hatte einmal kurz geschrien, um die Lungen vom restlichen Fruchtwasser zu befreien und mit Luft zu füllen, als Saoirse es genauer betrachten konnte. Sein Fell schimmerte vollkommen weiß. Selbst die menschliche Haut wirkte nahezu weiß, das Fell leuchtete wie Schnee.

War das normal?

Vielleicht kamen alle Zentauren so auf die Welt und bekamen erst später ihre Färbungen?

Allerdings verriet die Reaktion der Fürstin, als Ailees ihr das Fohlen in die Arme legte, das dem wohl nicht so sei.

"Es ist ein Sternen-Fohlen."

Fürsorglich streichelte die Zentaurin ihr Neugeborenes und legte es an die Brust, wo es anfing zu trinken, Auralia lächelte es mütterlich an.
 

Vorsichtig fragte Saoirse die Schwestern: "Was ist ein Sternen-Fohlen?"

"Ein weißes Fohlen, so wie er hier. Wir nennen es so, weil sein Fell leuchtet die Sternenlicht und auf seiner Stirn ein kleines sternförmiges Mal ist, das silbern schimmert, siehst du?" Behutsam warf sie einen Blick auf das säugende Fohlen, da konnte man wirklich so ein silbernes Mal erkennen. Oh, Saoirse war ganz verzückt von dem Kleinen.

"Es heißt außerdem, dass diese Fohlen mit besonderen Gaben zu uns kommen", fuhr Iraa fort.

"Besondere Gaben?"

"Ja, je nachdem in welchen Farben die Augen des Fohlen erstrahlen, sind ihm starke Fähigkeiten sicher. Bei Violett ist ihm große Weisheit zuteil, bei Grün eine außergewöhnliche Heilgabe, bei Braun ein überaus geschickte Kampfkraft und bei Blau wohnt in ihm eine geheimnisvolle Kraft."

Saoirse war sich nicht sicher, ob sie weiter fragen durfte, aber das mit der geheimnisvollen Kraft hatte sie noch nicht ganz verstanden.

Welche Augenfarbe das Kleine wohl hatte?

Noch hielt es die Augen geschlossen, oder die Menschenfrau hatte es nur einfach noch nicht mitbekommen.
 

Die wundervolle Ruhe und Erhabenheit dieses Momentes wurde je durch einen lauten Ausruf aus anderen Höhlen-Räumen zerstört:

"Menschen! Menschen! Sie haben uns verfolgt, wir werden angegriffen!!"

Die Menschen waren hier?

Das darf nicht wahr sein!

Sofort schlug Saoirses Herz bis zum Hals, alle standen auf ihren vier Pferdebeinen oder zwei Menschenfüßen.

"Was sollen wir tun?", fragte die Frau die Fürstin.

"Wir werden kämpfen", ihre Augen ließen keinen Zweifel, dass sie das ernst meinte.

"Kannst du kämpfen?", fragte die Gemahlin des Corion Cholem und dieser nickte. Dann sah sie zu ihren Töchtern:

"Ihr wisst, was ihr zu tun habt, geht und bringt die anderen Fohlen und Zentaurinnen, die nicht kämpfen können, in die hinteren Gänge in Sicherheit, Cholem, du folgst mir und du Saoirse ...", befahl Auralia nacheinander und sah dann die junge Frau an. Sie reichte ihr das kleine weiße Fohlen. Oh, es war so warm und weich und wunderschön. Fast hätte Saoirse vor Rührung geweint, doch sie musste sich zusammen reißen.

"Komm mit", erklärte die Fürstin und geleitete die Menschenfrau zu einen kleinen Gang am Rande des Raumes.

"Hier, ich vertraue dir mein Fohlen an, ich kann es nicht mit nach Forme nehmen, es wäre zu gefährlich. Die anderen Fohlen sind in Sicherheit, aber meinen Sohn lege ich in deine Hände, ich weiß, dass alles gut wird. Hier dieser Höhlengang ist zu klein für einen ausgewachsenen Zentauren, aber du und der Kleine passt hier durch. Geh nach draußen und verstecke dich, bis wir kommen und euch holen."

Sie gab dem Fohlen einen Kuss auf die Stirn und Saoirse legte sie kurz eine Hand auf dem Kopf. Es wurde lauter, Kampfgeschrei erklang in den Höhlen.

"Geh schon!"

Und Saoirse hat schweren Herzens, was von ihr verlangt wurde.
 

Behutsam robbte sie mit dem Fohlen auf dem Schoss, halb liegend, durch den schmalen Gang. Irgendwie sah sie kein Tageslicht näher kommen, also musste die Strecke noch länger sein. Um so erstaunter war sie, als ihr Fuß plötzlich keine steinigen Boden mehr fühlte. Sie kroch nach draußen ins Freie, es war tiefe Nacht. Alles um sie herum erschien still, sie hörte auch kein Kampfgeschrei mehr. Der Mond stand voll und hell am Himmel und spendete so ein wenig Licht. Unweit von ihr gab es ein paar Bäume und Gebüsch. Das Fohlen in ihrem Arm bewegte sich ganz leicht, sie drückte es sanft an sich und schunkelte leicht hin und her. Hoffentlich blieb der Kleine so ruhig wie jetzt, damit niemand sie findet, der sie Beide besser nicht finden sollte.
 

Mit schnellen Schritten ging Saoirse zu den kleinen Wäldchen herüber und versteckte sich dort. Sie setzte sich auf den Boden und lehnte an einen Baum, während sie das Fohlen im Arm hielt.

"Es wird alles gut, Kleiner."

Entspannt nuckelte das Zentauren-Fohlen am Daumen. Mit einer Hand strich sie dem Kleinen über das kurze weiße Haar, es fühlte sich so weich und samtig an. Da erst bemerkte sie, dass er die Augen geöffnet hatte und sie damit ansah.

Es waren blaue Augen.

Blaue Augen!

Blaue Augen ...

... blaue Augen ...

Plötzlich wurde sie so müde. Ihr fielen die eigenen Augen zu, aber sie hielt das Kleine immer noch sicher im Arm. Sie schlief nicht, aber für einen Moment schien sie wie in einem Traum zu sein.
 

Dumpfe Geräusche von Hufen klangen an ihr Ohr und Saoirse war plötzlich wieder ganz bei sich und fühlte sich ausgeruht. Der Kleine in ihrem Arm schlief. Saoirse fiel ein Stein vom Herzen, das mussten die Zentauren sein, die sie Beide suchten. Sie stand auf, um sich zu erkennen zu geben und ... erstarrte.

Es waren keine Zentauren, sondern Menschen auf Pferden.

Einer von ihnen war der Burgherr.


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