Kapitel  6:  Vorfälle  ohne  Vorwarnung

Der Morgen kam für mich viel zu früh und Runen musste mich mehrfach anstupsen, um mich wach zu bekommen. Nachdem ich mir allerding in Erinnerung rief, was sich Gersten alles zugetragen hatte, war ich schlagartig wach.

Ich beobachtete Runen, wie er sich ein lederndes Band mit einigen Edelsteinen daran, um den rechten Unterarm band.

Wie auf eine Frage hin sagte er zu mir: „Mein Saphilit, es ist vergleichbar mit euren Kommunikationsmitteln, nur dass sie nicht elektrisch sind.“

Interessiert ging ich zu ihm hin und betrachtete das Band genauer. Neben kleinen Edelsteinen gab es einen größeren oval flachen Stein, der smaragd-grün leuchtete und direkt mit der Haut des Centauryn in Kontakt stand.

„Und wir funktioniert es dann?“

„Auf natürliche Weise oder wie ihr sagen würdet, übernatürlich. Diese Steine können Erinnerungen oder Gedanken speichern und sie an andere übermitteln, alleine mit der Kraft unseres Willens. Sie dienen als Unterstützung für eine Fähigkeit, die ihr als Telepathie beschreibt.“

Mit großen Augen schaute ich ihn an. „Versteht …“

„Wirklich?“, fragte er belustig mit hochgezogenen Augenbrauen, denn mein Gesichtsausdruck verriet wohl das Gegenteil.

Daraufhin seufzte ich: „Nein, ertappt.“

„Ich bringe es dir bei, wenn du willst.“

Staunend sah ich ihn an: „Ist das dein Ernst? Kann ich so etwas denn lernen?“

„Jeder kann das. Die früheren Menschen haben das auch gekonnt.“
 

. . .
 

Die morgendliche Luft wirkte wohltuend auf mich und ich sah mich erneut neugierig um, während Runen mir den Weg vorgab. Unterschiedliche Centauryn kreuzten unseren Pfad, sie nickten Runen zu und schauten mich erwartungsvoll an, keiner wirkte abweisend oder abwertend wie Agarmendon. Nachdem was ich gestern Abend über die gemeinsame Geschichte der Menschen und Zentauren-Wesen erfahren durfte, schien mir das mehr wie verwunderlich. Sollte mein Anblick sie nicht eher in Sorge versetzen? Ich fühlte mich glücklich, dass dem offenbar nicht so war.

Jeder der Centauryn sah jung und vital aus, ich erkannte zwar viele, nach meinem Verständnis nach, ausgewachsene Zentauren-Wesen, aber keiner wirkte wirklich alt, so wie zum Beispiel mein Großvater Erait. Außerdem fielen mir abermals ihre wundervollen einzelnen Merkmale auf, einige besaßen Fell- und Haarfarben in eher ungewöhnlichen Tönen, die an Wasser oder das Grün der Bäume erinnerte, ihre Haare wirkten weich und geschwungen, wie der Lauf eines Flusses oder verspielt und kraftvoll wie die von Runen, die mich unweigerlich an Feuer denken ließen.
 

So als hätte er meine Gedanken gelesen, erklärte mein Centauryn: „Wir alle sind in bestimmte Elemente der Natur-Magie hineingeboren worden, unabhängig davon, ob unsere Eltern dieselbe Kraft besitzen oder nicht. Unsere Seele entscheidet über Fähigkeit und Ausmaß unserer Kräfte, doch einen Großteil davon müssen wir uns erarbeiten und im Laufe unseres Lebens lernen, diese Fähigkeiten auszubauen und sie angemessen zu kontrollieren. Dabei besitzt jeder eine Haupt- oder auch Natur-Magie genannt und zwei bis drei weitere Essenzen, das sind Fähigkeiten, die die Hauptkraft ergänzen und ausbauen können.“

„Das klingt unglaublich faszinierend, Runen.“

„Und? Errätst du, welche Kraft meine Natur-Magie ist?“

Dafür musste ich nicht lange grübeln: „Feuer?“

Er grinste vergnügt und ich lächelte zurück.
 

„Ihr scheint euch ja wundervoll zu amüsieren!“, brummte eine mir mittlerweile bekannte Stimme und wir standen vor Agarmendon, der seine Hände in die Hüften stemmte und uns missmutig von oben herab musterte.

„Goldener Laurin, Bruder“, nickte Runen seinem Bruder zu und dieser erwiderte die Worte ebenso, es musste sich wohl um eine Art Grußformel handeln.

„Vater ersucht euch zu sehen“, erklärte der dunkle Centauryn dann knapp, machte kehrt und setzte seinen Weg ohne ein weiteres Wort fort.

„Er meint das wirklich nicht so, Agarmendon ist einfach … so“, versuchte Runen das Benehmen seines Bruders zu erklären, doch mal abgesehen davon, dass er mich manchmal damit verunsichert oder wütend machte, fing ich an, das einfach so hinzunehmen, wie offenbar alle hier.

„Du brauchst ihn nicht zu entschuldigen, er hat sicher seine Gründe …“

Wir setzten unseren Weg fort und würden gleich zum riesigen Gebäude des Centauryn-Oberhauptes abbiegen. Aber dazu sollte es nicht mehr kommen.

Die Erde bebte wie aus dem Nichts leicht, ein Grollen erklang und verstarb zugleich, laute Schrei ließen uns aufhorchen. Das Beben erstarb und Runen hievte mich mit einem Arm auf seinen Rücken, es war das erste Mal, dass ich von meinem Centauryn getragen wurde und ich konnte es nicht einmal genießen, denn wir eilten in jene Richtung, aus der die Rufe zu uns durchgedrungen waren.
 

Ein Stück außerhalb der Stadt fanden wir eine kleine Ansammlung von Centauryn, zwei junge Mütter und ihre drei Fohlen. Mit erschrockenen Gesichtern drängten sich die Kleinen an die Beine ihrer Mütter. Vor ihnen baute sich eine große Erdspalte auf, die offenbar weit in die Tiefe ragte.

„Seid ihr verletzt?“, rief Runen der Gruppe zu und eine der Centauryn, mit hellem gelocktem Haar und sandfarbenem Fell schluchzte verzweifelt: „Dieser Erdriss tauchte plötzlich auf und ein Elementale wollte unsere Fohlen holen. … Dein Bruder ist gekommen und hat uns gerettet … aber er selbst ist hinuntergestürzt!“

Ein Schreck durchzog meine und Runens Glieder gleichermaßen.

„Wir können ihn noch sehen, er ist auf einem Felsvorsprung gelandet, doch keiner von uns kann ihn erreichen“, fügte die zweite Centauryn mit rötlichem Haar und braunem Fell hinzu. Ich glitt von Runens Rücken und gemeinsam gingen wir vorsichtig zum Rande des Spaltes heran und blickten in dessen Abgrund. Eine steile Tiefe eröffnete sich uns und recht weit weg von uns erkannten wir Agarmendon.

„Was sollen wir tun?“, fragte eine der Centauryn und Runen schickte sie los, ihren Vater und Hilfe zu holen.

„Ich habe eine Idee, Runen. Wir wissen nicht, ob dein Bruder bei Bewusstsein ist, also lass mich mit einem Seil runter und ich befestige ein zweites Seil an seinem Körper, dann könnt ihr ihn hochziehen, was meinst du?“
 

Runen wirkte betäubt vor Sorge um seinen Bruder und nickte stockend.

„Ich bringe euch, was ihr braucht“, erklärte sich die zweit Centauryn bereit und nahm das verbliebene Fohlen mit sich.

Es verstrich nicht viel Zeit, doch es kam uns vor wie eine Ewigkeit. Runen rief ein paar Mal nach seinem Bruder, doch wir erkannten keine Reaktion.

Die Centauryn mit den Seilen kam als erstes zurück und so verloren wir keine weitere Zeit. Natürlich würde ich lügen, wenn ich sagen würde, dass es mir nichts aus machte den dunklen Schlund herunter zu hangeln, doch die Sorge um Agarmendon wiegte viel höher.

Immer finsterer wurde es um mich und je näher ich dem Centauryn kam, je öfter sprach ich ihn mit seinem Namen an, in der Hoffnung, ich würde eine Regung von ihm erkennen. Die Geräusche in diesem Spalt waren gedämpft, ich wusste nicht einmal, ob ihn meine Stimme überhaupt erreichte.
 

Neben Agarmendons massigem Körper gab es noch ausreichend Platz für mich, meine Füße auf dem Felsvorsprung zu setzen. Im Halbdunkeln erkannte ich nicht gleich das ganze Ausmaß, erst als mir Runen das Ende des zweiten Seils zu warf, hatten sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt und gleichzeitig schnürte es mir die Luft vor Entsetzen ab. Agarmendon konnte sich deshalb nicht rühren, weil er von etwas festgehalten wurde, schlimmer noch, lange riesige Fangarme zerrten an seinem Hals und Oberkörper, nur mit den Armen, die sich auf dem Vorsprung mit all seiner Kraft abstützten, konnte er verhindern, dass ihn die Lianen, zu was auch immer sie gehörten, in die tiefe zerrten. Ich konnte nicht erkennen, welches Wesen dort unter lauerte und ich wollte es auch überhaupt nicht wissen.

Doch was konnte ich nun unternehmen? Ich führte keine Waffe bei mir – nicht das ich darin geübt gewesen wäre, wie man überhaupt eine benutzt, selbst wenn ich sie bei mir gehabt hätte.
 

Er befand sich in einer Art Trance und seine Kräfte schwanden immer weiter. Ohne nachzudenken sagte ich seinen Namen und da schien es, als bemerkte er mich zum erstem Mal. Erschrocken öffnete er seine Augen und in jenem Moment musste seine Kraft nachgelassen haben, vielleicht durch meine Schuld. Das Wesen riss ihn ein Stück näher zum Abgrund, doch ich schlang meine Arme um seinen Pferderücken und schrie entsetzt: „NEIN!!“

Was dann geschah, verstand ich zunächst nicht, denn die Fangarme gaben Agarmendon frei und verschwanden im dunklen Schlund. Er keuchte und rang angestrengt nach Luft, ich hingegen ließ keine unnötige Zeit verstreichen und band ihm mit zitternden Händen mehrere Male das zweite Seilende um den Rumpf. Erst als ich mit meiner Arbeit fertig war, sah mich der Centauryn benommen an.

„Was … tust du … hier?“, keuchte er heiser.

„Wir holen dich hier heraus!“, noch während ich das sagte, zog ich leicht ein paar mal am Seil, an dem Agarmendon hing, ein abgemachtes Zeichen, dass Runen und hoffentlich die anderen mittlerweile eingetroffenen Helfer, die Aufforderung gab, ihn hochzuziehen.
 

Es klappte und der Centauryn wurde langsam nach oben gezogen.

Doch irgendwas schien ihn zu beunruhigen: „Warte …“

„Was? Tut dir was weh?“

„Du … musst …“, er hielt mir seine Hand entgegen, noch war er nicht sehr weit weg vom Felsvorsprung auf dem ich stand. Ich würde auch gleich nach oben gezogen werden, aber offenbar behagte Agarmendon dieser Gedanke nicht, mich hier alleine zu lassen. Noch bevor ich diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, umschlang etwas meinen eigenen Fuß und zerrte mich sofort zu Boden. Doch ich schaffte es, mich so gerade eben an einigen abstehenden Felsen fest und so auf dem Vorsprung zu halten. Angst überhiel mich, lange konnte ich das nicht durchhalten!

Schließlich packte mich etwas und zog mich hoch, Agarmendon war an das Seil gekommen, an dem ich festgebunden hing, es bohrte sich schmerzhaft in meine Hüfte und Bauch, denn das Wesen zerrte weiter an mir.

„Deine … Hand …“, schnauzte Agarmendon und hielt mir seine vor Erschöpfung zitternde Hand entgegen. Ich erreichte sie und als unsere Hände sich berührten, ließ das Wesen abermals los.

Warum?

Im Grunde war es mir jetzt auch einfach egal.
 

Der Centauryn hievte mich irgendwie auf seinen Rücken, sicher kein angenehmes Gefühl, denn die Seile und mein zusätzliches Gewicht sorgten sicher für Schmerzen, wenn er nicht ohnehin welche hatte. Von seinem Rücken aus versuchte ich nach oben zu spähen, wir kamen der Oberfläche näher, doch es dauerte noch eine Weile. Mir kam es wie ein ganzer Tag vor. Zumal Agarmendon seinen Oberkörper nach unten hingen ließ und ständig kehlige Laute von sich gab, die er anscheinend versuchte so gut es ging zu unterdrücken. Ich glaube er musste sich sogar einmal kurz übergeben. Da strich ich ihm behutsam über den menschlichen Rücken.

„Wir sind gleich oben …“, was Besseres fiel mir einfach nicht ein.

„… ist schon … gut …“, lautete die knappe Antwort, die wie eine kaum aussprechbare Lüge klang.
 

Die Sonne erreichte uns und nur einen Augenschlag später half mir Runen von Rücken seines Bruders runter und Tariom sowie weitere Centauryn hebten Agarmendon aus der Schlucht. Ich fiel vor Runen auf die Knie und hielt mich für eine Weile an seinem Vorderbein fest. Erst dann traute ich mich, den Kopf zu wenden, um Agarmendon anzusehen. Der sonst so stolze Centauryn lag auf dem Boden wie erschlagen: kraftlos, blass und mit glasigen Augen, die einen Ausdruck der totalen Fassungslosigkeit verrieten. Wie ein müder Krieger, der eine Schlacht verloren hatte und nun den Tod erwartete.

Runen legte mir seine Hand auf den Kopf und strich mir sacht durchs Haar.

Die ausgewachsenen Centauryn legten Agarmendon auf ein weites Tuch und trugen ihn davon. Der Verwundete sprach etwas, was ich nicht verstand und so wie seine Klangmelodie sich anhörte, schien es was zu sich selbst zu sein. Sein Vater warf einen besorgten Blick auf Agarmendon, dann bogen sie auf ihrem Weg ab. Noch eine ganze Weile saß ich wie versteinert dar, bis Runen mich sacht hochhob und mit sich trug.