Kapitel  10:  Waffen  und  Stolz

Niemand vermochte in dieser Nacht richtig zu schlafen. Unablässig hörte man Schritte von geschäftigen Hufen und gedämpften Stimmen. Arktur und Opalos kamen erst spät in die Unterkunft zurück, wo Saoirse und Cholem warteten und vergeblich versuchten ein wenig Schlaf zu finden.
 

Irgendwann fanden sie dann doch etwas Ruhe, wenn auch nur für kurze Zeit, denn noch bevor die Sonne am Horizont aufging, sammelten sich die Zentaurinnen und Fohlen, sowie ein paar Krieger zur Eskorte, vor der Arena. Zu Saoirses Überraschung sahen nicht alle Zentaurinnen so aus, als seinen sie schutzbedürftig, viele trugen rüstungsähnliche Kleidungen über ihre menschlichen Oberkörper, einige führten sogar Waffen mit. Bei den Cheiraden gab es zwar auch ein paar wenige Kriegerinnen – aber eben nur eine Hand voll. Hier machten gut die Hälfte der weiblichen Pferdemenschen den Eindruck als könnten sie bereitwillig in den Kampf ziehen.

"Die Zentaurinnen werden sich größtenteils selbst schützen, es begleiten sie nur wenige Krieger", erklärte Arktur seiner Freundin auf die Frage hin, die er ihr von den Augen abgelesen hatte. Als sie ihn verwundert, über die unverhoffte Antwort, mit großen Augen ansah, musste er lachen.

"Warum lachst du?", fragte sie.

"Weil du mich ansiehst, als würde es dich wundern, dass ich weiß was du denkst."

"Und woher weißt du was ich denke?"

"Ich kenne dich", sein Grinsen wurde noch breiter.

Sie gab ihn mit dem Ellenbogen einen leichten Hieb gegen seine Pferdeschulter.
 

Die Gruppe begann sich in Bewegung zu setzten, mit der Fürstin und zwei Kriegern an der Spitze. Schnell umarmte Saoirse Arktur und Opalos zum Abschied: "Bitte passt auch euch auf, ich will euch gesund wieder sehen."

"Wir dich auch."
 

Die noradeschen Krieger sahen ihren Frauen nach und widmeten sich dann ihren Vorbereitungen. Corion schickte Späher, um das mögliche Menschenheer frühzeitig auszumachen.

"Was wenn sie nicht kommen?", meinte Opalos und hinter ihm tauchte urplötzlich der Fürst auf:

"Sie werden kommen."

Auch Brindl erschien, jedoch neben Arktur. "So wie es aussieht, werden wir jetzt doch noch Waffenbrüder, Cheirade", grinste der Noraden-Prinz ein wenig freundlich, jedenfalls so freundlich wie er es eben konnte. Seit der Offenbarung von Gestern, wirkte er nicht mehr so feindselig.
 

Als die Sonne den Himmel langsam in ein wunderschönes Orangen tauchte, gab Corion seinem Heer den Befehl sich in Bewegung zu setzten. Er würde es den Menschen nicht erlauben, sein Volk in ihrer eigenen Stätte anzugreifen, wie zusammengepferchte Kaninchen. Das Zentauren-Heer machte sich einige Galoppweiten auf in Richtung der Menschenfestung. Auf halben Weg, nach dem dichten Wald, erstreckte sich ein weites Wiesenfeld. Hier gab es keine Deckung für die Menschen, wo sie die Pferdemenschen in einen Hinterhalt locken könnten, sie würden sie kommen sehen, die Menschen allerdings sahen sich einem Gegner gegenüber, dessen Kriegerschar sie nicht gleich ausmachen konnten, weil sie nicht wissen können, wie viele Zentauren sich möglicherweise noch im Wald verstecken würden. Das war ein Vorteil. Corion wusste dies und er würde alles nutzen, um sein Volk zu schützen. Schon öfter hat es Übergriffe gegen seinesgleichen gegeben, ohne dass die Zentauren die Menschen provoziert hätten. Sie interessierten sich nicht besonders für ihre zweibeinigen Nachbarn und kümmerten sich um ihre eigenen Angelegenheiten. Aber Zentauren gehörten nicht zu den Wesen, die sich alles gefallen ließen.
 

"Wir werden hier warten", befahl der Fürst und das Heer zog sich zum Großteil in die Deckung des Waldes zurück. Das Oberhaupt der Noraden nahm seinen Sohn sowie Arktur und Opalos zur Seite.

"Habt ihr schon einmal gegen Menschen gekämpft?", wollte der erfahrene Zentaur von den zwei Cheiraden wissen. Der Palomino antwortete für sie Beide: "Nein, der Krieg zwischen den Cheiraden und ihren menschlichen Nachbar wurde schon vor vielen Jahren beendet."

"Das dachte ich mir. Nun, gegen einen Menschen zu kämpfen ist bei weitem nicht das Selbe, wie gegen einen unserer Rasse. Mit Rücksicht auf deine kleine Freundin möchte ich nicht sagen, dass alle Menschen hinterhältig und ehrlos sind, aber für viele – für so gut wie alle Krieger, die mir auf dem Schlachtfeld gegenüber standen – gilt das leider. Sie werden mit allen Mitteln versuchen euch auf den Boden zu bekommen, um ihren letzten Schlag anzusetzen. Achtet auf eure Beine, aber auch auf alles andere. Oft versuchen Menschen zu mehreren auf einen von uns loszugehen, ein paar lenken ihn ab, während ein anderer menschlicher Krieger versucht von hinten auf den Rücken einer der unseren zu springen, um uns aus dem Hinterhalt die Klinge durch die Kehle zu ziehen. Das sind nur einige der Möglichkeiten, die sie gegen uns anwenden, deshalb müsst ihr immer im Verbund kämpfen, zu mehreren, um euch gegenseitig zu schützen. Habt ihr das verstanden?"

Arktur schüttelte es innerlich über diese unehrenhafte wie grausamen Herangehensweisen. Er wollte im Grunde auch keine Menschen töten, Saoirse zu Liebe. Und doch würde er sich bald vielen von ihnen gegenüber stellen müssen. Vielleicht könnte er versuchen sie nur zu verwunden und möglichst nicht zu töten? Aber er musste auch seine Waffenbrüder schützen. Krieg und Kampf war etwas Schreckliches! Der Palomino schluckte und nickte auf Corions Frage hin. Dann verließ der Fürst die drei jungen Zentauren.
 

Brindls hatte Arktur lange beobachtet und geschwiegen, erst jetzt ergriff er das Wort:

"Du glaubst es mir vielleicht nicht, aber ich kann verstehen, was in dir vorgeht."

Verblüfft starrte Arktur den Noraden an.

"Ach, kannst du das?", seine Äußerung klang nicht feindselig, Arkturs Stimme klang eher nachdenklich.

"Ja, wir alle lieben Kämpfe – Schaukämpfe, um unsere Kräfte zu messen, aber niemals um zu töten. Kein Zentaur würde einfach so Zentaurenblut vergießen oder das Blut eines Zweibeiners. Wir töten nur auf der Jagd und dann nur für Essen, um unser Volk zu nähren. Wir sind Krieger und stolz darauf, aber auf ein Blutbad sollte niemand stolz sein. Keiner will hier wirklich Blut vergießen, Arktur, aber wir müssen uns gegen die Angreifer wehren. Du hast gehört, was sie mit deiner Freundin und ihrem Pferd gemacht haben. Wenn Cholem nicht gewesen wäre, ... wer weiß."

Mit einer Hand umfasste der Palomino den Griff seines Schwertes, das um seinen Körper geschnallt war, an der Stelle wo seine Haut in das Fell überging. Dann nickte er Brindl zu. Er glaubte ihn, in seinen Augen funkelte nichts böses oder hinterhältiges mehr.
 

"Warst du jemals unser Feind? Ich meine, am Anfang da hast du ...", sprach Arktur mit ruhiger Stimme und beobachtete sein Gegenüber genau. Opalos schwieg wie so häufig und beobachtete die Beiden eindringlich. Brindl warf seinen Kopf etwas zurück und lachte kurz: "Nein, ich bin ein Zentaur und ihr seit auch Zentauren, wie könnten wir Feinde sein? Es gehörte einfach zu meiner Aufgabe in der Prüfung euch ein wenig aus der Reserve zu locken."

"Und was ist mit Saoirse?", fragte Arktur weiter. Und der Braun-Schwarze zuckte versöhnlich mit den Schultern:

"Sie gehört zu euch, wenn sie eure Freundin ist, gibt es für uns keinen Grund ihr zu misstrauen. Die Sache mit der Burg haben wir allerdings falsch eingeschätzt. Wir dachten nicht, dass es gefährlich werden könnte ..."

"Sag das lieber Saoirse", brummte der Goldfarbende jetzt etwas missmutiger.

Entschlossen nickte Brindl: "Das werde ich."
 

Die Späher galoppierten auf das Heer zu. Corion kam ihnen entgegen, nach einem kurzen Austausch wandte sich der Fürst an sein Volk: "Sie kommen, macht euch bereit!"

Diese knappen Worte zeigten Wirkung, alle wussten wo ihr Platz war, versicherten sich noch einmal, dass ihre Waffen griffbereit bei sich trugen. Die meisten Krieger warteten im Wald, nur wenige, so auch Arktur, Opalos und Brindl, die nun für diese Schlacht einen Verbund bilden würden, standen in der Nähe ihres Fürsten.

Und dann zeichneten sich die Silhouetten von menschlichen Schatten und Speeren ab, die näher kamen. Auch sie stoppten in einiger Entfernung und sandten vorerst einen Boten aus. Corion trat einige Schritte vor sein Volk, nur unweit hinter ihm standen zwei Krieger, offenbar seine Leibgarde, jeder von ihnen trug eine mächtige Axt, dessen Schneide schwarz glänzte und gut zwei Köpfe größer war, als die Schädel ihrer Träger.
 

Der Bote brachte sein Pferde einige Schritte vor dem Fürsten zum stehen. Dann sprach er:

"Mein Herr Dordmior ist gekommen, um seines Sohnes wegen Vergeltung zu üben. Euer Volk hat sich des abscheulichen Verbrechens, des Mordes, schuldig gemacht. Doch mein Herr würde von einem Kampf absehen, wenn ihr eure Schuld eingesteht und ihm das Blut eines, wie nennt ihr es, Fohlens opfert. Eines Fohlens aus eurer Fürsten-Hierarchie."

Die Augen des Fürsten funkelten vor Wut und Bestürzung: "Wir werden keinen Schuld auf uns nehmen, die wir nicht begangen haben! Was für eine feige und ehrlose Forderung erlaubt sich dein Herr? Es wird kein Blut eines Fohlens vergossen, wir werden unser Volk vor euch verteidigen, wenn es so sein soll!"

Der Bote fragte noch einmal leicht hochnäsig nach: "Ist das alles, was ihr zu sagen habt, Zentaur?" Demonstrativ schwieg Corion über so eine unangemessene Art, an ihn das Wort zu richten und der Mann wendete sein Pferd.
 

Das Blut eines Fohlens? Das war die Genugtuung für den Burgherren? Ekel überkam Arktur bei einem solch schrecklichen Gedanken. Aber er musste das alles jetzt aus seinem Kopf kriegen. Seine Gedanken mussten vollkommen ruhig und fokussiert sein, seine Sinne wach, sein Verstand so schnell und flink wie seine Muskeln, der Kampf stand kurz bevor.

"Ich habe gesehen, wir ihr kämpft", gab Brindl zu. "Ihr seit mehr als herausragend. Verlasst euch auf euer Können."

Die zwei Leibwächter Corions traten dichter zu ihrem Fürsten, sie reichten ihm die Äxte, die sie zuvor selbst getragen hatten und er nahm sie jede in eine Hand. Die anderen Zentauren sahen das als Zeichen ihre erste Waffe breit zu machen, Schwerter wurden aus ihren Scheiden gezogen, Äxte in den Händen gedreht, Speere bereit gehalten und Pfeile aus ihren Köchern geholt. Alles wartete still auf das Zeichen des Fürsten.
 

Aber er wartete, auch als die Menschen sich in Bewegung gesetzt und mit lauten Kampfgebrüll über das leicht hügelige Feld auf sie zu stürmten, dauerte es noch einen Moment, bis Corion einen Befehl gab und das zentaurische Kriegshorn weit über die Landschaft zu hören war. Dann erst preschten hunderte von Pferdekörpern nach vorne, ihren Angreifen entgegen.

Wie im Rausch trugen Arkturs Hufen ihn mühelos über die Graslandschaft. Er würde alles geben, ein kurzer Blick zu Brindl zu seiner rechten und Opalos zu seiner linken, versicherte ihm, dass auch sie bereit waren.

Töten, nur wenn es sich nicht vermeiden ließe, aber sein Volk würde er beschützen, in diesem Moment waren die Cheiraden Eins mit den Noraden.


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