Kapitel  4:  Die  Ankunft

Fasziniert schaute ich drein und freute mich, dass nun alles gut zu sein schien und auch Torkin sich langsam mit Hilfe einiger anderen Centauryn, die ebenfalls von Rand der Schlucht heruntergesprungen waren, aufstand und auf mich einen gesunden Eindruck machte.

Schließlich drehte der schwarz-braune Centauryn sich zu uns um und sein Blick sprach alles andere als eine freundliche Sprache, die grimmig funkelnden Augen fixierten Runen streng und stampfte mit schweren Hufen auf ihn zu.
 

Für einen Augenblick stand er nur stumm vor seinem Bruder, doch dann holte der Größere mit einer Hand aus und verpasste Runen eine Backpfeife. Erschrocken und entsetzt sprang ich zur Seite und klammerte mich an den Arm des Schwarz-Braunen, um zu verhindern, dass er den Schlag wohlmöglich wiederholen würde.

Der Centauryn funkelte mich bedrohlich an, als wolle er mir sagen: Finger weg! Zugleich zog mich Runen zu sich zurück, da hörte ich zum ersten Mal die Stimme seines Bruders, tief und donnernd, obwohl er nicht besonders laut sprach:

„Was denkst du dir eigentlich?

Wo sind eure Saphiliten*?

Durch dein verantwortungsloses Handeln hast du dich und andere in Gefahr gebracht, Runen! Bist du dir eigentlich darüber im klarem?“
 

Runen sagte nichts, sondern schaute seinen Bruder mit einem ebenso wütenden Blick an, während seine Wange rot glühte.

„Runen! Agarmendon! Schluss damit, sind alle soweit bei Gesundheit?“, eine noch beeindruckendere Stimme, als die tiefe von Runens Bruder, durchschnitt die Luft. Alle sahen hoch und ein riesiger Centauryn stand erhaben und ruhig am Rand der Schlucht. Seine Haare ähnelten denen von Agarmendon, nur dass sie auch Rottöne besaßen, sein Fell schimmerte rot-braun im Sonnenlicht. Die blauen Augen blickten autoritär auf uns herab.

Agarmendon deutete eine Verbeugung an und entgegnete: „Ja, Vater. Es sind alle soweit in guter Verfassung.“

Auch Runen nickte kurz und ich konnte erkennen, dass ebenso Torkin, nachdem der mächtige Centauryn ihn angeblickt hatte, ebenfalls nickte.
 

„Dann brechen wir sofort auf und klären alles Weitere zu einem späteren Zeitpunkt!“, erklärte der Vater der zwei Brüder und drehte sich sogleich um. Einige Centauryn folgten ihm, andere warteten, offenbar auf uns, wir konnten ja schlecht einfach nach oben springen.

Konnten wir nicht, oder?

Runen wollte mir auf seinen Rücken helfen und ich freute mich darauf endlich von meinem Centauryn getragen zu werden, aber eine grobe Berührung an der Schulter hielt mich zurück.

„Du bist zu schwach, Runen. Ich werde sie für dich tragen“, brummte Agarmendon und ich bekam kein gutes Gefühl bei dem Gedanken auf seinem Rücken sitzen zu müssen. Auf der anderen Seite wollte ich auch Runen nicht unnötig belasten. Ich sah ihm an, dass er am liebsten protestiert wollte, aber mein roter Centauryn schien zu wissen, dass es jetzt nicht die Zeit für Gegenwehr war. So fügte ich mich, wie sollte ich auch anders, denn bevor ich mich versah, hatte Agarmendon mich schon, mit seinem starken Arm, auf seinen Rücken verfrachtete.
 

Er trabte los ohne auf seinen Bruder zu achten und nickte nur kurz der kleinen Gruppe um Torkin zu, dann verließen wir die Schlucht auf demselben Weg, den ich zuvor mit den geflügelten Centauryn gekommen war.

Es musste bald dunkel werden, dennoch schien die Sonne wärmend auf uns herab. Es fiel mir leicht mich auf Agarmendons Rücken zu halten, er bewegte sich weich und sicher, ich merkte kaum irgendwelche ruckartigen Bewegungen. Das machte es ein wenig leichter für mich, denn ich wollte mich nicht unnötig an ihn festklammern müssen, aus der Befürchtung heraus, ich würde ihm damit noch mehr die ohnehin schon miese Laune verderben. Offenbar handelte es sich bei Agarmendon um einen Centauryn, mit dem man sich nicht so unbedingt schlecht stellen sollte, mal abgesehen davon, dass er anscheinend einen hohen Rang bestritt, denn alle zeugten ihm Respekt.
 

Schnell schloss Runen zu uns auf, ich fühlte mich gleich ein wenig erleichtert und lächelte ihm zu. Wie gerne hätte ich ihm unzählige Fragen gestellt, doch ich dachte mir, dass es gerade nicht der passende Zeitpunkt wäre, sie zu stellen und so noch mehr den Unmut seines Bruders auf mich zu lenken.

„Wir sind bald da“, erklärte Runen nach einer Weile ungefragt und dann konnte ich mir einfach nicht die Frage verkneifen:

„Wohin gehen wir denn?“

Und als wenn ich es geahnt hätte, erntete ich damit ein abfälliges Schnauben Agarmendons:

„Was glaubst du denn, wohin wir so spät noch gehen? Selbstverständlich nach Hause, in unsere Heimat-Städte Charingard. Und weil wir dich ja schlecht hier alleine zurücklassen können, musst du vorerst mitkommen.“
 

„Sie ist meine Bonding-Partnerin – meine Reiterin, sie hat jedes Recht Charingard ab jetzt auch als ihr Zuhause anzusehen“, protestierte mein roter Centauryn. Ruckartig verringerte der Schwarz-Braune das Tempo so, dass er mit Runen gleich auflief. Dabei wäre ich beinahe von der unerwarteten Schaukelei von seinem Rücken gefallen, unangenehmerweise musste ich mich an seine Schulter klammern, um das zu verhindern. Ungeachtet dessen packte Agarmendon Runen am Ohr und hielt ihn grob daran fest: „Das wird Vater entscheiden. Dass du noch nicht reif für so ein verantwortungsvolles Bonding bist, hast du bereits bewiesen. Und ich denke für deine kleine Freundin gilt das gleiche!“

In diesem Moment stieg Wut in mir hoch, was bitte sollte das heißen?
 

Wir bogen um eine Ecke und verließen den Wald, durch den wir eben noch getrabt waren und bogen in eine ungewöhnliche und fast märchenhafte Stadtlandschaft ein. Doch in diesem Augenblick konnte ich meinen Blick nicht für die einmaligen Häuser und das liebevoll geschmückte Drumherum erwärmen. Ich war wütend und zwar richtig. Mit einem Satz sprang ich von Agarmendons Rücken und baute mich so groß auf, wie ich nur konnte. Überrascht hielten die zwei Centauryn inne, die anderen liefen an uns vorbei, nur Torkin stoppte in kurzer Entfernung.

„Jetzt pass mal auf du Miesling! Es ist mir egal, wer du bist und was dich dazu berechtigt so herablassend über andere zu urteilen, aber ich will nicht, dass du so mit Runen oder mir redest! Und hör auf ihn so herum zu schupsen! Du bist eine richtig widerliche Per…, … Centauryn!“
 

Alle starrten mich ungläubig an, als hätte ich gerade etwas Unverfrorenes getan. Vielleicht hatte ich das sogar, doch es war mir egal. Ich schaute wütend zu ihm hoch und beobachtete wie sich seine Mine in Erstaunen veränderte.

„Sie … meint das nicht so“, griff Runen ein, doch sein Bruder wich meinen Blick nicht aus:

„Oh doch, ich denke das tut sie …“

„Jedes einzelne Wort …!“, unterstrich ich noch trotzig.

Seine Mine verfinsterte sich erneut und der Schwarz-Braune setzte dazu an, etwas zu sagen, sicher erneut was Gemeines, aber eine freundliche Stimme unterbrach ihn.

„Wie ich höre, hast du dich anscheinend von deiner besten Seite gezeigt, Aggi. Du solltest dich wirklich ein wenig zügeln“, sie musste einer weiblichen Centauryn gehören, die sich zugleich an Agarmendons mächtigen Körper vorbeischlängelte und zu mir rüber sah. Mir war ihr Näherkommen gar nicht bewusst gewesen. Ihr liebliches Aussehen und liebevollen Augen, die mich voller Neugier und Erwartung anblickten, ließen meinen Ärger sogleich vergessen … und machte mir gleichzeitig meinen Leichtsinn klar. Warum musste ich auch gleich so direkt sein? Ich habe keine Ahnung wer genau Agarmendon war, außer Runens Bruder. Er konnte eventuell sowas wie sein Ausbilder oder Ähnliches sein und musste ihn für sein Fehlverhalten rügen.

Was war nur in mich gefahren?
 

Die schöne Centauryn besaß langes, weiß-blondes Haar, das ihr wallend vom zierlichen Kopf hing, ihre schlanken Beine leuchteten im hell Rot, fast Rose schimmernden Fell, in der Abendsonne, sie strahlte Freude und Aufgeschlossenheit durch ihre hell-blauen Augen aus. Mit ihrer charmanten Art umschwärmte sie Agarmendon regelrecht, der ganz offensichtlich ihrem bezaubernden Wesen nichts entgegen zu setzen hatte, denn er lächelte sie versonnen an und schien mich sowie auch Runen völlig vergessen zu haben.

„Ich weiß, dass du es gut meinst, Liebster. Aber du solltest dich ab und an ein wenig zurücknehmen. Und unserem neuen Gast nicht verärgern“, sie war freundlich zu ihm und es bestand keinen Zweifel daran, dass sie sich gegenseitig sehr nahestanden, dennoch lachte sie und stellte auf nette Art dar, dass sie auf unserer Seite stand. Oder besser, sie rettete mir wahrscheinlich gerade die Haut.
 

Interessiert wandte sie sich nun an mich und nahm meine Hände aufgeregt in ihre: „Ich heiße Lurnacidrella, aber du kannst mich gerne Lurna nennen. Dieser Griesgram, wie du ihn nennst, ist mein Herz-Versprochener**. Und glaube mir, er ist nicht immer so“, sie warf Agarmendon kurz einen strengen Blick zu, als er anscheinend zu protestieren versuchte. Auf ihren Blick hin senkte er seine erhobene Hand und gab sich offenbar geschlagen.

„Ich bin so neugierig auf dich, ihr Menschen seit schon ein ganz eigensinniges Volk. Wie heißt du? Ich bin so neidisch auf Runen, dass er jetzt eine Bonding-Partnerin hat. Komm, ich zeige dir unsere Stadt!“

Überschwänglich zog sie mich mit sich und ich nannte ihr meinen Namen.

„Aurin, das ist ein sehr klangvoller Name, mir gefällt er sehr“, freute sich die Centauryn und mir wurde sie immer sympathischer. Mal abgesehen davon, dass sie wunderschön anzusehen und freundlich zugleich war, fühlte ich mich geehrt und erleichtert, dass sie mir Freundlichkeit entgegen brachte. Ich hatte schon die Sorge gehegt, alle könnten so sein wie Agarmendon.
 

Lurna führte mich durch die ersten Wege in Charigard hinein. Die Häuser sahen von außen fast so aus, als wären sie so aus der Erde erwachsen, sie wirkten wie bewachsene Steine oder Bäume, in denen sich Türen und Ausbuchtungen befanden, die wir als Fenster bezeichnen würden. Alles wirkte natürlich und groß, damit die Centauryn, dessen Körpermasse um einiges mächtiger war, als die von uns Menschen, sich immer frei bewegen konnten. Wo ich auch meinen Blick hinlenkte, überall blühte und grünte es, unzählige Blumen wuchsen an den Wegesrändern oder auf den Häusern, wunderschöne Steine in Farben, die ich noch nie auf solchen gesehen hatte, schmückten die Weges-Grenzen. Es liefen unglaublich viele verschiedene Centauryn durch die Stadt, so viele, dass ich ihre Einzelheiten so geschwind nicht erfassen konnte. Ihre unzähligen Merkmale, die sich hier und da bei einigen Exemplaren zwar wiederholten und dennoch bei jedem einzigartig schienen, faszinierten mich besonders.

Ich glaubte, ich könnte mein ganzes Leben damit verbringen, diesen Ort und seine Bewohner zu entdecken, so vielfältig wirkten die neuen Eindrücke auf mich.
 

. . .

A/N:

* Saphiliten sind bestimmte Edelsteine die die Centauryn zur Kommunikation benutzen. Sie werden später etwas näher beschrieben.

** Herz-Versprochener: Ich denke, man erahnt es, aber es bedeutet, dass Agarmendon und Lurna verlobt sind.