Kapitel  1: Die  Weissagung

Es gab unzählige Geschichten die sich sein Volk erzählten. Epische und auch ganz kleine Erzählungen, die von Ehre, Stolz, Hoffnung oder Weisheit, aber manchmal auch von Glück und Heilung berichteten. Einst lauschte er selbst in jungen Fohlenjahren diesen Erzählungen, mit großen Augen und wachsender Begeisterung. In den meisten kamen eine Art Prophezeiung oder Vorhersage von den Sternen oder einem Sehenden vor, die die Geburt eines neuen Helden ankündigte oder half ein schlimmes Unglück zu verhindern.
 

Doch als Arktur an jenem Abend in den Sternenhimmel schaute und sich all das in Erinnerung rief, fühlte es sich für ihn bitter an. Es gab eine neue Weissagung, ein neuer Blick in seine eigene Zukunft. Alle Zentauren erhalten, wenn sie dem Fohlenalter entwachsen waren, eine Art Blick in ihre Zukunft, von einem der Sehenden. Das Ganze findet im Rahmen eines freudiges Fest statt, voller Musik, Tanz und gespannten Warten auf die neuen Weissagungen. Sie sollen einem den Weg leuchten oder helfen diesen zu finden. Doch in Arkturs Fall war es ganz anders gekommen.

"Großer Arktur, was habe ich nur getan ...", murmelte er mit einer Mine die fast an ein schmerzverzerrtes Gesicht erinnerte. Dabei hatte er gar nichts getan – noch nicht. Alles kam ihm so unwirklich vor. Er – der nach einem sagenhaften Zentauren benannt worden war. Er – der als erwachsener Zentaur seinen Mut und seine Kraft immer in den Dienst seines Volkes stellen wollte. Er sollte jetzt ...
 

"Was machst du hier so alleine?", eine ihm wohl bekannte Stimme riss ihn aus seinen quälenden Gedanken. Dabei brauchte er sich gar nicht umzudrehen, es war Saoirse, seine beste Freundin. Was ungewöhnlich war, denn sie gehörte nicht zu seinem Volk, dem der Zentauren, sondern zu den Menschen. Als Einzige ihres Volkes durfte sie bei ihnen leben, um zu lernen und zwischen ihrem und seinem Volk zu vermitteln. Saoirse besaß ein beachtliches Wissen über Heilkunst, obwohl sie gerade etwas über 30 Sommer zählte, was für eine angesehene Heilerin noch recht jung war. Sie und Arktur verband eine enge und tiefe Freundschaft, fast so wie bei Geschwistern.
 

Saoirse verschränkte die Arme vor der Brust, ihre hellen Haare hingen ihr gelockt über die Schultern und sie sah ihren Freund mit ihren blauen Augen prüfend an, auch wenn er ihr gerade den Rücken zudrehte.

"Arktur, was ist los?", ihre Stimme klag herausfordernd, aber auch herzlich. Sie wusste zwar nicht, was sich im Zelt des Sehers zugetragen hatte, aber so wie es aussah, musste es ihren Freund sehr beschäftigen. Der Zentaur atmete einmal tief durch, er wusste genau, dass sie keine Ruhe geben würde, bis er ihr die Wahrheit sagen würde. Und in seinem Inneren fühlte er Dankbarkeit für ihre Freundschaft. Er wollte es ihr sagen, diese qualvolle Gewissheit mit jemanden teilen, dem er vertrauen konnte. Und dennoch fiel es ihm unsagbar schwer es mit seinen Worten wiederzugeben. Das bedeutete, sich alles noch einmal in seiner vollen Tragweite vor Augen führen zu müssen, dabei würde Arktur es zu gerne einfach nur vergessen.
 

Für eine Weile wanderte sein Blick den kleinen, mit Gras bewachsenen Hügel herunter, hinaus auf still darliegende seichte Wiesen, die an jenen Wald angrenzten, in dem sein Clan seit Generationen lebten. Schließlich drehte er sich langsam um, sein goldgelbes Fell und seine silberweißen Haare erhielten einen matt blauen Glanz durch den auf die Beide herab leuchtenden Sternenhimmel, seine violetten Augen wirkten in diesem Licht fast dunkel-blau. Als Saoirse sein Gesicht sah, wusste sie sofort, dass etwas überhaupt nicht stimmte. Sie ging auf ihn zu und nahm seine linke Hand in ihre: "Was ist passiert?"
 

Arktur zog seine Hand aus ihrer und fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar, dass er offen und lang trug. Dabei drehte er sich ein Stück von ihr weg. So etwas hatte er noch nie zuvor getan. Jetzt begann Saoirses Herz schneller zu schlagen und große Sorge machte sich bei ihr, in Form von einem dumpfen Gefühl in der Magengegend, breit.

"Du solltest dich in Zukunft von mir fernhalten. Das ist besser für dich!"

Darauf erschrak sie noch mehr. Und wusste sofort, dass sie genau DAS ganz sicher nicht tun würde.

Sie sagte nichts. Dann sprach er weiter: "Der Seher meinte, dass sich mein Herz verdunkeln würde und ich meinem Volk großes Leid zufügen werde."

Seine Stimme erstarb und es schien so, als konnte er nur mit Mühe verhindern in Tränen auszubrechen. Saoirse verstand das nicht und es tat ihr weh ihren Freund, der sonst so stark und selbstbewusst war, so aufgelöst zu sehen. Doch sie wusste eines ganz genau, sie würde bei Arktur bleiben.
 

Vertrauensvoll legte sie eine Wange auf sein weiches Fell und strich ihm mit einer Hand über den Rücken:

"Es ist mir egal was der Seher gesagt hat, es wird so nicht geschehen, hörst du? Auch Seher können nur das voraussehen, was sich mit hoher Wahrscheinlichkeit entwickeln wird, aber nichts von alledem ist in Stein gemeißelt. Du wirst nicht böse werden und auch deinem Volk keinen Schaden zufügen. Ich bin deine Freundin und lasse dich nicht alleine."

Gerührt blickte er über seine Schulter zu ihr herüber. Ihr Lächeln schenkte ihm neuen Mut. Vielleicht hatte sie Recht – sie musste einfach Recht haben.


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