Kapitel  5:  Centauryn  und  die Menschen

„Was soll ich jetzt nur mit euch machen?“, mit einem Seufzer und strengen Blick schaute der große Centauryn, der Runens und Agarmendons Vater war und den Namen Tariom Akrelictom trug, stirnrunzelnd auf uns herab. Das großgewachsene Oberhaupt der Stadt, so hatte ihn Runen mir leise zuflüsternd vorgestellt, nachdem Lurnas Führung durch Charingard, mit dem Erscheinen Tarioms schlagartig ein Ende fand. Schnell geleitete man uns in ein großes, rundes Gebäude, welches von außen mit grünen Rankenpflanzen bewachsen und mit einigen blau bis grün schimmernde Edelsteine, entlang der Fenster und Eingangsumrandungen, geschmückt wurde.
 

Agarmendon stand ein wenig abseits und wirkte zwar aufmerksam aber nicht gehässig auf mich. Ich hätte eigentlich mehr Genugtuung in seinen Augen erwartet, jetzt wo Runens Vater offenbar auch keine besonders gute Meinung von uns besaß.

„Aber erst einmal möchte ich wissen, was genau geschehen ist, Runen“, begann Tariom weiter und sein Sohn versuchte sich zu erklären.

„Meine Gruppe und ich sind ausgezogen, um die Erdaktivitäten näher zu untersuchen.“

„Ja, das weiß ich, mein Sohn.“

Runen fuhr fort: „Ich wurde von meiner Gruppe getrennt und nach einem Kampf habe ich zunächst meinen Saphiliten verloren, doch ich konnte fliehen. Allerdings gelang es dem Elementale mich in die Irre zu führen und zu überrumpeln. Danach weiß ich nichts mehr, meine Erinnerungen setzten erst wieder nach meinem Freikommen ein.“
 

Geduldig hörte der Anführer zu, es war Agarmendon der leise von hinten flüsterte: „Sie gewinnen an Kraft. Solche heftigen Übergriffe hat es nicht mehr gegeben seit …“

„Ist gut, Agarmendon. Ich weiß …“

Die zwei Centauryn tauschen stumme Blicke, aus irgendeinem Grund sollte nicht offen ausgesprochen werden, was sie befürchteten.

Dann wandte sich Tariom erneut an uns: „Ich denke es ist besser, wenn ihr euch zunächst einmal ausruht. Wir müssen später beratschlagen ob deine kleine Freundin bei uns bleiben kann oder nicht, Runen.“

Mein Centauryn nickte still und schob mich aus dem Gebäude heraus, Tariom beobachtete uns aufmerksam, er sah mich besonders prüfend an und ich ärgerte mich, dass ich nicht ein Wort mit ihm gewechselt hatte. Aber möglicherweise war das auch ganz gut so. Wie auch immer, wir gingen an Agarmendon vorbei, der mich mürrisch anblickte und verließen das Rundgebäude.
 

Langsam neigte sich der Tag zu Ende und zum ersten Mal hatte ich Runen für mich alleine. Ich sah zu ihm hinauf und lehnte mich dann kurz gegen seine Pferdeschulter. Er lächelte müde, auch mir fühlten sich die Glieder schwer und ausgelaugt an.

„Was machen wir nun?“, fragte ich ihn und als Antwort zog er mich ein Stück hinter sich her. Nicht weit von dem großen Hauptgebäude aus dem wir gerade gekommen waren, fanden sich eine Gruppe von kleineren Bauten, die aber immer noch recht groß im Vergleich zu den meisten der Behausungen wirkten.

„Wir gehen für heute nach Hause.“

Das klang für mich gut und ich war gespannt darauf, wie Runen lebte.
 

Eines der Rundhäuser zeigte eine rötlich bemalte Außenwand, braun schimmernde Rankenpflanzen, die sich weit bis nach oben übers runde Dach ausstreckten. In genau dieses Haus gingen wir.

Im Inneren zeigte sich viel Platz, nur an den Rundwänden bauten sich hier und da einige Regale mit fremdartig wirkenden Gegenständen, natürlich geformten Edelsteinen sowie eine riesige Bettstatt aus Decken und weichen Pflanzenwerk, auf. Obwohl es eher einfach gehalten wirkte, schien es mir faszinierend und zauberhaft. Am oberen Rand der Wände, dort wo die Decke ansetzte, dessen Kuppel eine Art Glas bedeckte, zeigten sich filigran, aus funkelnden Edelsteinen, gesetzte Muster. Wenn ich mich nicht ganz irrte, dann zeigten diese Muster sogar kleine Geschichten. Ich hatte so viele Fragen, doch ich wollte Runen nicht damit sofort überfallen.
 

Ich muss wohl mit offenem Mund mitten im Raum stehen geblieben sein, denn als ich zu dem Centauryn rüber schaute, beobachtete er mich mit schief gelegtem Kopf und einem amüsierten Gesichtsausdruck.

„Ich schätze, du hast viele Fragen. Die habe ich auch, glaube mir. Doch vielleicht ist es für heute besser, wenn wir uns zur Ruhe legen. Morgen wartet ein anstrengender Tag auf dich und mich.“

Nickend stimmte ich zu. Mir war ohnehin nur seine Anwesenheit in diesem Augenblick wichtig.

„Eine Sache vielleicht noch“, meinte Runen schließlich und hob einen Arm Richtung Decke. Sofort kam ein kleines Tier herbeigeflogen, so flink, dass ich gar nicht genau feststellen konnte, wo es tatsächlich so schnell hergekommen war. Das flauschige Wesen landete auf Runens Handrücken und so konnte ich es genauer betrachten. Es sah aus wie ein kleines Kaninchen, mit taubengrauem Fell und Flügel am Rücken, außerdem einem kleinen Geweih auf dem Kopf. So ähnlich wie eine Art Wolpertinger, einem Fabelwesen von der Erde, der Heimat meiner Ahnen.
 

„Oh, ist das niedlich“, brachte ich verzückt hervor und das Tierchen wackelte putzig mit seinem Näschen, als es mich mit seinen großen dunklen Augen neugierig anschaute.

„Wir nennen sie Meroly und sie sind gut darin Nachrichten zu überbringen, wenn es auf anderem Wege nicht geht“, erklärte der rote Centauryn. Was genau er noch mit anderen Wegen meinen könnte, verkniff ich mir zu fragen, aber ich merke mir das für später vor.

„Schau, dort drüben findest du etwas, mit dem du eine Nachricht für deine Leute verfassen kannst, damit sie sich keine Sorgen machen brauchen. Oder konntest du dich richtig verabschieden?“

Stirnrunzelnd schüttelte ich den Kopf. Eigentlich war es nicht ganz in Ordnung gewesen, einfach so zu verschwinden, aber ich konnte doch nicht … egal, geschehen ist geschehen.
 

So ging ich zur Ablage, die Runen mir gezeigt hatte und fand dort etwas, dass aussah wie ein dunkles Stück Kreide und zwei Stücken papierähnlichem Material. Ob die Centauryn auch schrieben und zeichneten wie wir Menschen?

Wieder neue Fragen.

Schnell verfasste ich ein paar Worte, faltete das Blatt und ging zu Runen und dem Meroly zurück. Es schlug aufgeregt mit seinen kleinen Flügeln als wollte es endlich losfliegen. Es packte das Papier mit seinem Mäulchen und flog auch schon davon, es verschwand in einem winzigen Loch, oberhalb der Dachkuppel.

„Woher weiß es, wohin es fliegen muss?“

„Das ist einfach, sie sind sehr schlau und verstehen jedes Wort. Das kleine heißt Rireck und gehört schon seit Jahren zu meiner Familie als Freund und Helfer. Er hat verstanden, was wir von ihm verlangen, in dem er uns beobachtet und zugehört hat. Der Kleine wird seinen Weg finden, ganz sicher.“
 

. . .
 

Einige Zeit später lagen wir auf der großen gemütlichen Bettstatt, Runen neben mir, er schien bereits zu schlafen. Doch ich konnte einfach nicht. Alles wirkte so aufregend, so unfassbar. Meine Augen blickten zur gläsernen Dachkuppel und schauten zum blau-violetten Nachthimmel mit samt seinen Sternen hinauf. Von Draußen hörte ich Stimmen und leise Musik, offenbar war einigen Centauryn genauso wenig zum Schlafen zu Mute, wie mir.
 

„Kannst du nicht schlafen?“, hörte ich plötzlich seine Stimme hinter mir und ich drehte mich zu ihm um.

„Nein, irgendwie nicht …“

„Kein Wunder bei all den Ereignissen. Kann ich irgendwas für dich tun?“

„Ich weiß nicht … vielleicht doch ein paar Fragen beantworten?“

Runen schnaubte genüsslich und drehte sich so, dass er mich im Dunkeln besser ansehen konnte.

„Na schön, wenn es dir hilft besser zu schlafen. Was willst du wissen?“

„Runen, was genau ist das mit dem Bonding? Ist es schon öfter vorgekommen? Man erzählt es sich bei uns, doch ich kenne kaum jemanden, der in seiner Familie einmal einen Ahnen hatte, der von einem Centauryn erwählt worden ist.“

Ich musste mich zügeln, denn ich könnte noch weitere Fragen hinterherwerfen, doch ich spürte, dass alleine schon die Antwort auf diese Frage nicht mit einem kleinen Satz zur Lösung geführt werden konnte.
 

Er seufzte, dann begann er: „Es ist nicht so ganz einfach zu erklären. Im Grunde muss ich viel weiter ausholen, als du vermutlich gedacht hättest. Jedenfalls lebten unsere Ahnen früher mit Menschen zusammen, die genau wie du und deine Leute von einer anderen Welt zu uns gereist waren. Wir nahmen sie auf und lebten viele Jahrhunderte lang friedlich zusammen. Einige von den Menschen und uns Centauryn verband ein so enges Band, dass sie fühlen konnten, wie es dem anderen ging. Doch einige Menschen begannen ihre Kraft, dem eigenen Ego wegen, auszunutzen. Zuerst brachten sie ihren Centauryn dazu, sich ihren niederen Machenschaften anzuschließen, dann suchten sie die Deer-Centauryn auf, die sich auf kein Bonding mit Menschen einlassen wollten und versuchten welche von ihnen für sich einzunehmen. Deer-Centauryn hüten wichtige Geheimnisse unseres Planeten und der Natur und die Menschen sehnten sich nach all diesem Wissen. Am Ende töteten die Menschen viele der Deer-Centauryn, beinahe wären sie ausgerottet worden. Mein Volk erkannte den Verrat und so begann ein Krieg, bei dem es keine Gewinner gab. Beide Völker hatten große Opfer zu beklagen, schließlich wurden die Menschen des Planeten verwiesen.

Jahrhunderte vergingen und die Sterne überbrachten unseren Ahnen neue Weisungen, dass die Menschen wiederkehren würden und es erneut Bondings geben würde, damit die Wunden unseres Volkes geheilt werden könnten.“
 

Sprachlos hörte ich wie gebannt zu und fühlte eine unangenehme Enge in meinem Hals.

„Dann hat sich unser Volk also schwer an euch vergangen … Kann mich Agarmendon deshalb nicht leiden? Kein Wunder.“

„Was geschehen ist, liegt nicht zu Lasten deiner Schultern und was meinen Bruder angeht, der kann ohnehin kaum jemanden leiden …“

Mich wühlte dieses Wissen nur noch mehr auf, aber ich fühlte mich gleichzeitig auch erschöpft. Ein wenig unbeholfen robbte ich mich dichter an Runen heran, bis ich mit einer Schulter sein Fell berührte.

„Glaubst du, dass sie uns wieder trennen werden? Vielleicht glaubt dein Vater nicht an die Stärke unseres Bondings?“

Runen atmete einmal tief durch: „Glaubst du denn daran?“

„Ja, du nicht?“

„Doch. Und genau das, macht es unerheblich, was mein Vater glaubt.“

Ich lächelte im Dunkeln und wusste, dass er es mir gleichtat, auch wenn ich es nicht sehen konnte. Meine Augen fielen mir endlich zu und ich schlief ein.